Kolumne · Brunos Kolumne Wiedersehen nach 50 Jahren : Micki, Parfum und zwei Lebenswege
Bruno trifft nach fünf Jahrzehnten einen Schulfreund wieder. Die Erinnerungen sind vertraut, die Menschen von heute nicht mehr. Kann ein Wiedersehen trotzdem wertvoll sein?
Inhalt
Micki heißt in Wirklichkeit anders. In meiner Erinnerung trägt er Sommersprossen, kurze Hosen und ein Leberwurstbrot, das er in der Pause mit mir teilte.
Fünfzig Jahre später sitzt er mir in einem Café gegenüber. Er trägt eine auffällige Uhr und duftet so gut, dass selbst der Cappuccino daneben bescheiden wirkt.
Vertraut und fremd zugleich
Wir begrüßen uns herzlich. In den ersten Minuten suche ich im Gesicht des älteren Mannes nach dem Jungen von damals. Hin und wieder ist er da: in einer Bewegung, einem kurzen Lachen oder der Art, wie Micki den Kopf schief hält.
Dann erzählt er von seinem Berufsleben. Kosmetik, Vertrieb, Reisen und viele Jahre voller Arbeit. Einige Begriffe verstehe ich nicht sofort. Micki spricht schnell und schaut gelegentlich auf sein Telefon.
Ich versuche es mit einer Erinnerung an unseren Schulhof. Er lächelt, findet aber den Faden nicht mehr. Für mich ist die Szene lebendig. Für ihn ist sie offenbar nur eine kleine Notiz aus einer sehr langen Geschichte.
Erinnerungen gehören nicht beiden gleich
Das enttäuscht mich zunächst. Ich hatte unbemerkt erwartet, dass Micki dieselben Bilder aufbewahrt hat wie ich. Aber gemeinsame Vergangenheit bedeutet nicht, dass zwei Menschen sie gleich erinnern.
Vielleicht war unser geteiltes Butterbrot für mich wichtiger als für ihn. Vielleicht trägt er andere Augenblicke mit sich, an die ich längst nicht mehr denke.
Wir sind nach der Schule verschiedene Wege gegangen. Micki baute ein Unternehmen auf und blieb der Arbeit eng verbunden. Ich lernte andere Welten kennen. Keiner dieser Wege ist richtiger. Sie führen heute nur nicht mehr oft durch dieselben Orte.
Die Versuchung zu urteilen
Es wäre leicht, Mickis Uhr, sein Parfum und seine Geschäftssprache für Eitelkeit zu halten. Vielleicht steckt darin aber auch Stolz auf das, was er geschaffen hat. Vielleicht schützt die sichere Fassade einen Menschen, der bei einem Wiedersehen ebenso unsicher ist wie ich.
Ich merke, dass auch ich mich darstelle. Mit meinen Geschichten, meinem Humor und der stillen Hoffnung, als bodenständiger Mann besser abzuschneiden. So verschieden sind wir in diesem Moment vielleicht gar nicht.
Also höre ich noch einmal genauer zu.
Ein kleiner gemeinsamer Punkt
Später sprechen wir über einen Lehrer, der beim Schreiben immer Kreide am Ärmel hatte. Plötzlich lacht Micki so, wie ich es in Erinnerung habe. Nur für einen kurzen Moment sitzt der Junge wieder am Tisch.
Das genügt. Ein Wiedersehen muss keine alte Freundschaft vollständig zurückbringen. Manchmal schenkt es nur einen Blick auf das, was war, und auf die Menschen, die daraus geworden sind.
Wir trinken unseren Kaffee aus. Micki übernimmt die Rechnung, ich widerspreche aus Höflichkeit und lasse ihn schließlich gewähren.
„Wir bleiben in Kontakt“
Beim Abschied sagen wir den üblichen Satz. Ob wir uns noch einmal treffen, weiß ich nicht. Diesmal klingt das nicht traurig.
Auf dem Heimweg riecht meine Jacke ein wenig nach seinem Parfum. Ich denke an den Schulhof, an Kreidestaub und an ein geteiltes Brot.
Der Mann von heute ist nicht mehr der Junge von damals. Ich bin es ebenso wenig. Die Erinnerung wird dadurch nicht falsch. Sie gehört nur zu einem früheren Abschnitt unseres Lebens.
Man darf einem alten Freund dankbar sein, ohne aus der Vergangenheit eine neue Nähe erzwingen zu müssen. Manchmal ist ein ehrliches Wiedersehen genug: zwei Lebenswege, eine Tasse Kaffee und für einen Augenblick dasselbe Lachen.


