Kolumne · brunos meckerkiste Wenn die Flasche stärker ist als ich
Mundwasser mit Kindersicherung, bombenfest verschraubte Konservengläser, irre Plastikverpackungen und Türen, die einen fast aus den Schuhen ziehen: Ein ganz normaler Tag im Leben eines Älteren – und der Beweis, dass niemand an unsere nachlassenden Kräfte denkt.
Es gibt Tage, da fühle ich mich nicht wie ein erwachsener Mensch, der ein langes Leben hinter sich hat, sondern wie ein Kleinkind, das an der Welt scheitert. Nur mit weniger Haaren und mehr Rezepten in der Schublade. Gestern war so ein Tag. Es fing harmlos an – wie jede gute Katastrophe.
Morgens im Bad: Ich greife zur Flasche Mundwasser. Früher: Deckel auf, Schluck rein, fertig. Heute: Kindersicherung. Man muss drücken, drehen, gleichzeitig pfeifen und wahrscheinlich noch den Namen des Erfinders rückwärts buchstabieren. Ich drücke, ich drehe, ich fluche. Die Flasche lacht. Ich nicht. Irgendwann lässt die Hand nach, der Griff rutscht, und statt „Frische im Mund“ habe ich „Frust im Handgelenk“. Kindersicherung, schön und gut – aber ab einem gewissen Alter wäre eine Seniorsicherung auch hilfreich. So ein kleiner Knopf: „Ich bin 70+, bitte normal aufschrauben.“
Ich verlasse das Bad, innerlich schon leicht angeknackst, und denke: „Ach, was soll’s, erstmal einen Kaffee und ein Brötchen.“ Aus Kaffee wird Dose auf, aus Brötchen wird Konservenglas, weil ich noch eingelegte Gurken dazu will. Das Glas sieht harmlos aus. Es steht da, rund, freundlich, transparent. Es weiß genau, was es anrichtet. Ich setze an, drehe, es knackt kein bisschen. Kein „Plopp“, kein freundliches Nachgeben, nur Widerstand. Ich versuche die klassische Methode: heißes Wasser, Handtuch drum, nochmal drehen. Nichts. Meine Hände, früher mal Bärenpranken, sind heute zwei nostalgische Erinnerungsstücke. Da, wo früher Muskel war, ist jetzt… Erfahrung. Nur, dass Erfahrung keinen Deckel aufkriegt.
Es steigert sich im Laufe des Tages zu einem regelrechten Parcours. Nächstes Level: Druckpunktverschlüsse. Diese freundlichen Plastikkappen, bei denen man an zwei Punkten drücken, gleichzeitig ziehen und möglichst noch beten muss, damit etwas passiert. „Einfach zusammendrücken und abziehen“, steht klein auf der Verpackung. Einfach. Für wen? Für einen Gewichtheber? Für einen Oktopus mit acht Armen? Ich drücke, es passiert nichts. Ich drücke stärker, es schießt mir in die Schulter. Ich denke: „Wenn das so weitergeht, stehe ich bald mit Bizepssehnenriss im Wartezimmer und erkläre, dass ich nur eine Flasche aufmachen wollte.“
Und dann diese Plastikverpackungen. Früher hatten Dinge eine Pappschachtel. Man hat sie aufgemacht, das Produkt rausgenommen, fertig. Heute sind viele Sachen eingeschweißt wie ein Staatsgeheimnis. Man sieht das Produkt – aber man kommt nicht dran. Ich schneide an einer Ecke, die Folie reißt quer, aber nicht da, wo ich will. Ich ziehe, sie gibt nach, schnellt zurück, das halbe Ding fliegt durch die Küche. In dem Moment frage ich mich, ob der Verpackungsdesigner jemals daran gedacht hat, dass es Menschen mit Arthrose, nachlassender Kraft oder einfach „Baujahr 1950“ geben könnte. Ich bezweifle es.
Das absolute Highlight allerdings: Türen mit Türschließern, die offenbar auf „Orkan im Stahlwerk“ eingestellt sind. Man kommt aus dem Supermarkt, beide Hände voll, versucht, die Tür aufzuziehen – und sie kommt einem mit einer Wucht entgegen, dass man fast rückwärts wieder in die Gemüseabteilung fliegt. Auf der anderen Seite solche Türen, die einem fast die Schulter auskugeln, wenn man sie aufdrücken will. Ich frage mich, ob irgendjemand, der diese Dinger einstellt, einmal einen älteren Menschen beobachtet hat, wie er versucht, mit Einkaufsbeutel, Rollator und Restwürde da durchzukommen.
Gestern also: Mundwasserflasche, Konservenglas, Plastikpanzer, Türschließer. Ein Tag, an dem mir klar wurde: Ich hatte früher Bärenkräfte. Ich habe Möbel durch die Gegend geschoben, Kisten getragen, Deckel aufgerissen, als wären sie aus Pappe. Heute sind die Muskeln weg, die Sehnen melden sich schon beim Gedanken an „fest verschlossen“, und alles, was mir die Industrie entgegenwirft, scheint für eine Generation entworfen, die entweder im Fitnessstudio wohnt oder im Produktlabor.
Keiner denkt an uns Alte. Oder sagen wir es höflich: Wir sind nicht die Zielgruppe. Kindersicherungen, damit Kinder nichts trinken – verständlich. Aber wie wäre es mit einer Alters-Freundlichkeits-Prüfung? Einmal im Jahr eine Testreihe: Drei Rentnerinnen, zwei Rentner, alle mit normalen Zipperlein, müssen durch einen ganz normalen Einkaufstag. Wenn am Ende alle fünf kaputte Schultern, offene Fingerkuppen und einen erhöhten Blutdruck haben, fällt das Produkt durch. So einfach.
„Wie kann man sich da helfen?“, fragt die innere Stimme, die noch nicht ganz aufgegeben hat. Natürlich gibt es Hilfsmittel: Deckelöffner, Gummimatten, spezielle Zangen. Man kann Nachbarn fragen, Kinder, Enkel, den Paketboten abfangen: „Junger Mann, können Sie mir mal eben diese Höllenverpackung aufmachen?“ Man kann Dinge umfüllen in Behälter, die man selbst ausgesucht hat: Schraubdeckel, die nicht klemmen, Dosen, die sich leicht öffnen lassen. Man kann Türen beim nächsten Hausverwalter-Termin ansprechen, sagen: „Stellen Sie das Ding mal so ein, dass auch jemand drunter durchkommt, der keine Oberarme wie ein Betonmischer hat.“
Aber mal ehrlich: Der Aufwand, wirklich an uns Alte zu denken, scheint den meisten zu groß. Es läuft ja auch so. Wir mühen uns ab, in stillen Küchen und Hausfluren, kämpfen mit Flaschen, Gläsern, Schlössern und Schließern und sagen: „Ach, wird schon gehen.“ Irgendwie geht’s immer. Aber es könnte leichter gehen. Und zwar, ohne dass man jedes Mal das Gefühl hat, beim Öffnen einer Mundwasserflasche an einer olympischen Disziplin teilzunehmen.
Ich sitze abends da, betrachte die leere, endlich eroberte Konservendose, die aufgerissene Plastikverpackung und die Flasche, deren Deckel ich schließlich mit einer Kombizange überzeugt habe. Und ich denke mir: Es ist nicht nur der Ärger über die Kraft, die fehlt. Es ist auch das Gefühl, dass wir im Alltag oft mitgedacht werden – als Problem, nicht als Menschen. „Kindersicherung“ – großes Thema. „Seniorensicherung“ – eher ein Lacher.
Vielleicht kommt ja irgendwann der Tag, an dem jemand auf die Idee kommt, bei all dem Hightech und Hyper-Safety eine einfache Frage zu stellen: „Kriegt das meine Oma auf?“ Bis dahin bleiben uns Hilfsgeräte, Humor und gelegentlich ein beherzter Ruf durchs Treppenhaus: „Ist hier irgendwo jemand mit Bärenkräften? Ich habe da ein Glas, das dringend eine Abreibung braucht.“
Und ja – ein bisschen Stolz mischt sich trotz allem noch dazu: Wenn das Konservenglas am Ende doch mit einem leisen „Plopp“ nachgibt, fühlt sich das in meinem Alter fast so an wie früher ein Sechser im Lotto. Nur mit mehr Gurken.


