Kolumne · Brunos Kolumne Weihnachtsgruß-Controlling : Wer kriegt was – und warum eigentlich?
Eine Woche vor Weihnachten wird die Kontaktliste zur Bilanz: Wer meldet sich wirklich – und wer schickt nur Copy-Paste-Segen? Ein sarkastischer Blick auf Grüße, Pflicht und den Rest vom Jahr.
Inhalt
- Eine Woche vor Weihnachten: Der große Kontaktlisten-Kassensturz
- Und wenn ich ehrlich bin: Da wird’s dünn. Da bleibt nicht viel übrig außer:
- Philosophisch betrachtet: Was ist ein Weihnachtsgruß eigentlich?
- Was machen wir daraus?
- Vielleicht ist die Lösung viel simpler – und genau deshalb so unbequem:
- Frohe Kontaklisten-Inventur. 🎄
Eine Woche vor Weihnachten: Der große Kontaktlisten-Kassensturz
Es ist eine Woche vor Weihnachten. Also diese magische Zeit, in der die Menschheit kollektiv beschließt, dass Gefühle ab jetzt bitte termingerecht zu passieren haben. Mit Stichtag. Mit Frist. Mit “Wenn du dich bis zum 24. nicht meldest, gilt die Beziehung als abgelaufen, bitte wenden.”
Und wie jedes Jahr kommt dann dieses Ritual: Man sitzt da, geschniegelt geschniegelt, und spielt Weihnachtsmann-Controlling. Wem schicke ich was? Karte? WhatsApp? SMS? Anruf? Rauchzeichen? Brieftaube? Und warum? Weil man’s so macht. Weil das in der Familie „immer schon so war“. Weil man sonst in der stillen Verwandtschafts-Gerüchteküche als „der Komische“ gilt, der plötzlich nichts mehr schreibt.
Also klappe ich meine Kontaktliste auf wie ein Buchhalter kurz vor der Steuerprüfung.
Da sind sie alle: die Namen, die Nummern, die Profilbilder mit Sonnenuntergang, Hund oder Enkel. Und ich picke sie raus wie Pralinen aus einer Schachtel – nur dass manche Pralinen seit 2009 offen rumliegen und trotzdem jedes Jahr wieder feierlich präsentiert werden.
Und dann passiert der Skandal.
Ich merke: Diese Medien – Telefon, WhatsApp, SMS, Karte per Post – die funktionieren ja in beide Richtungen.
In beide. Richtungen.
Das ist ja der Hammer.
Das bedeutet nämlich: Ich kann nicht nur Grüße rausballern, ich kann auch Grüße zurückkriegen. Von denselben Leuten. Die da so gemütlich in meiner Liste hocken wie Tauben auf dem Marktplatz: immer da, immer präsent – aber nur aktiv, wenn irgendwo Krümel fallen.
Plötzlich wird aus dem besinnlichen “Ich schick mal was” ein handfester Gedanke: Wenn das in beide Richtungen geht – warum kommt dann so wenig zurück?
Und damit beginnt der Teil, den man in keiner Weihnachtswerbung sieht: die Jahresrückschau mit Messlatte.
Wer hat’s verdient? Und wer hat’s nur weitergeleitet?
Ich schaue ein Jahr zurück: Wem habe ich Grüße geschickt? Wer hat reagiert? Und – ganz wichtig – wie?
Da gibt’s Kategorien. Weihnachten ist ja nicht nur Liebe, Weihnachten ist auch Statistik.
- Kategorie A: “Copy-Paste-Engelchen” Eine Nachricht, die klingt, als hätte sie ein Praktikant aus dem Internet zusammengefegt. Null Name, null Bezug, null Seele. Hauptsache Glitzer-GIF und “Frohe Weihnachten euch allen”. Euch allen. Als wäre ich eine Mailingliste.
- Kategorie B: “Weitergeleitet, aber mit Stolz” Ein Bild, das schon zwölf Mal durch WhatsApp geschleudert wurde, mit einem Spruch wie: „Weihnachten ist, wenn die besten Geschenke am Tisch sitzen.“ Ja. Und ich sitze am Tisch – aber du sitzt nicht mal in der Nachricht.
- Kategorie C: “Minimaler Einsatz, maximale Wirkung” Drei Wörter: “Frohe Weihnachten! 🎄” Das ist kein Gruß, das ist ein Abmeldeschein. Das ist wie hupen statt Hallo sagen.
- Kategorie D: “Name wird erwähnt” Oh! Ein Name! Das ist im Jahr 2025 schon fast Handschrift. Wenn jemand meinen Namen tippt, fühle ich mich kurz wie ein Mensch und nicht wie ein Eintrag in einer Liste.
- Kategorie E: “Echte Mühe” Zwei Sätze, die nach Leben riechen. Ein konkreter Bezug. Eine Erinnerung. Ein “Wie geht’s dir wirklich?” Diese Nachrichten sind selten wie ehrliche Handwerkerrechnungen: Man hört davon, aber man sieht sie kaum.
Und dann stelle ich fest: Das Problem ist gar nicht Weihnachten. Das Problem ist der Rest vom Jahr.
Der Rest vom Jahr: Funkstille mit Feiertagsbeleuchtung
Denn Weihnachten ist nur der Zeitpunkt, an dem wir so tun, als hätten wir ein Netzwerk, das aus Beziehungen besteht – dabei besteht es oft aus Anwesenheitsanzeigen.
Die eigentlich unangenehme Frage lautet: Wer hat denn das ganze Jahr über Kontakt gehalten?
Nicht, weil er was wollte. Nicht, weil er was brauchte. Nicht, weil irgendein Termin im Kalender stand. Einfach so. Weil man sich mag. Weil man kurz an jemanden denkt und dann nicht wieder vergisst.
Und wenn ich ehrlich bin: Da wird’s dünn. Da bleibt nicht viel übrig außer:
- Pflichtgrüße von Leuten, die seit 30 Jahren “Familie” heißen, aber nur auftauchen, wenn ein Kuchen angeschnitten wird.
- Menschen, die bei jedem Problem plötzlich sehr gesprächig werden – und danach wieder im Funkloch verschwinden.
- Und die klassische Weihnachtslogik: Einmal im Jahr reicht, um ein schlechtes Gewissen zu beruhigen.
Da könnte man fast zynisch werden. Ich? Niemals.
Das Experiment: Was, wenn ich einfach nichts mache?
Und jetzt kommt der Gedanke, der sofort als “Bitterkeit” verkauft wird, obwohl er eigentlich nur eine ganz normale Frage ist:
Was wäre, wenn ich dieses Jahr gar nichts mache?
Keine Karte. Keine WhatsApp. Kein “Frohe Weihnachten euch allen”. Kein Telefonat mit diesem Tonfall, in dem man gleichzeitig freundlich ist und innerlich die Tapete anstarrt.
Würde es auffallen? Würde jemand sagen: “Hoppla – von Bruno kam ja gar nichts”? Würde jemand nachfragen: “Ist alles okay?” Oder würde einfach still ein Haken gesetzt werden: Bruno = erledigt / gelöscht / der war halt komisch geworden?
Und da sind wir mitten in der Philosophie, ob wir wollen oder nicht.
Philosophisch betrachtet: Was ist ein Weihnachtsgruß eigentlich?
Ein Weihnachtsgruß ist oft kein Gespräch. Er ist ein Signal.
So wie Tiere im Wald sich gegenseitig zeigen: “Ich bin noch da. Du bist noch da. Wir tun mal so, als wäre das wichtig.” Ein kurzer Ping ins Beziehungsnetz, damit die Leitung nicht komplett verrostet.
Das kann schön sein – wirklich. Aber es kann auch eine Art Beziehungs-TÜV sein: einmal im Jahr kurz drüber schauen, ob das Ding noch fährt.
Und der Gruß selbst sagt nicht unbedingt: “Ich mag dich.” Er sagt häufig eher: “Ich möchte nicht derjenige sein, der nichts geschickt hat.”
Das ist kein Vorwurf. Das ist menschlich. Wir sind soziale Wesen, aber wir sind auch Meister im symbolischen Minimalaufwand.
Hat das Nutzen für die Menschheit?
Wenn man ganz streng fragt: “Welchen Nutzen hat das für die Menschheit?” – dann ist die Antwort überraschend zwiespältig.
Ja, es hat Nutzen. Weil kleine Signale manchmal das Einzige sind, was von einer Beziehung noch übrig ist – und manchmal reicht genau das, um eine Tür offen zu halten. Manchmal rettet ein schlichter Gruß jemanden, der gerade niemanden hat. Manchmal ist ein “Ich denk an dich” mehr, als es auf den ersten Blick aussieht.
Und nein, es ist oft Quatsch. Weil wir aus Weihnachten eine Pflichtveranstaltung gemacht haben. Weil wir Nähe simulieren, statt sie zu leben. Weil wir die Illusion pflegen, dass drei Wörter im Dezember zwölf Monate Abwesenheit ausgleichen.
Der Weihnachtsgruß ist wie ein Pflaster: Er kann helfen – aber er heilt nicht automatisch das, was darunter kaputt ist.
Was machen wir daraus?
Vielleicht ist die Lösung nicht “alles einstellen” und als Einsiedler in die Tannenzapfen-Wüste ziehen. Vielleicht ist die Lösung auch nicht “noch mehr Grüße, noch mehr Kitsch, noch mehr GIFs mit Rentieren, die hüpfen, als hätten sie zu viel Glühwein getrunken”.
Vielleicht ist die Lösung viel simpler – und genau deshalb so unbequem:
- Weniger Masse. Mehr Mensch.
- Weniger “euch allen”. Mehr “dir”.
- Weniger Feiertags-Pflicht. Mehr Alltags-Kontakt.
Und wenn ich dieses Jahr jemanden anschreibe, dann nicht, um Weihnachten abzuhaken, sondern um eine ehrliche Frage zu stellen: “Wie geht’s dir – wirklich?”
Und wenn da nichts zurückkommt, dann ist das auch eine Antwort. Nicht dramatisch. Nicht beleidigt. Einfach nüchtern: Diese Verbindung existiert vielleicht nur noch als Eintrag im Telefon.
Und Telefonbücher sind bekanntlich geduldig.
Weihnachten kommt ja sowieso. Die Frage ist nur: Kommt danach auch noch was – oder war’s das wieder bis zum nächsten Dezember, wenn die Menschheit erneut beschließt, Gefühle bitte in Geschenkpapier zu wickeln.


