Kolumne · Brunos Kolumne

Weihnachtsgrüße – weniger Pflicht, mehr Mensch

Kurz vor Weihnachten schaut Bruno auf seine Kontaktliste. Wer bekommt eine Karte, wen ruft er an und wie viel Nähe passt eigentlich in drei festliche Wörter?

Inhalt

  1. Der weitergeleitete Weihnachtsengel
  2. Kontakt funktioniert in beide Richtungen
  3. Weihnachten repariert kein ganzes Jahr
  4. Weniger Namen, mehr Aufmerksamkeit
  5. Eine Frage statt eines Spruchs

Eine Woche vor Weihnachten wird meine Kontaktliste zum Arbeitsplan. Wer bekommt eine Karte? Wem schreibe ich eine Nachricht? Wen sollte ich lieber anrufen?

Früher legte ich einen Stapel Karten auf den Tisch und arbeitete Namen ab. Heute kann man denselben Gruß an zwanzig Menschen gleichzeitig schicken. Das spart Zeit. Manchmal spart es leider auch den persönlichen Gedanken.

Der weitergeleitete Weihnachtsengel

Jedes Jahr landen Bilder auf meinem Telefon, die schon eine lange Reise hinter sich haben. Glitzernde Tannenbäume, Engel und Sprüche über die wahren Werte des Lebens. Darüber steht dann „Weitergeleitet“.

Ich will darüber nicht zu streng urteilen. Vielleicht hat jemand wirklich an mich gedacht und nur nicht die richtigen Worte gefunden. Ein kurzer Gruß kann für einen einsamen Menschen viel bedeuten.

Trotzdem freue ich mich mehr über einen einfachen persönlichen Satz: „Wie geht es deinem Rücken?“ oder „Ich musste an unseren Kaffee im Sommer denken.“ Daran merke ich, dass nicht nur mein Name in einer Liste angeklickt wurde.

Kontakt funktioniert in beide Richtungen

Beim Schreiben fällt mir auf, von wem ich lange nichts gehört habe. Sofort meldet sich der Buchhalter im Kopf: Ich habe zuletzt angerufen. Ich habe zum Geburtstag geschrieben. Nun wäre eigentlich der andere dran.

Beziehungen sind aber keine saubere Rechnung. Manche Menschen sind krank, überfordert oder schlecht darin, sich zu melden. Andere haben sich tatsächlich entfernt.

Ich darf das bedauern, ohne eine geheime Punkteliste zu führen. Wenn mir ein Kontakt wichtig ist, kann ich den ersten Schritt machen. Wenn jedes Gespräch dauerhaft nur von mir ausgeht, darf ich meine Kraft allerdings auch anders verteilen.

Weihnachten repariert kein ganzes Jahr

Drei freundliche Wörter im Dezember ersetzen keine Nähe im Alltag. Ein Weihnachtsgruß kann eine Tür offenhalten, aber er geht nicht hindurch.

Vielleicht stört mich deshalb weniger die kurze Nachricht als die Funkstille in den Monaten davor. Wer sich im März, Juni oder Oktober meldet, braucht an Weihnachten kein besonders schönes Bild. Die Verbindung ist ohnehin da.

Das nehme ich mir selbst ebenfalls zu Herzen. Es ist leicht, die Versäumnisse anderer zu zählen und die eigenen mit dem Alltag zu erklären.

Weniger Namen, mehr Aufmerksamkeit

In diesem Jahr schreibe ich nicht an jeden Menschen denselben Text. Einige bekommen eine Karte. Manche eine kurze persönliche Nachricht. Zwei Menschen rufe ich an, weil ihre Stimme wichtiger ist als ein Bild auf dem Bildschirm.

Ein paar Kontakte lasse ich ruhen. Nicht aus Strafe. Unsere Wege haben sich getrennt, und ein jährlicher Pflichtgruß ändert daran wenig.

Das fühlt sich zunächst ungewohnt an. Dann wird die Liste kürzer und die einzelnen Grüße werden ehrlicher.

Eine Frage statt eines Spruchs

Meinen schönsten Weihnachtsgruß formuliere ich am Ende sehr schlicht: „Ich denke an dich. Wie geht es dir wirklich?“

Diese Frage braucht Zeit, denn es könnte eine echte Antwort kommen. Genau darin liegt ihr Wert.

Vielleicht antwortet jemand erst nach den Feiertagen. Vielleicht gar nicht. Ein Gruß ist keine Forderung. Er ist ein Angebot.

Ich lege das Telefon zur Seite und schreibe die erste Karte von Hand. Die Schrift ist nicht besonders schön, und nach drei Zeilen tut die Hand weh. Aber der Name steht vorn, und innen steht etwas, das nur für diesen Menschen bestimmt ist.

Weniger Weihnachtsgruß-Kontrolle, mehr Weihnachtsgruß. Damit kann ich leben.