Kolumne · Über Bruno

Vom Matrosen zum Kapitänleutnant – meine Jahre bei der Marine

Bruno kam als junger Rekrut zur Marine und verließ sie viele Jahre später als Kapitänleutnant. Dazwischen lagen Nachtwachen, Verantwortung, Fehler, Kameradschaft und die Erkenntnis, dass gute Führung selten laut sein muss.

Inhalt

  1. Der erste Tag in Drangstedt
  2. Das erste Schiff
  3. Der Weg auf die Brücke
  4. Verantwortung für eine Mannschaft
  5. Was Kameradschaft wirklich bedeutet
  6. Der letzte Blick zurück

Der erste Tag in Drangstedt

Als ich zur Grundausbildung nach Drangstedt kam, war ich jung, neugierig und überzeugt, einigermaßen zu wissen, wie die Welt funktioniert. Die Marine brauchte nicht lange, um mir zu zeigen, dass meine Kenntnisse Lücken hatten.

Ich lernte früh aufzustehen, meine Sachen so zu ordnen, dass ich sie auch im Dunkeln fand, und Anweisungen beim ersten Mal ernst zu nehmen. Ich lernte außerdem, dass frisch geputzte Stiefel genau bis zur ersten Pfütze frisch geputzt bleiben.

Die Tage waren anstrengend. Trotzdem mochte ich die klare Ordnung. Jeder wusste, was von ihm erwartet wurde. Gleichzeitig wurde schnell deutlich, dass auf einem Schiff niemand nur für sich arbeitet. Wenn einer seine Aufgabe nicht erledigt, müssen andere die Folgen tragen.

Das war meine erste wichtige Lektion über Verantwortung.

Das erste Schiff

Auf meinem ersten Schiff war ich nicht der Mann mit den großen Entscheidungen. Ich war einer von vielen und übernahm die Aufgaben, die eben anfielen. Ausguck, Kabel tragen, Meldungen weitergeben und gelegentlich Kaffee holen, der auch bei Seegang in der Tasse bleiben sollte.

Die See beeindruckte mich. Sie war schön, aber nie dazu verpflichtet, freundlich zu sein. Wer glaubte, mit Mut allein auszukommen, wurde schnell bescheidener.

Bei Nachtwachen lernte ich, genau hinzusehen. Ein Licht am Horizont, eine Veränderung im Wind oder ein ungewohntes Geräusch konnten wichtig sein. Man durfte nicht bei jeder Kleinigkeit in Aufregung geraten. Man durfte sie aber auch nicht übersehen.

Diese Mischung aus Aufmerksamkeit und Ruhe hat mich mein ganzes Berufsleben begleitet.

Natürlich ging nicht alles glatt. Ich machte Fehler, wurde zurechtgewiesen und musste manches zweimal lernen. Auf See merkt man schnell, dass Ausreden keinen Kurs verändern. Entscheidend ist, ob man den Fehler versteht und beim nächsten Mal anders handelt.

Der Weg auf die Brücke

Mit den Jahren kamen Lehrgänge, neue Aufgaben und mehr Verantwortung. Navigation faszinierte mich besonders. Auf einer Karte wird aus einer großen, unruhigen See ein Raum, in dem man einen Weg finden kann. Trotzdem darf man nie vergessen, dass die Karte ruhig auf dem Tisch liegt und das Schiff nicht.

Ich durchlief verschiedene Dienstgrade und wurde schließlich Kapitänleutnant. Mit jedem Schritt änderte sich meine Aufgabe. Es ging immer weniger darum, etwas selbst besonders gut zu können. Wichtiger wurde, einer Mannschaft Sicherheit zu geben und Entscheidungen zu treffen, wenn nicht alle Informationen vorlagen.

Ein Vorgesetzter sagte einmal zu mir: „Wenn du möchtest, dass die Leute ruhig bleiben, musst du zuerst selbst ruhig werden.“

Dieser Satz war hilfreicher als mancher lange Lehrgang.

Verantwortung für eine Mannschaft

Als Kommandant eines Schnellbootes trug ich Verantwortung für Menschen und Material. Schnellboote haben ihren Namen nicht bekommen, weil sie gern gemütlich im Hafen liegen. Die Abläufe mussten sitzen, besonders nachts oder bei schlechtem Wetter.

Klare Ansagen waren wichtig. Ebenso wichtig war es, zuzuhören. Der Dienstgrad macht einen Menschen nicht allwissend. Ein erfahrener Kamerad erkennt manchmal früher, dass etwas nicht stimmt. Gute Führung bedeutet dann, diesen Hinweis ernst zu nehmen.

Ich habe auch erlebt, was Humor in einer angespannten Lage bewirken kann. Ein passender Satz nimmt Druck aus einem Raum. Er ersetzt keine Entscheidung, aber er hilft einer Mannschaft, wieder gemeinsam zu denken.

Humor darf dabei niemals auf Kosten desjenigen gehen, der gerade unsicher ist oder einen Fehler gemacht hat. Auf engem Raum merkt man sehr schnell, ob Menschen miteinander oder gegeneinander lachen.

Was Kameradschaft wirklich bedeutet

Das Wort Kameradschaft klingt groß. Im Alltag bestand sie oft aus kleinen Dingen. Jemand übernahm eine Wache, weil ein anderer erschöpft war. Einer brachte Kaffee, ohne gefragt zu werden. Nach einem Fehler wurde deutlich gesprochen, danach aber wieder gemeinsam gearbeitet.

Man muss sich nicht mit jedem Menschen an Bord besonders gut verstehen. Man muss sich aber aufeinander verlassen können.

Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Menschen verändert. Stärke zeigt sich nicht nur darin, eine schwierige Aufgabe allein zu lösen. Sie zeigt sich auch darin, rechtzeitig um Hilfe zu bitten und anderen den Rücken freizuhalten.

Der letzte Blick zurück

Als meine Marinezeit zu Ende ging, war ich nicht mehr der junge Mann, der in Drangstedt aus dem Bus gestiegen war. Ich hatte viele Seemeilen hinter mir, Verantwortung getragen und gelernt, dass ein ruhiger Ton oft weiter reicht als eine laute Stimme.

Nicht alles war romantisch. Es gab Müdigkeit, Abschiede, lange Abwesenheiten und Tage, an denen Pflicht einfach nur Pflicht war. Trotzdem bin ich dankbar für diese Jahre.

Sie haben mir Ordnung beigebracht, ohne dass ich deshalb jedes Leben in eine Tabelle pressen muss. Sie haben mir Respekt vor Verantwortung gegeben. Und sie haben mir gezeigt, wie wichtig Menschen sind, auf die man sich verlassen kann.

Die Uniform hängt heute nicht mehr bereit. Geblieben sind ein paar Gewohnheiten, einige Geschichten und meine Neigung, fünf Minuten zu früh da zu sein.

Helga hält das für übertrieben. Ich nenne es seemännische Pünktlichkeit.

In einer Sache sind wir uns einig: Den Kaffee kann man ruhig schon vorher aufsetzen.