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Kolumne · erinnerungen

Zwei Wochen Ewigkeit : Sommerliebe am Ossiacher See

Ein Campingplatz am Ossiacher See, zwei Nachbarsjungen, zwei holländische Mädchen, Almdudler in der Hand und Händchenhalten im Sonnenuntergang: Zwei kurze Urlaubswochen, die sich anfühlten wie die große Liebe – und bis heute unvergessen sind.

Es gibt Sommer, die einfach Sommer sind – warm, schön, vorbei. Und es gibt diese anderen Sommer, die sich irgendwo im Herzen festkrallen und sagen: „Ich bleibe.“

Ossiacher See, Campingplatz, Anfang der Siebziger. Der See lag da wie eine glattgezogene Zinnplatte, in der Ferne die Berge, morgens noch mit einem Rest kühlen Dunstes. Wir hatten das alte Zelt meiner Eltern, die Nachbarn ihr etwas moderneres Modell mit Vorzelt, Campingtisch und diesen wackeligen Stühlen, in denen man immer ein bisschen schief saß.

Mit dabei: unsere Nachbarn – und ihr Sohn Norbert. Norbert war dreizehn, ich vierzehn. Der feine Unterschied, von dem man denkt, er mache einen großen Unterschied, weil man ja „schon vierzehn“ ist und damit praktisch ein halber Erwachsener. In Wahrheit waren wir zwei Jungs mit Badelatschen, kurzen Hosen und viel zu großen Träumen.

Der Campingplatz war eine eigene kleine Welt: das Klappern der Geschirrkisten, irgendwo läuft ein Transistorradio, das „Let It Be“ oder irgendwas von Udo Jürgens dudelt, der Geruch von Sonnenöl, Ravioli aus der Dose und nassem Gras am Morgen.

Und dann waren da die beiden Holländerinnen.

Sie tauchten nicht mit Engelschor und Zeitlupen-Effekt auf, sondern schlicht: Eines Nachmittags standen da plötzlich zwei Mädchen ein paar Parzellen weiter, haben ihr Zelt aufgebaut und viel zu schnell geredet. Dieses weiche, singende Niederländisch, das klingt, als würde jemand lächeln, während er spricht.

Sie waren ungefähr in unserem Alter. Vielleicht dreizehn, vielleicht vierzehn. Für uns war das egal. In unseren Köpfen stand über ihren Köpfen nur ein Leuchtschild: Sensationell interessant.

Es begann, wie solche Dinge eben beginnen: mit Blicken. Zuerst so tun, als würde man nur zufällig vorbeilaufen. Dann ein bisschen näher am Zelt der beiden vorbeischlendern. Dann doch mal „Hallo“ sagen, weil Norbert behauptet, er könne ja ein bisschen Englisch, was sich später als mutige Übertreibung herausstellt.

Aber man braucht erstaunlich wenig Worte, wenn man vierzehn ist, der See blau ist, die Sonne scheint und zwei Mädchen einen anlachen.

Sie hießen – wenn die Erinnerung mich nicht völlig trügt – Marijke und Anneke. Vielleicht hieß eine von ihnen auch ganz anders. Namen sind wie Zelte: Manche halten ein Leben lang, andere bleichen aus. Was geblieben ist, ist weniger der Klang des Namens als das Gefühl, das er damals ausgelöst hat, wenn man ihn leise vor sich hinmurmelt.

Wir verbrachten unsere Tage fortan nicht mehr einfach am See. Wir verbrachten sie „mit den Holländerinnen“. So hieß das dann.

Wir gingen gemeinsam ins Wasser, taten wahnsinnig lässig, während wir versuchten, besonders weit hinauszuschwimmen. Zurück am Ufer legten wir unsere Handtücher plötzlich nicht mehr irgendwo hin, sondern genau dort, wo ihre lagen. Wir lachten über Sachen, die gar nicht so lustig waren – einfach, weil die anderen lachten.

Und dann waren da diese kleinen, großen Momente.

Abends saßen wir manchmal an den Holztischen der Campingplatz-Kneipe, jeder mit einer Flasche Almdudler vor sich. Dieses Kräuterzeug, das für uns irgendwie nach Urlaub, nach Freiheit roch – und ein ganz klein wenig nach verboten, obwohl es nur Limo war.

Irgendwann rutschte eine von ihnen ein bisschen näher. Marijke, glaube ich. Ihre Schulter streifte meine. Ich tat so, als würde ich es nicht merken, und merkte es doch an jeder Stelle meines Körpers.

„Du magst Almdudler?“ fragte sie in einem Mischmasch aus Englisch, ein paar deutschen Worten und viel Gestik.

Ich nickte. In Wahrheit hätte ich auch Motoröl getrunken, wenn sie mich dabei so angelächelt hätte.

Und dann, irgendwann an einem dieser Abende, passierte es ganz ohne Trompeten und Fanfaren: Ihre Hand legte sich auf meine. Einfach so. Warm, ein bisschen klebrig von der Limo, ganz leicht zitternd – oder war das meine?

Ich weiß noch, wie die Zeit in dem Moment seltsame Dinge tat. Das Stimmengewirr um uns herum wurde leiser, die Musik aus dem Radio verfloss zu einem Hintergrundrauschen. Da waren nur noch diese beiden Hände, die sich hielten, als wüssten sie, dass sie nur zwei Wochen Zeit hatten, um etwas zu fühlen, das sich anfühlt wie für immer.

Norbert saß neben mir mit Anneke. Bei ihnen sah es ähnlich aus: ein bisschen kichern, ein bisschen schubsen, ein bisschen so tun, als seien Umarmungen das Normalste der Welt, während die Wangen glühten.

Es gab kleine Umarmungen, halbe, vorsichtige, die mehr Versprechen waren als Berührung. Und ja – ein bisschen „Bussi Bussi“. Kein Kino-Kuss wie im Film, eher tapsige Versuche, den richtigen Winkel zu finden. Manchmal traf man mehr die Wange, manchmal mehr die Luft dazwischen. Wir waren keine Profis.

Aber in unseren Köpfen war das alles: die große Liebe.

Zwei Wochen lang lebten wir in einem eigenen Universum aus See, Sonne und den Mädchen aus dem Nachbarzelt. Morgens schauten wir als erstes hinüber: Sind sie schon wach? Hängen die Handtücher schon? Laufen sie vielleicht gerade zum Waschhaus?

Es war kein Drama, keine großen Szenen, keine Eifersucht. Nur dieses leise, anhaltende Glück, das man damals noch gar nicht als Glück benennen konnte – man war einfach „verliebt“. So nannte man das.

Und dann, schneller als gedacht, kam der Tag, an dem Campingstühle zusammenklappten, Heringe aus dem Boden gezogen wurden und Autos beladen wurden. Ihre Eltern wirkten gelassen, geübt im Abschiednehmen. Für uns war es, als würde jemand mitten im Lied das Radio ausschalten.

Wir standen da am Rand des Weges, Norbert und ich, und sahen zu, wie sie ihre Sachen verstauten. Es gab noch eine letzte Umarmung, ein letztes „Ich schreib dir!“, von dem vermutlich beide Seiten wussten, dass es nicht passieren würde. Adressen wurden auf Servietten gekritzelt, die noch am gleichen Abend in irgendeiner Hosentasche verschwanden, um später mitgewaschen zu werden.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Wir winkten. Sie winkten.

Und dann waren sie weg. Nur der Abdruck ihrer Zeltplane im Gras blieb noch kurz sichtbar, bevor er sich auch glättete.

Jahre später fand ich beim Aufräumen eine kleine vergilbte Aufnahme: Vier Jugendliche vor einem Zelt. Zwei Jungs, zwei Mädchen. Alle ein bisschen zu dünn, zu braun von der Sonne, zu großspurig in ihrer Körperhaltung. Einer mit einer Almdudler-Flasche in der Hand.

Das Foto ist nicht gut. Die Belichtung ist schlecht, die Gesichter leicht verwischt. Und doch ist es eines dieser Bilder, die man nie wegwerfen würde.

Wenn ich es heute anschaue, sehe ich darauf nicht nur den Vierzehnjährigen, der ich mal war. Ich sehe auch etwas anderes: dieses unverschämte Vertrauen, dass zwei Wochen reichen können, um die Welt in „davor“ und „danach“ einzuteilen.

War es die große Liebe? Natürlich nicht – jedenfalls nicht in dem Sinn, wie man mit siebzig über „große Liebe“ spricht.

Aber in diesen zwei Wochen war sie es. Sie war groß genug, um uns jeden Morgen früher aufstehen zu lassen. Groß genug, um uns am Abend mit klopfendem Herzen zur Campingplatz-Kneipe laufen zu lassen. Groß genug, um noch Jahrzehnte später ein leises Ziehen im Bauch zu verursachen, wenn irgendwo eine Flasche Almdudler im Regal steht.

Manche Geschichten dauern ein Leben lang. Andere dauern vierzehn Tage am Ossiacher See.

Die Länge sagt nichts darüber aus, wie tief sie sich in einem festsetzen.

Und so sitze ich heute manchmal da, halte die vergilbte Fotografie in der Hand, lächle über die viel zu kurzen Hosen und die viel zu ernsten Gesichter – und denke mir:

Vielleicht misst man ein gelungenes Leben nicht nur an dem, was geblieben ist, sondern auch an den Dingen, die längst vorbei sind und trotzdem nie verschwinden.