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Kolumne · Brunos Kolumne

Wiedersehen nach 50 Jahren : Micki, Parfum und eine Fremde

Ein Klassenkamerad aus Volksschultagen lädt nach Jahrzehnten zum Treffen. Heute duftet er nach Erfolg und Lifestyle – doch der Junge von damals ist verschwunden. Eine Seefahrt durch Erinnerung, Eitelkeit und ehrliche Bilanz.

Inhalt

  1. Logbuch-Eintrag, 14:07 Uhr, Café „Hafenglanz“
  2. Der Mann, der noch arbeitet
  3. Der Junge ist weg
  4. Die Szene mit dem Taschentuch
  5. Man kann viel werden – und sich verlieren
  6. Die Rechnung und das Schweigen
  7. Arbeitshypothese fürs Herz
  8. Familien-Dreieck (Seniorinnen und Senioren – Kinder – Enkel)
  9. Checkliste: Klassentreffen ohne Bauchlandung ☑︎
  • Nach 50 Jahren trifft Bruno den Volksschul-Freund „Micki“ (Name geändert).
  • Micki hat mit Kosmetik & Lifestyle ein Vermögen gemacht, arbeitet noch – doch der Junge von damals ist nicht mehr da.
  • Große Karriere, große Fremde: Zwischen Markenmantras und alten Pausenbroten passt kein Gesprächsfaden.
  • Fazit: Menschen ändern Kurs. Loyalität gilt Erinnerungen – nicht Biografien, die einen Hafentausch gemacht haben.
  • Praxis: Klassentreffen ohne Illusionen planen, das Gute einsammeln, den Rest freundlich verabschieden.

Logbuch-Eintrag, 14:07 Uhr, Café „Hafenglanz“

Cappuccino legt Schaumriffe ans Porzellan. An der Theke glitzert Glas, als ginge es um eine Oscarverleihung der Sahnetorten. Und dann steht er da: Micki – früher mit Sommersprossen, heute mit einem Teint, der so perfekt ist, als hätte jemand „Dauerfrühling“ auf sein Gesicht gedruckt. An der linken Hand blitzt eine Uhr, groß wie ein Bullauge. Auf den ersten Atemzug liegt in der Luft: Parfum, Erfolg, noch mehr Parfum.

„Bruno!“, ruft er, „Schau dich an!“ Er nimmt Maß an einem Menschen wie an einer Vitrine: kurz, höflich, kalkuliert. Dann beginnt die Präsentation. Vertrieb, sagt er, Kosmetik, sagt er, Lifestyle, sagt er – so, als bohrte er Schlagwörter in den Tisch. „Skalierung“, „Multi-Channel“, „Brand-Ambassadors“. Jede Silbe hat einen kleinen Anzug an.

Im Kopf öffnet sich eine Luke nach damals: Volksschule, Kreidestaub, der Geruch von Bohnerwachs. Micki mit der Lochkarte vom Sammelbilder-Album, Micki, der das Butterbrot mit der Leberwurst gerecht durch zwei teilt. Gerecht – ein Wort wie eine warme Mütze.

Der Mann, der noch arbeitet

Er erzählt, dass er immer noch arbeitet. Nicht aus Not, aus Gewohnheit. Arbeit sei „Flow“. Es klingt wie Marketinglauftext, der heimlich ein Bett bezogen hat. Er kennt die Namen der Parfumeur:innen, lässt Städte aufblitzen: Paris, Seoul, Dubai. Zwischendurch checkt er mit einem nahezu unsichtbaren Blick sein Smartphone – trainiert, diskret, olympiareif. Die Hand kehrt zurück wie eine Möwe, die nie wirklich weggeflogen war.

Ein Versuch, das alte Schiff zu sichten: „Weißt du noch, wie wir die Murmeln…?“ Er lächelt kurz – Energiesparmodus. „Ach, ja. Und dann habe er damals schon verstanden, dass man mit der richtigen Murmel die ganze Klasse… you know?“ Er wirft ein Fremdwort wie eine Zuckertüte in den Raum.

Der Junge ist weg

Die Erkenntnis kommt nicht wie ein Donner, sondern wie Nebel: schleichend, weich, unumkehrbar. Der Junge von damals – der, der beim Völkerball immer den schwächeren Mitspieler ins Team holte, damit keiner am Rand stand – dieser Junge ist nicht mehr da. Heute steht da ein CEO seines eigenen Spiegelbildes. Der Blick ist freundlich korrekt, aber die Wärme hat eine Kleiderordnung.

Zwischen uns liegt kein Streit, kein Verrat, nur eine Meeresenge mit anderer Strömung. Er erzählt von Markenreisen, ich erzähle von Alltagsabenteuern: tropfender Wasserhahn, Helga, die glaubt, man könne jedes Problem digital küssen; die Nachbarin, die mit dem Akkuschrauber redet. Das Publikum in seinem Kopf ist woanders.

Die Szene mit dem Taschentuch

Kellnerin bringt Wasser. Micki tupft einen unsichtbaren Punkt am Glasrand mit einem Stofftaschentuch, so zart, als wäre es ein seltener Schmetterling. „Qualität“, sagt er und lächelt in die Mitte des Raums. In meinem Ohr höre ich die Klassenklingel von damals, dieses scheppernde Blech, das zu Pause rief. Pausen waren ehrlich: man lief, man lachte, man stritt fünf Minuten, versöhnte sich sechs. Heute scheint Versöhnung eine kurz befristete Dienstleistung.

Man kann viel werden – und sich verlieren

Es ist nicht die Karriere, die stört. Es ist das Verhältnis. Alles steht im Dienst der Fassadenpflege – nicht nur der Haut, auch der Biografie. Wenn Widersprüche aufblitzen, fährt eine unsichtbare Abdeckcreme darüber. Ich nicke höflich. Er nickt eleganter. Wir sind zwei Kapitäne, doch unsere Koordinaten haben keine Funkverbindung mehr.

Er fragt, ob ich „Social“ mache. Ich sage, mein „Social“ ist die Kombüse; da kochen Wahrheiten länger, bis sie zart werden. Er lacht, wie man über einen charmanten, aber nicht skalierbaren Witz lacht.

Die Rechnung und das Schweigen

Die Rechnung kommt. Er bezahlt, so fehlerlos, dass jeder dankbar ist, einmal in der Nähe von Perfektion gewesen zu sein. Draußen mogelt sich die Sonne durch Wolken. Wir umarmen uns – ceremonielle Umarmung, Berührung in Klammern. Der Abschiedssatz ist ein Standardprodukt: „Lass uns in Kontakt bleiben.“ Wahrscheinlich bleiben wir in Kontakt wie zwei Häfen ohne Fähre.

Auf dem Heimweg riecht die Jacke nach seinem Parfum. Der Duft hält länger als ein Gespräch. In der Straßenbahn ziehe ich die Fenster auf und lasse alte Luft herein: Bohnerwachs-Gedächtnis, Kreide, Pausenbrot. Das Kind in mir winkt kurz und macht die Türe leise zu.

Arbeitshypothese fürs Herz

Menschen wechseln Positionslampen. Aus dem Jungen wird ein Mann, aus dem Mann eine Marke, aus der Marke ein Messestand. Das ist erlaubt. Es ist nicht Pflicht, mitzuwechseln. Loyalität gilt nicht der Ergebnisliste eines Lebens, sondern dem Funken, der mal rübergesprungen ist.

Vielleicht hat Micki den Funken gut verpackt, weil die Welt zieht wie Zugluft. Vielleicht sehe ich ihn nicht, weil mein Barometer auf anderer Skala misst. Beides ist wahr. Beides darf sein.

Familien-Dreieck (Seniorinnen und Senioren – Kinder – Enkel)

  • Seniorinnen und Senioren: Namen und Menschen auseinanderhalten. Der Freund von damals bleibt als Erinnerung wertvoll, auch wenn die Gegenwart kein neues Kapitel hergibt.
  • Kinder: Erwartungsmanagement erklären: Klassentreffen bringen Geschichten, nicht zwangsläufig Freundschaften zurück.
  • Enkel: Ein Album bauen: Klassenfotos, Pausenhof-Wörter, Lieblingsspiele notieren – damit bleibt der Funken. Geschichte ist mehr als die glänzende Uhr an einem Handgelenk.

Checkliste: Klassentreffen ohne Bauchlandung ☑︎

Pseudonyme nutzen (Datenschutz, Höflichkeit): Namen in Notizen ggf. abändern. ☐ Erwartung kalibrieren: Nicht auf „Seelenverschmelzung“ setzen, sondern auf „würdiges Wiedersehen“. ☐ Anker mitnehmen: 1–2 konkrete Erinnerungen (Spiel, Lehrer-Spruch, Ausflug) – Gesprächsstarter statt Lebenslauf-Abgleich. ☐ Statusfilter ausschalten: Einkommen, Titel, Uhrengröße ignorieren; auf Charaktergeräusch hören. ☐ Signale lesen: Wenn nur Parfum redet, Gespräch elegant landen. Höflich abrunden, nicht seufzen.Gutes einsammeln: Eine kleine Wahrheit, ein Lacher, ein Foto – reicht oft für Frieden im Album. ☐ Nachpflege: Zu Hause eine halbe Seite ins Logbuch: Was bleibt? Was darf gehen? ☐ Ritual gegen Restduft: Spaziergang, Fenster auf, altes Lied. Luftwechsel hilft dem Herzbarometer. ☐ Familien-Brücke: Foto an Kinder/Enkel schicken, eine Anekdote dazuschreiben – Erbe statt Eitelkeit.

PS: „Micki“ heißt vermutlich anders. Der Junge, der damals das Butterbrot teilte, bleibt unter Deck. Der Mann mit der bullaugenhellen Uhr winkt von der Pier. Beiden kann man freundlich zuwinken – und den Kurs halten.