Kolumne · brunos meckerkiste Abo bezahlt, trotzdem Staffel extra – na klar
Erst locken sie dich rein, dann schneiden sie die Serie in Scheiben: Staffel 1 drin, Staffel 2 kostet. Folge 1 gratis, ab Folge 2 zahlst du. Bruno platzt der Kragen.
Ich zahle also brav mein Monatsabo, weil man mir versprach: „Alles an einem Ort, Bruno! Ein Klick, endlos Geschichten!“ – und dann sitze ich da mit Tee und Hoffnung, will in die zweite Staffel schnuppern, und der Bildschirm flüstert in Kassenbon-Tonlage: „Nicht enthalten. Jetzt kaufen.“ Kaufen? Ich habe doch gerade gezahlt. Aber offenbar bin ich nur Mitglied im Vorspeisenclub. Hauptgang gibt’s, wenn das Portemonnaie nochmal singt. Dessert? Nur mit „Premium Plus Ultra“. Ich schwöre, irgendwo hinter dem Startbildschirm reibt sich ein Controller die Hände wie ein Straßenmagier: „Guck mal hier, Bruno – Staffel eins! Und zack, da ist sie weg. Aber keine Sorge, für nur 19,99 findest du sie unter deinem Hut wieder.“
Die neueste Folter nennt sich „Staffel-Slalom“: Eins inbegriffen, zwei zu kaufen, drei wieder drin, vier exklusiv im Nebenhaus, fünf gratis, aber nur, wenn du barfuß bei Neumond den Algorithmus anbetest. Ich habe Serien gesehen, die öfter umgezogen sind als ich in meinem ganzen Leben. „Jetzt bei uns!“ – „Doch nicht mehr bei uns!“ – „Nur noch leihen!“ – „Doch wieder kaufen!“ – Die einzige Konstante ist der Moment, in dem du genau da bist, wo’s spannend wird, und dir jemand eine digitale Schranke ins Gesicht knallt. „Erste Folge kostenlos!“ – Das ist kein Service, das ist Anfütterung. Medien-Angeln mit Teaserwurm. Und wenn du angebissen hast, ziehst du dich selbst ins Boot.
Helga sitzt neben mir, zupft am Plaid und sagt: „Ach komm, die zweite Staffel kostet doch nur so viel wie zwei Brezeln und ein Kaffee.“ – Ja, genau, nur. Und nächsten Monat kosten drei alte Filme so viel wie ein Kasten Wasser, und der Director’s Cut einer 90er-Jahre-Komödie schlägt zu Buche wie eine kleine Steuer. Dieses „nur“ frisst dich nicht in großen Bissen, es knabbert dich weg. Und du merkst es erst, wenn der Kontoauszug aussieht wie eine Perlenkette aus Mikrobeträgen – hübsch, nutzlos, schneidet ein.
Am schönsten sind die „Paketlogiken“, die vermutlich im Keller von Sisyphos Consulting entworfen wurden. „In deinem Abo enthalten: Staffeln 1–3.“ – „Hurra!“ – „Staffel 4: kaufbar.“ – „Wie bitte?“ – „Staffel 5: wieder enthalten.“ – „Natürlich, warum auch nicht.“ Dramaturgie am Fließband, Rechte-Karussell gegen Aufpreis. Ich will ja gar nicht alle Rechte besitzen, ich will nur gucken! Aber offensichtlich bin ich kein Zuschauer, ich bin ein Pay-per-Emotion-Kunde. Jede Wendung kostet: „Wie reagiert sie?“ – 2,99. „Lebt er noch?“ – 4,99. „Staffelfinale?“ – Preis auf Anfrage, bitte erst AGB akzeptieren, die länger sind als die Staffel selbst.
Wenn du denkst, schlimmer wird’s nicht, kommt der Hinweis: „Dieser Titel verschwindet bald aus deinem Abo – jetzt kaufen und behalten!“ Die digitale Wegelagerer-Psychologie: erst drohen, dann kassieren. Kaufen wohin eigentlich? In ein Schließfach, das verschwindet, wenn ein Anbieter mal wieder „sein Portfolio bereinigt“? Ich habe „gekaufte“ Inhalte verloren, weil irgendeine Lizenz in den Urlaub fuhr. Und der Support schrieb mir, als wäre ich zum Trost adoptiert: „Danke für dein Verständnis.“ Mein Verständnis hat längst einen neuen Haushalt gefunden.
Natürlich bleibt die Werbung. Selbst in den heiligen Hallen der „ohne Werbung“-Tarife schleicht sie als Eigenpromo, Markenplatzierung, Pre-Roll für irgendwas „Exklusives“. Ich bezahle, damit ihr mich in Ruhe schauen lasst. Stattdessen erklärt mir vor Episode zwei ein lächelnder Algorithmus, was ich als Nächstes lieben werde, bevor ich überhaupt weiß, ob ich das Jetzige überlebe. Und mitten in der Szene dehnt sich der Player wie Kaugummi und flüstert: „Schon gewusst? Staffel zwei jetzt im Store!“ – Ich wusste viel, aber nicht, dass man mich so offen am Nasenring führt und mir dafür noch ein Treueabzeichen an die Jacke pinnt.
„Alle anderen murren doch auch nicht“, sagen sie. Stimmt. Wir murren leise, in die Kissen, während der Fortschrittsbalken von „Lade Zahlung“ schneller läuft als der von „Spiele ab“. Wir haben uns dran gewöhnt, dass digitale Türen nicht aufgehen, wenn man nur klopft; man muss erst einen Obolus in den Briefschlitz werfen, und dann kommt ein Chatbot und fragt, ob er „sonst noch etwas“ tun kann. Ja. Du könntest mich an eine Zeit erinnern, in der Kultur nicht im Takt von Paketoptionen atmen musste.
Und dann die „Leihen vs. Kaufen“-Lüge. Leihen heißt: 48 Stunden. Kaufen heißt: so lange, bis die Rechte ablaufen, der Store schließt oder dein Gerät zur Antiquität erklärt wird. In der echten Welt benutze ich einen Hammer von 1987. Im Streamingland ist 2019 bereits Archäologie – bitte aktualisieren Sie Ihr Endgerät, kaufen Sie das Format neu, lächeln Sie, wir meinen es doch nur gut. Ihr meint es gut? Ihr meint es teuer. Und ich meine: Lasst mich atmen.
Ich bin kein Romantiker. Von mir aus verdient Geld, baut Server, bezahlt faire Gagen. Aber verkauft mir nicht die gleiche Geschichte in Scheiben, nur damit die Kasse öfter klingelt. Gebt mir klare Ansagen: ein Preis, ein Katalog, ein ruhiger Abend. Keine Lockvogel-Folge, kein Staffel-Hopping, kein „in deinem Land nicht verfügbar“ auf dem Sofa im eigenen Wohnzimmer. Wenn ihr schon Spaß am Zersägen habt, zersägt eure Margen, nicht meine Geduld.
Bis dahin mache ich etwas, das inzwischen Luxus ist: Ich schalte aus. Ich lese ein Buch, das mir nach Kapitel 7 nicht plötzlich einen QR-Code hinhält. Oder ich krame die alte DVD aus der Schublade, die keine Cloud kennt und trotzdem funktioniert. Und wenn ich wirklich schwach werde, hole ich Rob rüber; dann schauen wir zusammen Staffel 1, lachen über den Cliffhanger – und lassen Staffel 2 einfach… warten. Vielleicht merkt der Markt ja irgendwann, was wir längst spüren: Geschichten gehören in Herzen, nicht in Kassenfächer.


