Kolumne · Brunos Viertelrunde Zwei Siebziger, zwei Welten – warum manche alt werden und andere nur älter
Zwei Menschen können gleich alt sein und doch völlig verschieden wirken. Bruno beobachtet das im Viertel – und merkt, wie wenig ein erster Blick über ein ganzes Leben erzählt.
Inhalt
Gleiches Alter, verschiedene Leben
In einer einzigen Woche war ich bei der Post, an der Supermarktkasse und im Wartezimmer. Das reicht aus, um mehr Menschen zu sehen als auf mancher Urlaubsreise.
Bei der Post stand ein Mann vor mir, ungefähr in meinem Alter. Mantel zugeknöpft, Haltung gerade, jedes Wort sorgfältig abgezählt. Als der Schalter nicht pünktlich öffnete, sah er aus, als sei die öffentliche Ordnung persönlich beleidigt worden.
Am nächsten Tag saß beim Arzt eine Frau, ebenfalls um die siebzig. Sie trug rote Schuhe, unterhielt sich mit einem jungen Mann über Musik und brachte mit einem trockenen Satz das halbe Wartezimmer zum Lachen.
Zwei Menschen, fast gleich alt. Trotzdem wirkten sie, als kämen sie aus verschiedenen Welten.
Früher hätte ich vielleicht gedacht: Der eine ist eben alt geworden, die andere jung geblieben. Inzwischen bin ich mit solchen Urteilen vorsichtiger. Ein Mantel erzählt keine Lebensgeschichte. Rote Schuhe auch nicht.
Was wir von außen nicht sehen
Menschen bringen ihr ganzes Leben mit, wenn sie an einer Kasse stehen. Wir sehen nur den kurzen Augenblick.
Vielleicht hat der ernste Mann früh gelernt, dass Ordnung Sicherheit gibt. Vielleicht musste er Verantwortung tragen, als andere noch ausprobieren durften. Vielleicht lebt er mit Schmerzen und hat an diesem Morgen schlecht geschlafen.
Vielleicht hatte die Frau in den roten Schuhen mehr Freiheit. Vielleicht hat sie sich ihren Humor aber auch hart erarbeitet. Manche Menschen lachen nicht, weil ihr Leben leicht war, sondern weil das Lachen ihnen geholfen hat, schwere Zeiten zu überstehen.
Gesundheit, Arbeit, Geld, Familie, Verluste und Freundschaften hinterlassen Spuren. Auch die Umgebung spielt eine Rolle. Wer immer wieder Neues kennenlernt, bleibt oft offener für Veränderungen. Wer lange um Sicherheit kämpfen musste, hält stärker an Vertrautem fest.
Das macht den einen Menschen nicht besser als den anderen.
„Du weißt nie, welche Nacht jemand hinter sich hat“, sagt Helga manchmal, wenn ich mich über einen unfreundlichen Menschen ärgere.
Meistens hat sie recht. Leider sagt sie das immer in einem Ton, der vermuten lässt, dass auch ich gelegentlich dieser unfreundliche Mensch bin.
Humor ist kein Geburtsdatum
Mir fällt trotzdem auf, wie viel Humor mit uns macht. Er kann einen Raum öffnen. Ein kleiner Witz nimmt einer peinlichen Lage die Schärfe. Wer über sich selbst lachen kann, muss nicht jede Veränderung als Angriff verstehen.
Humor bedeutet nicht, alles lustig zu finden. Krankheit, Einsamkeit und Verlust werden durch einen flotten Spruch nicht harmlos. Ein guter Witz sagt nicht: „Alles ist wunderbar.“ Er sagt eher: „Es ist schwierig, aber ich bin noch da.“
Zynismus klingt anders. Er macht alles klein und lässt niemandem Hoffnung. Humor lässt neben dem Ärger noch ein Fenster offen.
Die Frau im Wartezimmer lachte übrigens nicht über den Mann neben ihr. Sie lachte mit ihm. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Vielleicht wirkte sie deshalb so lebendig. Nicht wegen der roten Schuhe und nicht, weil sie sich besonders jugendlich gab. Sie interessierte sich für ihr Gegenüber. Neugier macht ein Gesicht oft wacher als jede Creme.
Offen bleiben, ohne sich zu verbiegen
Niemand muss mit siebzig plötzlich andere Kleidung tragen, moderne Musik lieben oder jedes neue Gerät begeistert begrüßen. Offenheit ist keine Pflichtveranstaltung.
Sie kann etwas sehr Kleines sein. Eine andere Meinung anhören, ohne sofort eine Mauer hochzuziehen. Einen neuen Weg durch das Viertel nehmen. Sich von einem Enkel eine Funktion am Handy zeigen lassen. Einen Menschen fragen, warum ihm etwas wichtig ist.
Auch die Jüngeren tragen Verantwortung. Wer ältere Menschen bei jeder Unsicherheit belächelt, baut keine Brücke. Er bestätigt nur die Sorge, dass Veränderung demütigend sein könnte.
In einer Familie kann jeder etwas geben. Die Älteren bringen Erfahrung und Erinnerung mit. Kinder helfen oft dabei, Dinge zu ordnen. Enkel zeigen manchmal mit erstaunlicher Geduld, wie ihre Welt funktioniert – vorausgesetzt, man erwartet nicht, dass jede Erklärung beim ersten Mal sitzt.
Und manchmal zeigt der Großvater dem Enkel, wie man einen Fahrradreifen flickt. Dann ist für einen Moment vergessen, wer hier eigentlich wem die Zukunft erklären sollte.
Nicht fertig werden
Auf dem Heimweg dachte ich noch einmal an die beiden Siebziger. Vielleicht war meine erste Einteilung völlig falsch. Vielleicht erzählt der ernste Mann zu Hause die besten Witze der Straße. Vielleicht hatte die fröhliche Frau einfach einen besonders guten Tag.
Wir sollten Menschen nicht danach sortieren, ob sie nach unserer Vorstellung richtig altern. Jeder trägt seine eigene Art von Schutz. Der eine braucht Ordnung. Die andere braucht Farbe. Manche brauchen beides.
Entscheidend ist für mich etwas anderes: ob wir uns selbst noch eine kleine Bewegung erlauben. Im Kopf, im Herzen oder im Alltag. Ob wir noch zuhören können. Ob wir zugeben können, dass wir etwas nicht wissen. Und ob wir nach einem Rückschlag irgendwann wieder Interesse an der Welt finden.
Alt werden lässt sich nicht verhindern. Darin sind wir erstaunlich erfolgreich, ohne überhaupt üben zu müssen.
Aber wir müssen uns nicht für fertig erklären.
Vielleicht beginnt lebendiges Älterwerden genau dort: nicht bei roten Schuhen, langen Haaren oder einem besonders lockeren Spruch. Sondern bei dem stillen Satz: „Das kenne ich noch nicht. Erzähl mal.“


