Kolumne · Erinnerungen

Weihnachten 1962 – das letzte Kinderfest

Bruno erinnert sich an Orangen, Bienenwachs und sein letztes Weihnachtsfest mit unbeschwertem Kinderglauben. Es war nicht besser als heute, aber langsamer – und gerade deshalb ist so vieles geblieben.

Inhalt

  1. Ein Wohnzimmer wurde zur ganzen Welt
  2. Kleine Dinge wurden groß
  3. War früher wirklich alles schöner?
  4. Was ich vermisse
  5. Ein wenig Langsamkeit zurückholen

Ein Wohnzimmer wurde zur ganzen Welt

Weihnachten 1962 roch nach Orangen, Bienenwachs und frischer Wäsche. Ich war sechs Jahre alt. In unserem Wohnzimmer stand ein Tannenbaum, der ein wenig schief war und wunderbar nach Wald duftete.

Das Lametta hing schwer in den Zweigen. Echte Kerzen brannten, und Vater beobachtete jede Flamme mit großem Ernst. Das Radio rauschte, wenn er die Antenne nicht im richtigen Winkel hielt. Vor dem Fenster zeichnete der Frost kleine Landschaften auf die Scheibe.

Für mich war dieses Zimmer an Heiligabend die ganze Welt. Es gab keinen Stundenplan und kein „Wir müssen noch schnell“. Nur die Wanduhr, die ungewöhnlich langsam zu ticken schien.

Kleine Dinge wurden groß

Auf dem Tisch standen Nüsse, Dominosteine und für jeden eine Mandarine. Heute klingt das bescheiden. Damals waren die Früchte im Netz kleine Sonnen mitten im Winter.

Auch die Geschenke brauchten nicht viel Platz. Ich bekam ein geschnitztes Schiff und ein Buch. Das Schiff roch nach Werkbank, das Buch nach Papier und unbekannten Abenteuern. Beides war groß, weil jemand Zeit hineingelegt hatte.

Mutter band eine rote Schleife an einen Stuhl, einfach weil es festlich aussah. Vater kam mit dem Rotkohl aus der Küche, als hätte er ihn persönlich aus dem Himmel geholt. Solche Einzelheiten machen eine Erinnerung lebendig. Nicht der Preis eines Geschenks, sondern die Art, wie jemand dabei lächelte.

War früher wirklich alles schöner?

Nein. Früher war nicht alles besser. Es gab Sorgen, Enge und Dinge, über die kaum gesprochen wurde. Aber vieles war langsamer. Dadurch nahmen wir Gerüche, Blicke und Pausen stärker wahr.

Heute landen Pakete vor der Tür, Wunschlisten werden verschickt und Lichterketten leuchten zuverlässig. Das ist bequem und kann genauso schön sein. Wir können mit entfernten Enkeln per Bild telefonieren. Wir können jemanden nach einem späten Dienst noch zum Essen abholen. Nähe hat neue Wege gefunden.

Schwierig wird es nur, wenn die Vorbereitung das Fest verschluckt. Sechs Sorten Plätzchen machen niemanden glücklich, wenn keiner Zeit hat, sich gemeinsam hinzusetzen.

Was ich vermisse

Ich vermisse die Pausen, in denen nichts passieren musste. Den Augenblick, bevor die Kerzen angezündet wurden. Das schiefe Singen, bei dem niemand auf eine Aufnahme-Taste drückte. Und die kindliche Bereitschaft, nicht alles erklären zu wollen.

1962 bekam auch mein Glaube an das Christkind erste kleine Risse. Es war wohl mein letztes Weihnachtsfest, an dem das Geheimnis noch ganz unbeschädigt war. Später wusste ich, wer die Geschenke besorgte. Die Wärme des Abends wurde dadurch nicht falsch. Sie bekam nur einen anderen Namen: Familie.

Ein wenig Langsamkeit zurückholen

Heute versuche ich nicht, Weihnachten von früher nachzubauen. Das würde nicht funktionieren. Ich hole nur ein paar gute Dinge ins Heute: Beim Essen bleiben die Telefone weg. Eine Kerze brennt wirklich, natürlich mit genügend Abstand und Aufmerksamkeit. Wir singen ein Lied, auch wenn es schief klingt. Und jemand erzählt eine Geschichte, die in keiner Suchmaschine steht.

Besonders gern frage ich andere nach ihrem letzten Weihnachtsfest als Kind. Dann verändert sich ein Gesicht. Plötzlich sind wieder die alte Küche, der Baum und die Stimmen der Eltern da.

War Weihnachten 1962 schöner? Es war kleiner und fühlte sich dadurch groß an. Heute können wir selbst entscheiden, was wir groß machen: Zeit, Zuwendung und den Blick in die Gesichter am Tisch. Der Rest ist Verpackung.