Kolumne · Brunos Kolumne Biggi vom Büdche und das Glühwein-Wunder hinterm Häuschen
Hinter Biggis Wasserhäuschen wird’s plötzlich still, warm und freundlich – und Bruno stolpert mitten rein in ein Glühweinfest ohne Gezänk.
Wenn man mir früher gesagt hätte, dass ein Glühweinbecher aus Pappe mal die Nachbarschaft zusammenklebt wie frisch angerührter Tapetenkleister, hätte ich gelacht. So ein richtiges, tiefes, maritimes „Ha!“ – und dann hätte ich mich wieder um wichtigere Dinge gekümmert. Zum Beispiel: Warum Helga glaubt, man könne Weihnachten mit einem Handyfilter retten. Oder warum Matze der Kater seit Tagen so guckt, als hätte er private Informationen über uns alle und überlegt nur noch, wann er sie veröffentlicht.
Aber dann kam Biggi.
Brigitte Kraus, die Biggi vom Büdche – eine Frau, die mit einem Blick gleichzeitig drei Dinge kann: dir Zigaretten rausgeben, dir ungefragt sagen, dass du müde aussiehst, und dabei die komplette Nachrichtenlage im Viertel aktualisieren. Biggi ist nicht einfach Kiosk. Biggi ist Infrastruktur. Ein lebender Kreisel: Wer einmal reinkommt, wird irgendwie weitergeleitet. Und meistens mit einem Spruch, der sitzt.
Jedenfalls hat diese Biggi es fertiggebracht, eine Genehmigung zu bekommen. Eine Genehmigung! Für hinterm Wasserhäuschen. Für die kleine Freifläche, wo ihr Lager ist, zwischen den Bäumen – dieser Ort, der normalerweise wirkt wie „hier wird nichts gefeiert, hier wird nur gestapelt“. Und wenn Biggi eine Genehmigung bekommt, dann nicht, weil sie brav Formulare ausfüllt. Dann, weil irgendein Amt irgendwann kapituliert hat. Wahrscheinlich hat jemand in der Behörde nach dem dritten Telefonat gesagt: „Geben Sie ihr einfach den Stempel, bevor sie persönlich vorbeikommt.“
Am Samstag, 16 Uhr, war Eröffnung. Die Uhrzeit ist wichtig, denn 16 Uhr ist in unserem Viertel die magische Grenze zwischen „ich bin noch unterwegs“ und „ich setz mich jetzt irgendwo hin und tue so, als hätte ich den ganzen Tag gearbeitet“. Biggi hat da hinten Tische und Bänke hingestellt, Weihnachtsbeleuchtung aufgehängt und es „Glühweinfest“ genannt. Nicht „kleiner Umtrunk“, nicht „Adventliches Beisammensein“. Nein. Fest. Große Ansage. Biggi macht keine halben Sachen. Wenn Biggi „Fest“ sagt, dann ist das ein amtlicher Zustand.
Ich bin da hin wie jemand, der sich eigentlich nur mal umgucken will. So der Klassiker: „Ich geh nur kurz.“ Helga hat mir noch hinterhergerufen, ich solle „was Nettes fühlen“, und ich hab geantwortet, dass ich grundsätzlich eher Dinge messe als fühle. Matze hat mich angesehen, als wüsste er schon, dass ich schwach werde. Katzen haben ja dieses Talent: Sie sehen in dir den Moment, bevor du selber ihn siehst.
Als ich um die Ecke kam, war da Licht. Richtiges Licht. Nicht so dieses kalte Laternenflackern, sondern warm, gelb, weich – als hätte jemand die Luft mit Honig eingerieben. Die Bäume hatten kleine Lichterketten an, nicht übertrieben, sondern so, dass man denkt: Ach, guck, hier hat jemand nicht nur dekoriert, sondern gemeint. Tische, Bänke, ein bisschen Tannengrün, irgendwo ein Radio, das Weihnachtslieder spielte, die nicht nerven, sondern einen nur ganz leise an früher erinnern. Und Menschen. Viele.
So um die hundert, hat man mir später gesagt. Ich glaube das sofort, weil es dieses typische Kommen-und-Gehen war: einer kommt, zwei gehen, drei stehen plötzlich da, wo eben noch Luft war. Man sieht nur immer wieder neue Gesichter zwischen den alten. Und das Verrückte: Keiner wirkte gestresst. Keiner war auf Krawall gebürstet. Keiner stand in der Ecke und wartete darauf, dass er endlich loslegen kann mit „Also ich sag dir mal was…“
Normalerweise ist das ja der Auftakt bei uns. Du brauchst nur fünf Leute und irgendwer sagt garantiert, dass früher alles besser war, dass heute alles schlimm ist und dass irgendwo da oben „die da“ sowieso machen, was sie wollen. Und dann geht’s los. Dann kippt die Stimmung wie eine wackelige Bierbank.
Aber diesmal nicht.
Ich bin durch die Reihen gegangen, langsam, wie ein alter Dampfer im Hafenbecken. Nicht, weil ich mich wichtig machen wollte, sondern weil ich neugierig war. Und weil Biggi, das muss man auch sagen, den Glühwein wahrscheinlich nicht nur wegen der Wärme verkocht, sondern wegen der Wirkung: Du nimmst einen Schluck, und dein Gesicht entspannt sich, als hätte jemand den Knoten hinterm Ohr gelöst.
Die Gespräche waren… ruhig. Und das meine ich nicht im Sinne von „langweilig“, sondern im Sinne von „endlich mal“. Da hat einer erzählt, dass er dieses Jahr zum ersten Mal allein Weihnachten machen muss und dass er dachte, er packt das nicht. Und dann hat eine andere gesagt, dass sie auch dachte, sie packt vieles nicht – und dann steht man halt doch noch hier und hält einen Becher in der Hand. Da hat jemand leise berichtet, dass die Knie nicht mehr so wollen, aber dass er sich jetzt ein bisschen sinnvoll bewegt: jeden Tag einmal ums Haus, auch wenn’s langsam ist. Und da hat einer gelacht und gesagt: „Ich beweg mich auch – von der Couch zum Kühlschrank“, und alle haben gelacht, aber nicht böse, sondern so, dass man merkt: Wir kennen das alle.
Und so ging das weiter. Kleine Jahresbilanzen. Keine großen Reden. Keine Predigten. Nur Menschen, die sich gegenseitig erzählen, was war. Was schwer war. Was irgendwie trotzdem ging. Was ihnen fehlt. Was ihnen gut tut. Und was sie sich wünschen, ohne gleich zu fordern.
Ich hab irgendwann gemerkt, dass es tatsächlich keine politischen Gespräche gab. Nicht mal so hintenrum, nicht mal so „man darf ja nichts mehr sagen“. Nichts. Als hätten alle unbewusst beschlossen: Heute lassen wir die Welt draußen. Heute reden wir über unser Viertel. Über unsere Leute. Über unsere Geschichten. Heute braucht keiner recht haben.
Und dann passierte das Nächste: Es gab keinen Streit. Wirklich keinen. Ich hab mich schon umgeguckt, weil ich es nicht glauben wollte. Ich hab sogar kurz gedacht, vielleicht stehe ich versehentlich in einem anderen Stadtteil. Aber nein – da war Biggis Büdche, da war der Baum, an dem immer die gleiche Plastiktüte hängt, und da war dieser vertraute Geruch aus Glühwein, kalter Luft und den Schals, die alle nach Keller und Waschmittel riechen.
Biggi selbst stand da wie eine Kapitänin auf der Brücke. Sie hatte ihren Platz, klar. Sie hatte alles im Blick. Und sie hat es geschafft, dass jeder sich irgendwie zugehörig fühlte. Wenn einer alleine stand, ging sie hin. Wenn einer zu laut wurde, hat sie ihn mit einem Spruch wieder eingefangen. Wenn einer traurig guckte, hat sie ihm nachgeschenkt, ohne großes Gerede. Biggi ist nicht zart. Biggi ist nicht „ach, du Arme“. Biggi ist eher: „Komm, stell dich hin, du gehörst dazu.“ Und manchmal ist das genau die Sorte Zuneigung, die man braucht.
Ich blieb an einem Tisch stehen, wo zwei ältere Frauen ihre Becher aneinander hielten, als wäre das eine kleine Zeremonie. Sie erzählten, dass sie sich im letzten Jahr öfter angerufen haben, weil beide schlechte Nächte hatten. „Wir haben uns gegenseitig wach gehalten“, sagte die eine. Und die andere meinte: „Besser als alleine wach.“ Das war so ein Satz, der einem in die Jacke kriecht und bleibt.
Ein paar Meter weiter erzählte jemand, dass der Enkel endlich wieder mal zu Besuch war, aber nur kurz, weil „die haben ja immer so viel“. Und dann sagte ein anderer: „Kurz ist besser als nie.“ Und ich dachte: Da ist es wieder, dieses Familien-Dreieck. Senior, Kind, Enkel. Man sitzt da wie die Ecke eines Tisches und hofft, dass die anderen Ecken nicht wegrutschen. Und manchmal hilft schon ein Fest hinterm Kiosk, damit man sich wieder gerade hinsetzt.
Ich hab in dem Moment verstanden, was Biggi da eigentlich gemacht hat. Sie hat nicht einfach ein Glühweinfest veranstaltet. Sie hat einen Ort gebaut, an dem man sich gegenseitig nicht bewertet, sondern begegnet. Einen Ort, wo du erzählen darfst, wie dein Jahr war, ohne dass dir jemand gleich erklärt, wie du es hättest besser machen müssen. Einen Ort, wo du nicht „funktionieren“ musst, sondern einfach da bist. Und das mitten im Advent, wo sonst alle so tun, als müssten sie fröhlich sein, weil’s im Kalender steht.
Es wurde später. Die Lichter wirkten dichter, als wäre die Dunkelheit draußen schwerer geworden und wir hätten hier drinnen was Dagegen-Helles aufgebaut. Irgendwer sang kurz mit, aber keiner machte einen Auftritt draus. Einer brachte Plätzchen, die nicht perfekt aussahen, aber nach Heimat schmeckten. Ein Junge lief rum und sammelte Becher ein, weil er dafür einen extra Kakao bekam – und da dachte ich, das ist das eigentlich Schöne: Hier wird nicht nur geredet. Hier tut jeder ein kleines bisschen was.
Als ich ging, hatte ich diesen seltenen Zustand: leicht. Nicht besoffen leicht, sondern innerlich. Als hätte jemand in mir den Druck abgelassen. Ich hab Biggi zum Abschied genickt, sie hat zurückgenickt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie in dem Moment wusste: Der Bruno schreibt da drüber. Und wenn Biggi was weiß, dann weiß Biggi es als Erste.
Zu Hause stand Helga in der Küche, mit diesem Blick, als hätte sie längst gemerkt, dass ich nicht „nur kurz“ war. „Na?“, fragte sie. Und ich wollte schon den üblichen Quatsch antworten, irgendwas mit Einsatzlage und Glühweinprüfung. Aber dann hab ich einfach gesagt: „Es war schön. Wirklich schön.“
Helga hat gelächelt. Matze hat gegähnt, als wäre das alles keine Überraschung. Und ich dachte: Vielleicht ist Weihnachten manchmal genau das. Keine großen Geschenke, keine perfekten Familienfotos, keine Weltrettung im Lichterkettenformat. Vielleicht ist Weihnachten manchmal einfach ein Tisch hinterm Wasserhäuschen, ein warmer Becher in der Hand – und hundert Leute, die sich mal wieder vertragen, als wäre das die normalste Sache der Welt.
Und wenn Biggi das hinkriegt, dann, Leute… dann ist noch Hoffnung im Viertel.


