Kolumne · ueber bruno Vom Boot zur Bürowand – wie ich den Kurs ins Zivilleben fand
Als die Schiffssirene verstummte und der Kaffeebecher nicht mehr bei Seegang tanzte, begann mein längster Landgang: der Wechsel von der Marine in ein ziviles Arbeitsleben voller Meetings, Mauszeiger – und erstaunlich viel Menschlichkeit.
Inhalt
- Die letzte Bordklingel
- Anzug ist auch nur eine Uniform
- Widrigkeiten: Dünung im Flachwasser
- Der erste Job an Land
- Positives: Rückenwind aus der Dienstzeit
- Dinge, die mich kalt erwischt haben
- Helga, mein Kompass an Land
- Übersetzen statt Übertreiben
- Mentoren und neue Kameradschaft
- Der lange Atem zahlt sich aus
- Für dich, wenn du selber Landgang planst
- Checkliste: Kursbuch für den Wechsel (zum Abhaken)
- Landgang auf Dauer fühlt sich anfangs an wie Flaute im Kopf – normal.
- Größte Hürden: „Uniformsprache“ übersetzen, Hierarchie-Reflexe ablegen, Netzwerk aufbauen.
- Größte Pluspunkte: Stressresistenz, Teamgeist, Verantwortungsgefühl, strukturierte Abläufe.
- Mein Manöverplan: Skills in Alltagssprache übersetzen, Mentor suchen, kleine Siege sammeln, Humor behalten, Familie/Enkel ins Boot holen.
Die letzte Bordklingel
Der Tag, an dem ich die Brücke verließ, roch nach Kaffee, kaltem Stahl und „Jetzt wird’s ernst“. Keine Hafenfeuerwerke, kein Orchester – nur ich, meine Kiste Erinnerungen und Helga am Kai, die rief: „Bruno, ab heute ist dein Dienstplan mein Kalender!“ Ich salutierte instinktiv und merkte: An Land salutiert man höchstens noch dem Paketboten, wenn er pünktlich ist.
Anzug ist auch nur eine Uniform
Mein erster zivilistischer Anzug fühlte sich an wie eine zu dünne Rettungsweste. Im Bewerbungsgespräch nickten drei Menschen, die „Scrum“ sagten, als wäre es ein Dessert. Ich erklärte, wie man bei Sturm Kurs hält, Menschen führt, Material plant und Risiken bewertet. Der Personaler fragte: „Und Excel?“ – „Habe ich noch nicht kommandiert, aber ich bring’s zum Gehorchen“, sagte ich. Lächeln im Raum. Hafenkino.
Widrigkeiten: Dünung im Flachwasser
Sprache. „Klar zum Ablegen!“ wurde zu „Projektstart freigegeben“. „Kameradschaft“ heißt „Teamkultur“. Und „Maschine stop“ ist im Büro „Bitte mute dich im Call“. Hierarchie. An Bord weiß jeder, wer wann das Sagen hat. An Land heißt das „Alignment“ und wird in einem Meeting mit elf Leuten gesucht, von denen drei die Kamera aus haben. Tempo. Auf See ist „gleich“ echt gleich. Im Büro ist „gleich“ ein dehnbarer Begriff – ähnlich wie Kaugummi unter der Tischplatte. Selbstzweifel. Die Stille nach der Sirene. Kein Wachplan mehr, keine Einteilung. Helga nannte es „Brunos Nachbrand“. Ich nannte es Nebel.
Der erste Job an Land
Gelandet bin ich als Ablauf- und Sicherheitskoordinator bei einem Hafenlogistik-Unternehmen. Klingt nach Titel mit Knoten, war aber herrlich konkret: Schichten planen, Sicherheitsrouten festlegen, bei Störungen ruhig bleiben, mit Lieferanten funken, wenn Container und Realität sich nicht mögen. Anekdote? Gern: Einmal stand ein Container quer, ein Gabelstapler piepste beleidigt, und oben drüber schwebte die Frage „Wer ist zuständig?“ Ich griff zum alten Reflex: Lagebild erstellen, Verantwortliche benennen, Sofortmaßnahmen, kurze Funksprüche – und ja, ich ließ sogar eine Art „Man-over-Board“-Trockenübung für falsch geladene Paletten laufen. Fünfzehn Minuten später: Durchfahrt frei, Gesichter entkrampft. Der Chef sagte: „Das war… beeindruckend.“ Ich sagte: „Standardmanöver, nur ohne Seegang.“
Positives: Rückenwind aus der Dienstzeit
- Stressresistenz. Wenn du schon mal bei Windstärke 8 Kaffee getrunken hast, bringt dich ein schlecht formatierter Quartalsbericht nicht aus der Fassung.
- Teamgeist. Kameradschaft wird im Zivilen nicht kleiner, nur leiser. Man muss sie aktiv pflegen – dann hält sie genauso fest wie ein guter Palstek.
- Verantwortung. „Ich bin verantwortlich“ ist im Lebenslauf eine Zeile – im Alltag aber ein Magnet für Vertrauen. Das merkten die Kolleginnen und Kollegen schnell.
- Ablaufdenken. Checklisten, klare Übergaben, Nachbereitung: Alles, was auf See Leben rettet, spart an Land Zeit, Nerven und manchmal auch Geld.
Dinge, die mich kalt erwischt haben
- Smalltalk. An Bord redet man wenig und meint viel. Im Büro redet man viel und meint… manchmal Wetter. Habe ich gelernt.
- Homeoffice. Mein erstes Mal war wie Funksprechübung mit Wackelkontakt. Matze, die Katze, sprang dreimal ins Bild und wurde fortan in zwei Teams als „Chief Morale Officer“ geführt.
- Titel-Salat. „Junior Senior Specialist“ – na gut. Hauptsache, jemand fühlt sich wirklich verantwortlich.
- Tempo-Zickzack. Von Vollgas zu Vollbremsung innerhalb eines Meetings. Seither plane ich Puffer – an Land sind sie nicht feige, sondern klug.
Helga, mein Kompass an Land
Helga setzte mir keine Kursziele, sie stellte Fragen: „Was von deiner alten Welt vermisst du – und was davon kannst du hier bauen?“ So entstand unser Wohnzimmer-Whiteboard. Links: „Was mir Halt gibt“ (Routine, kurze Lagemeldungen, klare Verantwortlichkeiten). Rechts: „Was ich lerne“ (Excel zähmen, freundlich widersprechen, Pausen planen). Zwischen uns tickte die alte Küchenuhr wie eine Borduhr. Und wenn ich im Ton mal zu sehr nach Kommandobrücke klang, räusperte Helga nur. Wirkung: sofort.
Übersetzen statt Übertreiben
Ich schrieb meinen Lebenslauf dreimal neu. Nicht „Verantwortlich für 200 Mann bei Nachteinsatz“, sondern „Schichtführung bis 200 Mitarbeiter, Ressourcenplanung, Notfallkoordination, Qualitäts- und Sicherheitstraining“. Klingt weniger nach Abenteuerroman, ist aber für Personalabteilungen Landkarte statt Legende. Pro Tipp, den ich mir selbst gab: Erzähle, wie du Probleme kleiner machst. Nicht nur, dass du sie „beherrscht“ – zeig, wie du anderen die Angst nimmst. Das ist an Land die hohe Kunst.
Mentoren und neue Kameradschaft
Ich fand zwei Mentoren: einen alten Lagerfuchs mit Herz aus Gabelstaplerstahl und eine Controllerin mit dem Blick für Zahlen, die nicht lügen. Sie nahmen mich in den Windschatten, bis ich wieder Eigenfahrt hatte. Und ich gab zurück: Krisentraining light, Funkdisziplin für Meetings („Einer spricht, alle hören zu – dann umgekehrt“) und eine ordentliche Übergabeliste, die sogar die Kaffeemaschine verstand.
Der lange Atem zahlt sich aus
Nach einem Jahr merkte ich: Ich denke wieder in Wochen statt in Wellen. Ich schreibe Protokolle, die andere wirklich lesen. Ich sage „Wir“ und meine Kolleginnen und Kollegen – ohne Uniform, aber mit Stolz. Und ich habe begriffen: Zivilleben ist nicht Flaute. Es ist eine andere See, mit Sandbänken, auf denen keiner „Ahoi“ ruft. Aber wer das Echolot benutzt – Feedback, Reflexion, Humor – der findet Fahrrinne.
Für dich, wenn du selber Landgang planst
Wechsel ist kein Verrat an der Vergangenheit. Er ist ein neues Kapitel, in dem deine alten Stärken andere Namen tragen. Nimm sie mit, aber schnüre sie neu. Und wenn du mal zweifelst: Matze hat es auch gelernt, vom Decksprung auf die Fensterbank umzusteigen – eleganter als ich.
Checkliste: Kursbuch für den Wechsel (zum Abhaken)
☐ Eigenes Vokabular übersetzen: Schreibe 5 Tätigkeiten aus deinem alten Job in Alltagssprache (ohne Jargon). ☐ Kompetenzen belegen: Für jede Stärke (z. B. Teamführung) ein konkretes Beispiel notieren: Situation – Maßnahme – Ergebnis. ☐ Mentor finden: Eine Person im Zielbereich ansprechen („Darf ich 30 Minuten für 3 Fragen haben?“). ☐ Mini-Pilotprojekt starten: Eine kleine Verbesserung im neuen Umfeld umsetzen (z. B. Übergabeliste, Alarmkette, Check-in-Routine). ☐ Netzwerk mit Sinn: Jede Woche 1 Kontakt pflegen (Telefonat/Kaffee), Notizen führen. ☐ Meeting-Disziplin einüben: Agenda vorher, Entscheid vor Ende, To-dos mit Namen & Datum. ☐ Familien-Dreieck einbinden: Kinder/Enkel (oder vertraute Jüngere) um Feedback zu Lebenslauf & Online-Profil bitten; gemeinsam 1–2 Bewerbungen verschicken. ☐ Rituale schaffen: Fester Tagesanfang (10-Min-Lagebild), feste Pausen, kurzer Feierabend-Logbucheintrag. ☐ Humor pflegen: Eine Anekdote bereitlegen, die zeigt, wie du Druck entschärfst. ☐ Puffer ernst nehmen: Für neue Tools/Prozesse 20–30 % Lernzeit einplanen – bewusst, nicht heimlich.
— Brunos Kolumne, geschrieben auf der alten Klappermaschine. Helga nickt, Matze schläft, und irgendwo piepst noch ein Gabelstapler – aber nicht meiner.


