Kolumne · Über Bruno Zwei Herzen, ein Kurs
In Bruno leben der frühere Marinesoldat und der friedliebende Mensch nebeneinander. Für ihn ist das kein Widerspruch: Beide Seiten glauben an Verantwortung, Schutz und einen respektvollen Umgang miteinander.
Inhalt
Der Soldat und der friedliebende Mensch
Manchmal werde ich gefragt, wie meine Jahre bei der Marine zu meiner heutigen Haltung passen. Ich spreche oft über Frieden, über leise Worte und darüber, einen Streit nicht unnötig größer zu machen. Gleichzeitig bin ich stolz auf meine Dienstzeit.
Für manche klingt das wie ein Widerspruch.
Für mich sind es zwei Seiten derselben Verantwortung.
Der frühere Soldat in mir kennt klare Regeln, Vorbereitung und Pflichten. Er weiß, dass man in einer schwierigen Lage nicht kopflos handeln darf. Erst hinschauen, dann entscheiden. Er glaubt daran, dass Menschen einander schützen und dass jemand Verantwortung übernehmen muss, wenn es ernst wird.
Der friedliebende Mensch in mir glaubt ebenfalls an Schutz. Nur beginnt er im Alltag oft viel früher: beim Zuhören, beim Ton einer Antwort und bei der Entscheidung, nicht jede Auseinandersetzung gewinnen zu müssen.
Frieden beginnt nicht erst bei großen Konflikten
Frieden ist ein großes Wort. Es steht in Reden, auf Plakaten und in Geschichtsbüchern. Im normalen Leben zeigt er sich jedoch in kleinen Augenblicken.
Ich lasse jemanden ausreden, obwohl ich längst eine Antwort im Kopf habe. Ich entschuldige mich, wenn mein Ton zu scharf war. Ich trage dem Nachbarn eine schwere Tasche hoch, auch wenn wir bei der letzten Eigentümerversammlung verschiedener Meinung waren.
Das klingt nicht heldenhaft. Vielleicht ist genau das der Punkt.
Viele Konflikte werden nicht durch eine einzelne große Tat gefährlich. Sie wachsen durch viele kleine Kränkungen. Ein Satz wird lauter, der nächste härter, und irgendwann geht es nicht mehr um die Sache. Dann verteidigt jeder nur noch seinen Stolz.
Meine Marinezeit hat mir gezeigt, dass Selbstbeherrschung keine Schwäche ist. Wer Verantwortung trägt, darf nicht jedem ersten Ärger folgen. Man muss wissen, was man erreichen will und was man mit den eigenen Worten auslösen kann.
Klar sein, ohne hart zu werden
Friedlich zu sein bedeutet nicht, alles hinzunehmen. Es gibt Grenzen, die benannt werden müssen. Menschen brauchen Schutz. Manchmal ist ein deutliches Nein notwendig.
Der Unterschied liegt für mich darin, ob Klarheit den anderen Menschen absichtlich kleinmacht. Ich kann widersprechen, ohne zu beleidigen. Ich kann mich wehren, ohne jede mögliche Verletzung zurückzugeben. Das gelingt mir nicht immer. Aber ich halte es für den richtigen Kurs.
Helga sagt, in mir säßen ein Soldat und ein Friedensrichter am selben Küchentisch. Der Soldat möchte die Dinge ordnen. Der Friedensrichter möchte erst noch einmal hören, wie es den anderen damit geht.
„Und wer entscheidet am Ende?“, fragte ich sie einmal.
„Meistens ich“, sagte Helga.
Damit war das Thema für sie geklärt.
Im Ernst: Ich brauche beide Stimmen. Wenn ich aus Bequemlichkeit einer notwendigen Entscheidung ausweiche, erinnert mich der Soldat an mein Rückgrat. Wenn ich zu schnell und zu bestimmt werde, erinnert mich die andere Seite daran, dass Rückgrat auch ohne Ellbogen funktioniert.
Was von der Uniform bleiben darf
Eine Uniform legt man irgendwann ab. Die Haltung darunter verschwindet nicht automatisch. Manche Gewohnheiten möchte ich behalten: zuverlässig sein, vorbereitet sein, Verantwortung nicht weiterreichen, nur weil sie unbequem wird.
Andere Dinge musste ich neu lernen. Im Familienleben braucht niemand einen Tagesbefehl. Ein Mensch, der traurig ist, möchte nicht sofort einen Plan mit drei Maßnahmen. Manchmal möchte er einfach, dass jemand bleibt und zuhört.
Früher griff ich schnell nach einer Lösung. Heute versuche ich öfter zu fragen: „Willst du einen Rat oder soll ich dir erst einmal zuhören?“
Diese Frage hätte mir in vielen Jahren gute Dienste geleistet.
Zwei Herzen schlagen nicht gegeneinander
Ich sehe mich nicht als Mann, der zwischen zwei unvereinbaren Seiten hin- und hergerissen ist. Beide Seiten wollen im Grunde dasselbe: Menschen sollen sicher und würdevoll leben können.
Der Soldat in mir achtet auf die Grenze. Der friedliebende Mensch achtet darauf, wie ich sie verteidige. Der eine erinnert mich an Verantwortung. Der andere an Mitgefühl.
Vielleicht ist Haltung genau das: nicht nur zu wissen, wofür man steht, sondern auch darauf zu achten, wie man dort steht.
Ich glaube an klare Worte und an Hände, die nicht unnötig hart werden. Ich glaube an das Recht, sich zu schützen, und an die Pflicht, einen friedlichen Weg nicht vorschnell aufzugeben.
Zwei Herzen schlagen in mir. Aber sie schlagen nicht gegeneinander.
Sie halten gemeinsam den Takt.


