Kolumne · Brunos Kolumne Biggi vom Büdche und das Glühwein-Wunder hinterm Häuschen
Hinter Biggis Wasserhäuschen wird es für einen Abend warm und friedlich. Bruno erlebt, wie ein paar Lichter, heiße Getränke und offene Ohren ein Viertel zusammenbringen.
Inhalt
Biggi vom Büdche ist in unserem Viertel mehr als eine Kioskbesitzerin. Sie verkauft Zeitungen, Getränke und Süßigkeiten. Nebenbei weiß sie, wer krank ist, wer Geburtstag hat und wer seit Tagen nicht mehr vor der Tür war.
Als Biggi ankündigt, hinter dem Wasserhäuschen ein kleines Glühweinfest zu veranstalten, bin ich neugierig. Helga sagt, ich solle hingehen und „etwas Nettes fühlen“. Ich verspreche nichts.
Licht hinter dem Häuschen
Am Samstag um vier stehen dort Tische und Bänke. Zwischen den Bäumen hängen warme Lichter. Ein wenig Tannengrün, leise Musik, heiße Getränke mit und ohne Alkohol. Nichts wirkt groß oder besonders teuer. Trotzdem fühlt sich der Platz sofort einladend an.
Ich wollte nur kurz schauen. Dann entdecke ich immer mehr bekannte Gesichter.
Biggi begrüßt jeden, als hätte sie genau auf diese Person gewartet. Wer allein steht, wird an einen Tisch gestellt. Wer zu laut wird, bekommt einen ihrer trockenen Sprüche. Das reicht meistens.
Für einen Abend muss keiner recht haben
Normalerweise dauert es bei einer größeren Runde nicht lange, bis Politik, Preise oder die allgemeine Weltlage den Ton übernehmen. An diesem Abend geschieht etwas Seltenes: Die Menschen reden über sich selbst.
Einer erzählt, dass er zum ersten Mal Weihnachten allein verbringen wird. Eine Frau sagt, sie habe ebenfalls Angst vor den stillen Tagen. Zwei andere verabreden sich spontan zum Kaffee.
Jemand berichtet von seinen täglichen kleinen Spaziergängen, weil die Knie sonst noch steifer werden. Ein Mann antwortet, er bewege sich auch regelmäßig, meistens vom Sofa zum Kühlschrank. Alle lachen, ohne ihn auszulachen.
Vielleicht war das Biggis eigentliches Wunder: Für ein paar Stunden brauchte niemand recht zu behalten.
Kleine Sätze bleiben hängen
An einem Tisch sitzen zwei ältere Frauen. Beide kennen schlaflose Nächte. Sie erzählen, dass sie einander manchmal spät anrufen.
„Dann sind wir wenigstens nicht allein wach“, sagt eine.
Der Satz bleibt bei mir.
Ein paar Meter weiter spricht jemand über einen Enkel, der nur kurz zu Besuch war. „Kurz ist besser als gar nicht“, meint sein Nachbar. Auch das ist keine große Weisheit. Es ist nur ein freundlicher Blick auf etwas, das weh tut.
Solche Gespräche entstehen selten bei einem geplanten Vortrag über Einsamkeit. Sie entstehen, wenn Menschen an einem warmen Ort nebeneinanderstehen und niemand sofort eine Lösung verlangt.
Biggis Art von Fürsorge
Biggi ist keine Frau für zarte Ansprachen. Wenn jemand traurig aussieht, sagt sie nicht: „Du Armer.“ Sie schiebt einen Stuhl heran und sagt: „Setz dich dazu.“
Manchmal ist genau das die bessere Hilfe. Kein Mensch muss seine ganze Geschichte erzählen. Es reicht, nicht am Rand stehen zu bleiben.
Auch andere tragen ihren Teil bei. Jemand bringt Plätzchen. Ein Junge sammelt Becher ein und bekommt dafür Kakao. Einer hilft beim Nachlegen der Getränke. Gemeinschaft entsteht nicht durch ein großes Programm, sondern durch viele kleine Handgriffe.
„Es war wirklich schön“
Als ich nach Hause gehe, bin ich länger geblieben als geplant. Nicht wegen des Glühweins. Der Abend hat etwas in mir gelöst, von dem ich vorher nicht wusste, dass es festsaß.
Helga wartet in der Küche. „Na? Hast du etwas Nettes gefühlt?“
Normalerweise hätte ich einen Witz gemacht. Dieses Mal sage ich einfach: „Es war wirklich schön.“
Vielleicht braucht ein Viertel keine großen Veranstaltungen, um näher zusammenzurücken. Manchmal genügen ein paar Lichter, ein warmer Becher und eine Frau, die jedem deutlich macht: Stell dich dazu. Du gehörst heute mit an den Tisch.


