Kolumne · Über Bruno Was ich versäumt habe – und was ich jetzt vorhabe
Bruno schaut ehrlich auf Dinge, die er zu lange aufgeschoben hat. Manche lassen sich nicht nachholen. Für anderes ist es noch nicht zu spät – wenn aus „irgendwann“ endlich ein Anfang wird.
Inhalt
Das unzuverlässige Wort „später“
Mit dem Älterwerden kommt nicht automatisch die Weisheit. Man bekommt zunächst einmal mehr Vergangenheit. Was man daraus macht, ist eine andere Frage.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich vieles, das gut war. Ich sehe aber auch Dinge, die ich immer wieder auf später verschoben habe.
Tanzen zum Beispiel.
Helga fragte mich mehr als einmal, ob wir einen Tanzkurs machen wollen. Ich fand jedes Mal einen Grund, warum gerade nicht der richtige Zeitpunkt war. Zu viel Arbeit, zu müde, der Rücken, das Wetter. Inzwischen kann ich ein Schnellboot drehen, aber beim Foxtrott sehe ich aus, als würde ein Gabelstapler einen Einkaufswagen verfolgen.
„Später“ ist ein bequemes Wort. Es verlangt heute nichts von uns. Leider hält es seine Versprechen nur selten.
Was ich zu spät verstanden habe
Ich habe lange geglaubt, Stärke bedeute, vieles allein zu schaffen. Fragen stellte ich erst, wenn ich gar nicht mehr weiterkam. Hilfe nahm ich an, wenn sie sich nicht mehr vermeiden ließ.
Heute sehe ich das anders. Rechtzeitig zu fragen spart Kraft und manchmal auch Ärger. Das gilt beim Arzt, bei einem amtlichen Schreiben, bei Technik und sogar bei einer wackelnden Leiter. Hilfe anzunehmen macht einen Menschen nicht kleiner. Es zeigt nur, dass er seine Grenzen ernst nimmt.
Auch beim Zuhören war ich nicht immer so gut, wie ich dachte. Wenn mein Bruder Karl oder jemand aus der Familie von einem Problem erzählte, hatte ich schnell einen Vorschlag. Ich meinte es gut. Trotzdem brauchte mein Gegenüber manchmal keinen Schraubendreher für die Seele, sondern Zeit.
Ich lerne noch immer, nicht jede Pause sofort mit einer Lösung zu füllen.
Dann gibt es die Versäumnisse, die ganz einfach klingen. Ich wollte Mundharmonika lernen. Ich wollte einmal ein kleines eigenes Boot bauen. Ich wollte Unterlagen, Vollmachten und wichtige Zugänge so ordnen, dass Helga oder die Familie sie im Notfall schnell findet.
Manches davon kann ich noch tun. Manches vielleicht nicht mehr genauso, wie ich es mir früher vorgestellt habe.
Nicht alles muss nachgeholt werden
Es wäre unsinnig, jetzt hektisch jedem alten Wunsch hinterherzulaufen. Ein Leben ist keine Liste, die vor Feierabend vollständig abgehakt werden muss.
Manche Träume gehörten zu einem jüngeren Mann. Ich darf sie freundlich ansehen, ohne sie noch erfüllen zu müssen. Vielleicht baue ich nie das Boot, das mir früher vorschwebte. Dann bleibt es eine schöne Vorstellung und kein Beweis für ein gescheitertes Leben.
Wichtiger ist die Frage: Was zieht heute noch an mir? Was würde mein Leben jetzt wirklich bereichern?
Beim Tanzen lautet die Antwort eindeutig: Helga würde sich freuen, und mir könnte ein wenig Bewegung nicht schaden. Also brauche ich keinen großen Plan. Ich brauche einen Termin.
Bei der Mundharmonika reichen zehn Minuten und die Bereitschaft, Matze vorübergehend einen anderen Raum anzubieten.
Und bei den wichtigen Unterlagen geht es nicht um einen vollkommenen Aktenordner. Es reicht, wenn die entscheidenden Dinge verständlich an einem bekannten Ort liegen.
Was ich noch vorhabe
Ich möchte meine Wohnung weiter so gestalten, dass sie sicher und angenehm bleibt. Nicht aus Angst vor dem Alter, sondern weil ein gutes Licht und freie Wege jedem guttun.
Ich möchte öfter kleine Ausflüge machen. Kein großes Reiseprogramm, sondern einen Hafen besuchen, am Wasser entlanggehen, guten Kaffee trinken und am Abend wieder im eigenen Bett liegen.
Ich möchte gemeinsam mit Helga kurze Videos ausprobieren, auch wenn ich eine Schreibmaschine noch immer für das ehrlichere Gerät halte. Vielleicht lässt sich ein praktischer Gedanke in einer Minute erklären. Helga glaubt fest daran. Ich glaube zunächst einmal Helga.
Außerdem möchte ich weiter schreiben. Nicht, um überall recht zu behalten. Ich möchte Erfahrungen so weitergeben, dass andere etwas damit anfangen können. Klar, freundlich und ohne den Eindruck, ein älterer Mensch müsse für jeden Handgriff eine neue Lebensphilosophie kaufen.
Vor allem will ich mir mehr Zeit für Menschen nehmen. Wenn Karl erzählt, möchte ich nicht schon nach dem zweiten Satz an der Lösung arbeiten. Wenn die Familie zusammenkommt, möchte ich nicht nur organisieren, sondern dabei sein.
Heute ist ein brauchbarer Anfang
Was versäumt wurde, lässt sich nicht zurückdrehen. Darüber kann man traurig sein. Man darf auch zugeben, dass man manches selbst verschleppt hat.
Aber der Rückblick soll nicht nur eine Anklage sein. Er kann zeigen, was heute wichtig ist.
Ich werde wahrscheinlich weiterhin Dinge aufschieben. Ich kenne mich. Doch ich möchte das Wort „später“ ein wenig seltener benutzen und öfter einen kleinen Anfang machen.
Nicht irgendwann Mundharmonika lernen, sondern am Dienstag zehn Minuten üben. Nicht irgendwann tanzen, sondern nach einem Kurs suchen. Nicht irgendwann die Familie anrufen, sondern heute.
Helga fragte mich kürzlich wieder: „Und wann tanzen wir nun?“
Ich holte schon Luft für eine vernünftige Begründung. Dann dachte ich an all die vergangenen „Späters“.
„Mittwoch?“, sagte ich.
Helga lächelte. „Geht doch.“
Vielleicht beginnt ein neuer Kurs manchmal mit einem einzigen Wort. Und ausnahmsweise heißt es nicht später.


