Kolumne · Über Bruno

Vom Boot zur Bürowand – wie ich den Kurs ins Zivilleben fand

Nach vielen Jahren bei der Marine begann für Bruno ein neuer Lebensabschnitt. An Land musste er nicht nur andere Wörter lernen, sondern auch herausfinden, wer er ohne Uniform und festen Dienstplan sein wollte.

Inhalt

  1. Der Tag, an dem die Sirene verstummte
  2. Eine andere Sprache
  3. Der erste Arbeitsplatz an Land
  4. Was ich neu lernen musste
  5. Wer bin ich ohne den alten Dienst?
  6. Eine andere See

Der Tag, an dem die Sirene verstummte

Mein letzter Tag bei der Marine war unspektakulärer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Kein Orchester, kein großes Schlussbild. Ich räumte meine Sachen zusammen, verabschiedete mich und trug eine Kiste mit Erinnerungen von Bord.

Helga wartete am Kai. Sie nahm mich in den Arm und sagte: „Ab heute ist dein Dienstplan mein Kalender.“

Ich lachte. Damals wusste ich noch nicht, wie viel Wahrheit in diesem Satz lag.

In den ersten Tagen fühlte sich die Freiheit gut an. Kein Wachplan, keine Sirene, keine feste Einteilung. Nach einer Weile fehlte mir genau diese Ordnung. Ich stand morgens auf und musste selbst entscheiden, was nun wichtig war.

An Bord hatte jeder Tag einen Rahmen. An Land lag plötzlich eine leere Fläche vor mir. Das war nicht nur angenehm. Es machte mich auch unsicher.

Eine andere Sprache

Mein erstes Bewerbungsgespräch führte ich in einem Anzug, der sich wie eine zu dünne Uniform anfühlte. Drei Menschen stellten Fragen und benutzten Wörter, die ich noch nie gehört hatte.

Ich erzählte, dass ich bei schwierigen Wetterlagen navigiert, Mannschaften geführt, Material geplant und in ernsten Situationen Entscheidungen getroffen hatte.

Dann fragte jemand: „Und wie gut sind Sie in Excel?“

„Noch nicht gut“, antwortete ich. „Aber ich habe schon widerspenstigere Dinge zum Laufen gebracht.“

Zum Glück wurde gelacht.

Ich musste lernen, meine Erfahrungen zu übersetzen. Was bei der Marine Einsatzplanung hieß, war an Land vielleicht Ablaufplanung. Aus einer Lagemeldung wurde ein Bericht. Kameradschaft nannte man Teamarbeit. Die Aufgaben waren nicht völlig neu, aber sie trugen andere Namen.

Schwieriger war der Umgang mit Entscheidungen. Auf einem Schiff sind Zuständigkeiten klar. In einem Büro können elf Menschen eine Stunde lang darüber sprechen, wer etwas entscheiden könnte. Anfangs machte mich das wahnsinnig. Später verstand ich, dass Beteiligung ebenfalls ihren Sinn hat – auch wenn sie manchmal deutlich mehr Kaffee braucht.

Der erste Arbeitsplatz an Land

Ich fand eine Stelle als Ablauf- und Sicherheitskoordinator bei einem Unternehmen in der Hafenlogistik. Das war ein guter Übergang. Der Hafen war mir vertraut, die Arbeitswelt dahinter jedoch neu.

Ich plante Schichten, achtete auf sichere Wege und half, wenn Abläufe ins Stocken gerieten. Einmal stand ein Container quer, ein Gabelstapler blockierte die Durchfahrt und mehrere Menschen erklärten gleichzeitig, warum sie nicht zuständig seien.

Der alte Reflex war sofort da. Erst Überblick gewinnen. Dann klären, wer was übernimmt. Kurze Absprachen, klare Reihenfolge.

Nach einer Viertelstunde war der Weg frei.

Mein neuer Chef sagte: „Das war beeindruckend ruhig.“

Ich antwortete: „Es gab keinen Seegang.“

In solchen Momenten merkte ich, dass meine Vergangenheit kein schweres Gepäck sein musste. Viele Fähigkeiten waren auch an Land wertvoll: unter Druck ruhig bleiben, Verantwortung übernehmen, Abläufe ordnen und einer Gruppe Orientierung geben.

Was ich neu lernen musste

Trotzdem konnte ich nicht einfach weitermachen wie bisher. Mein Ton war manchmal zu knapp. Wenn ich sagte: „Das machen wir jetzt so“, hörten andere nicht Klarheit, sondern einen Befehl.

Helga bemerkte das früher als ich. Wenn ich zu Hause wieder in den Ton der Kommandobrücke geriet, räusperte sie sich nur. Dieses Räuspern war wirksamer als jede dienstliche Beurteilung.

Ich lernte, Fragen zu stellen, statt sofort eine Lösung vorzugeben. Ich lernte Smalltalk, obwohl ich bis heute finde, dass man erstaunlich lange über Wetter reden kann. Und ich gewöhnte mich daran, dass Pausen kein Zeichen mangelnder Einsatzbereitschaft sind.

Besonders geholfen haben mir zwei erfahrene Kollegen. Sie erklärten mir die ungeschriebenen Regeln des neuen Betriebs und ließen mich Fragen stellen, ohne mich klein aussehen zu lassen. Im Gegenzug brachte ich meine Erfahrung mit Sicherheit und Übergaben ein.

So entstand langsam eine neue Form von Kameradschaft. Ohne Uniform, aber nicht weniger verlässlich.

Wer bin ich ohne den alten Dienst?

Der schwierigste Teil war nicht Excel und auch nicht die neue Sprache. Es war die Frage, wer ich ohne meinen Dienstgrad war.

Viele Jahre hatte die Marine meinen Alltag, meine Aufgaben und einen Teil meiner Rolle bestimmt. Nach dem Abschied musste ich lernen, dass Erfahrung bleibt, auch wenn das äußere Zeichen dafür verschwindet.

Ich war nicht mehr Kommandant. Aber ich konnte weiterhin Verantwortung übernehmen. Ich musste keine Befehle mehr geben. Aber ich konnte Menschen helfen, in einer unübersichtlichen Lage ruhig zu bleiben.

Nach ungefähr einem Jahr fühlte sich das Zivilleben nicht mehr wie ein langer Landgang an. Es war mein neuer Alltag geworden.

Eine andere See

Rückblickend war der Wechsel kein Bruch mit meinem früheren Leben. Er war eine Übersetzung.

Ich nahm Disziplin, Teamgeist und Verantwortungsgefühl mit. Zurücklassen musste ich den Gedanken, dass nur eine klare Rangordnung zu guten Ergebnissen führt. Neu hinzu kamen Geduld, andere Blickwinkel und die Einsicht, dass man auch mit fast sechzig noch Anfänger sein darf.

Helga half mir dabei, ohne mir einen neuen Kurs vorzuschreiben. Sie fragte nur: „Was von früher tut dir gut, und was brauchst du heute nicht mehr?“

Diese Frage begleitet mich bis heute.

Das Zivilleben ist keine Flaute. Es ist eine andere See. Die Wellen heißen dort Besprechung, Veränderung oder Selbstzweifel. Einen Kurs findet man trotzdem – mit Menschen, die einem etwas erklären, mit der Bereitschaft zu lernen und mit Humor für die Tage, an denen der Mauszeiger wieder verschwunden ist.

Nur eines vermisse ich manchmal: Auf einem Schiff wusste wenigstens jeder, wo vorne ist.