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Kolumne · Brunos Kolumne

Zwischen Flipflops und Wollsocken : Brunos sanfte Notlandung in den Herbst

Der Sommer zieht die Badehose aus und winkt vom Steg, während der Herbst schon den dicken Pullover überstreift. Bruno protokolliert im Bordbuch der Gefühle: Melancholie, Ziepen im Kreuz, dunkle Stunden – und kleine Rettungsanker gegen das Warten auf den nächsten Sommer.

Ich stehe am Küchenfenster, Tasse in der Hand, und höre zu, wie der Wind an der Markise schnuppert. Matze, der Kater, prüft professionell die Betriebstemperatur der Heizung (aktuell: kalt, Blick: vorwurfsvoll). Helga knipst ihr Ringlicht an und ruft: „Bruno, Herbst-Glow-Up! Das geht grad viral!“ – Aye, sage ich, und suche meinen Schal. So beginnt sie jedes Jahr, die sanfte Notlandung vom Sommer in den Herbst. Kein Absturz, eher eine holprige Landung mit ein paar Nachhopsern – die Knie melden „Runway well used“.

Der Sommer war, Hand aufs Herz, wie ein alter Kamerad auf Landurlaub: zu kurz, zu laut, zu schön, und plötzlich ist er wieder weg. Die Flipflops liegen unter der Garderobe wie gestrandete Fische, die Sonnencreme riecht nach Verheißung – und nach einem Rendezvous, das nicht mehr kommt. Die Abende werden schon dünn wie altes Papier, und irgendwo draußen übt ein Laubbläser den „Marsch der Verdammnis“. Kalle vom Nebenhaus bläst übrigens auch, aber nie im eigenen Garten. Ich notiere das im Logbuch unter „Feindliche Manöver“.

Körperlich ist der Übergang ein ehrlicher Verhandler. Das Knie knarzt wie ein alter Schott, die Schultern ziehen sich bei jedem Zugwind zusammen, als müsse gleich das Groß gerefft werden. Früher hatte ich Herbst in den Knochen, heute hat der Herbst wohl mich in seinen. Es ist kein Schmerz, der schreit – eher einer, der murmelt: „Junge, lauf langsamer.“ Ich antworte: „Alter, ich laufe gar nicht, ich wiege nur den Anker.“ Helga sagt, ich solle mich bewegen – „sanft“, „gezielt“, „mit Atem“. Ich atme dann so gezielt, dass selbst Matze höflich gähnt.

Gefühlslage? Ach, die Melancholie ist ein höflicher Gast. Sie klingelt nicht, sie sitzt einfach plötzlich am Tisch, rührt in meinem Tee und sagt: „Na, war’s schön?“ Und es war schön! Wassermelone am Balkon, Straßenmusik, Sonnenbrand an Stellen, die ich für sonnenbrandsicher hielt. Jetzt schauen die Blumen im Kasten, als hätten sie heimlich die Gebrauchsanweisung für den Rückzug gelesen. Man riecht schon Äpfel und feuchten Boden – und dieses eine Parfum namens „Abschied“. Ich bin nicht gut im Abschiednehmen, ich habe mich sogar einmal von einem Ferienstuhl verabschiedet. Helga sagt, das sei rührend. Matze sagt nichts, er ist Profi.

Und dann diese Dunkelheit. Sie rückt näher wie ein höflicher, aber bestimmter Ober, der das Licht dimmt, weil gleich die „späte Stimmung“ serviert wird. Der Kopf weiß: Es ist normal, es ist jedes Jahr so. Der Bauch knurrt: „Ich hätte gern noch eine Mütze Sonne zum Mitnehmen.“ Die Uhr wird demnächst wieder verstellt, ein jährlicher Sabotageakt am Bordzeitgefühl. Ich fühle mich dabei immer wie die Nachttischlampe in einem Hotel: offiziell vorhanden, praktisch schwer zu bedienen. Aber bitte, wir sind Marine, wir fahren auch bei Sicht Null – langsam, mit Licht am Bug, und ein bisschen mehr Pfefferminz im Tee.

Vom Warten auf den nächsten Sommer möchte ich gar nicht pathetisch sprechen – aber es ist ein Warten, das in Etappen kommt. Erst denkt man: „Och, der goldene Oktober!“ Dann blättert man einmal zu oft den Kalender und landet irgendwo zwischen Nikoläusen und Feldsalat. Der Trick, sagt Helga (während sie eine Salzlampe in die Kamera hält), sei, den Winter nicht als Ozean zu sehen, sondern als Inselhüpfen: Von Laternenlauf zu Adventskranz, von Zimtschnecke zu Wintersonne am Bach. Ich nicke tapfer und streiche in meiner Seekarte kleine Häfen ein: Suppen. Bücher. Anrufe. Kurzreisen ins Tageslicht. Und die „Große Deckenparade“ auf dem Sofa (Uniform: Wollsocken).

Was mich tröstet, ist, dass der Herbst nicht nur nimmt. Er schenkt auch: Luft, die schmeckt, als wäre sie frisch ausgewrungen. Licht, das durch die Bäume fällt wie durch buntes Glas. Geräusche, die plötzlich wieder hörbar sind – die Schritte der Nachbarin, das Schließen eines Kinderwagens, das Lachen, das nicht mehr von Grillzischen übertönt wird. Der Herbst ist der Moment, in dem die Welt flüstert und du sie wieder verstehst. Wenn man die Hände in die Jackentaschen schiebt, findet man manchmal noch einen Muschelstein. Dann sagt das Herz: „Aye, der Sommer ist nicht weg. Er hat nur Landgangspause.“

Natürlich gibt es Tage, da drückt es. Da kuschelt sich die Traurigkeit an den Nacken wie ein zu enger Schal. Dann hilft mir das Einmaleins der kleinen Handgriffe: Fenster auf, Schultern hoch und fallen lassen. Einmal um den Block „Klar Deck!“ marschiert. Eine Topfpflanze gegossen, die mich braucht (ungiftig, katzengerecht; Matze nickt). Ein Lied, das nicht von damals ist, sondern von heute – nicht weil früher alles besser war, sondern weil heute alles meins ist. Und wenn’s ganz dick kommt, rufe ich Rob an, und wir fluchen gemeinsam über Kalles Laubbläser. Geteiltes Fluchen ist halbes Fluchen.

Helga sagt, ich solle zum Schluss „einen Call to Action“ bringen – wegen Reichweite. Da bin ich alter Seebär gnädig: Liebe Leute, zieht die warmen Sachen an, aber lasst die Herzen dünn bekleidet. Werfen wir Leinen aus – zueinander. Klingelt mal bei jemandem, der auch nicht gern dem Sommer hinterherwinkt. Trinkt Tee, der nach Zuhause schmeckt. Und wenn die Dunkelheit zu früh reinkommt, macht ihr die Tür auf und sagt: „Setz dich, aber ich bleibe der Kapitän.“

Bis dann. Ich muss meine Flipflops unter der Garderobe trösten. Es sind brave Tiere. Sie überwintern gut.

Brunos kleine Rettungsanker bis zum nächsten Sommer

☐ Jeden Tag einmal kurz raus „auf Deck“ – fünf bis zehn Minuten Tageslicht, Nase in den Wind. ☐ Einen „Hafen im Kalender“ markieren: wöchentlich ein warmes Treffen (Kaffee, Telefonat, Spaziergang). ☐ Eine Wintersuppe als Hausgericht festlegen (mit Notizzettel an den Kühlschrank). ☐ Musikliste „Licht an!“ anlegen: fünf Lieder, die dich garantiert ins Heute holen. ☐ Eine Sache für die Hände: Stricken, Schrauben, Skizzen – Hauptsache, die Finger wissen, wofür sie da sind. ☐ Ein Fensterbrett begrünen (katzenfreundlich) – etwas, das dich braucht, wenn’s draußen grau ist. ☐ Mit Kindern/Enkeln eine Laternenrunde verabreden oder gemeinsam Plätzchen „Vorkosten“ – Termine früh eintragen. ☐ Abends Licht zähmen: eine Lampe statt Flutlicht, Tee statt Newsflut, ein Kapitel statt zehn Schlagzeilen. ☐ Matzeritis-Prophylaxe: jeden Tag einmal lachen – notfalls über den eigenen Wollsockensamba. ☐ Und wenn’s drückt: jemanden anrufen. Funk ist besser als Funkstille. Aye.