Kolumne · Erinnerungen

Zwei Wochen Ewigkeit – Sommerliebe am Ossiacher See

Ein Campingplatz, zwei Nachbarsjungen und zwei Mädchen aus Holland: Bruno erinnert sich an eine Sommerliebe, die nur vierzehn Tage dauerte und trotzdem bis heute geblieben ist.

Inhalt

  1. Ein Sommer Anfang der Siebziger
  2. Die Mädchen aus Holland
  3. Almdudler und eine warme Hand
  4. Der Abschied kam zu früh
  5. Ein Foto, das alles bewahrt

Ein Sommer Anfang der Siebziger

Manche Sommer sind warm, schön und irgendwann vorbei. Andere bleiben im Gedächtnis, als hätten sie dort ihr Zelt aufgeschlagen.

Anfang der Siebziger verbrachte ich mit meiner Familie zwei Wochen auf einem Campingplatz am Ossiacher See. Unsere Nachbarn waren ebenfalls dabei, mit ihrem Sohn Norbert. Er war dreizehn, ich vierzehn. Damals hielt ich dieses eine Jahr Unterschied für den Abstand zwischen Kind und fast erwachsen.

Der Platz war eine kleine Welt für sich. Morgens roch es nach nassem Gras, später nach Sonnenöl und Ravioli aus der Dose. Aus einem Kofferradio kamen die Beatles oder Udo Jürgens. Vor uns lag der See, dahinter standen die Berge.

Die Mädchen aus Holland

Ein paar Stellplätze weiter bauten zwei holländische Familien ihre Zelte auf. Zu ihnen gehörten zwei Mädchen in unserem Alter. Sie hießen, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, Marijke und Anneke.

Norbert und ich liefen von da an auffällig oft an ihrem Zelt vorbei. Wir versuchten lässig zu wirken und redeten uns ein, wir könnten genug Englisch für ein Gespräch. Zum Glück braucht man mit vierzehn nicht viele Worte. Ein „Hallo“, ein Lachen und ein gemeinsamer Weg zum Wasser reichten.

Bald legten wir unsere Handtücher neben ihre. Wir schwammen weiter hinaus als nötig, erzählten Dinge, die nicht besonders lustig waren, und lachten trotzdem viel. Jeder Tag bekam plötzlich einen Mittelpunkt.

Almdudler und eine warme Hand

Abends saßen wir manchmal an den Holztischen der kleinen Campingplatz-Gaststätte. Vor uns standen Flaschen mit Almdudler. Die Kräuterlimonade schmeckte nach Urlaub und ein wenig nach großer Freiheit.

Eines Abends rückte Marijke näher. Ihre Schulter berührte meine. Dann legte sie ihre Hand auf meine. Sie war warm und ein bisschen klebrig von der Limonade. Ob ihre Hand zitterte oder meine, weiß ich nicht mehr.

Um uns herum liefen Gespräche und Musik weiter. Für mich wurde alles still. Zwei Hände hielten sich, als wüssten sie, dass ihnen nur wenig Zeit blieb. Norbert saß mit Anneke neben uns. Auch dort wurde gekichert, geschubst und vorsichtig umarmt.

Es gab ein paar unbeholfene Küsse. Mal traf man die Wange, mal fast nur die Luft. Wir waren keine Filmhelden. Für uns fühlte es sich trotzdem wie die große Liebe an.

Der Abschied kam zu früh

Die zwei Wochen vergingen viel schneller, als ein Vierzehnjähriger für möglich hält. Dann wurden Heringe aus dem Boden gezogen, Stühle zusammengeklappt und Autos beladen.

Wir versprachen, uns zu schreiben. Adressen landeten auf Servietten und kleinen Zetteln. Vermutlich überlebten sie nicht einmal die nächste Wäsche. Es gab eine letzte Umarmung, dann setzte sich das Auto in Bewegung.

Wir winkten, bis es nicht mehr zu sehen war. Im Gras blieb noch eine Weile der helle Abdruck des Zeltes. Später verschwand auch er.

Ein Foto, das alles bewahrt

Viele Jahre später fand ich eine vergilbte Aufnahme. Vier Jugendliche stehen vor einem Zelt: zwei Jungen, zwei Mädchen, braun von der Sonne und viel zu ernst in ihrer Haltung. Einer hält eine Almdudler-Flasche.

Das Foto ist schlecht belichtet und etwas unscharf. Ich würde es trotzdem niemals wegwerfen. Wenn ich es ansehe, erinnere ich mich an dieses ungeheure Vertrauen, mit dem junge Menschen glauben, ein Gefühl müsse für immer dauern, weil es gerade so groß ist.

War es wirklich die große Liebe? Aus heutiger Sicht wohl nicht. Damals war sie es. Sie war groß genug, um morgens früher aufzustehen und abends mit klopfendem Herzen zur Gaststätte zu laufen.

Manche Geschichten dauern ein Leben lang. Andere nur vierzehn Tage am Ossiacher See. Ihre Länge sagt wenig darüber aus, wie tief sie sich in uns festsetzen. Noch heute genügt eine Flasche Almdudler im Regal, und für einen Augenblick bin ich wieder vierzehn.