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Kolumne · Brunos Kolumne

Vier Mann, ein Loch und eine Torte

Bruno steht morgens am Küchenfenster, schaut auf eine Baustelle und erlebt ein kleines Meisterwerk deutscher Gründlichkeit: vier Mann, ein Loch – und eine Tiefkühltorte als inoffizielles Bauprojekt.

Inhalt

  1. An der Besetzung hat sich nichts geändert:
  2. Im Laufe des Vormittags wiederholt sich alles im Schleudergang:
  3. Also:
  4. „Moin Männer, ihr seht aus, als könntet ihr was Süßes gebrauchen.“
  5. Und jetzt kommt der Moment, für den ich im Kino Eintritt gezahlt hätte:
  6. „Pass auf, wir könnten jederzeit weitermachen. Tun wir aber nicht.“
  7. Am Ende des Tages bilanziere ich:
  8. Wenn man ehrlich ist, war das Einzige, was an diesem Tag wirklich zuverlässig fertig geworden ist:

„Vier Mann, ein Loch und eine Torte“

Ein Morgen in Brunos Küche

Es ist sieben Uhr morgens. Ich, Bruno, stehe mit noch halboffenen Augen am Küchenfenster und warte, bis die Kaffeemaschine ihr letztes Röcheln getan hat. Draußen ist es stockdunkel, so eine Mischung aus Nacht und Montagmorgenstimmung.

Gegenüber von unserem Haus fängt direkt das große Feld an. Rechts vorne auf der Ecke steht so ein kleines Wartungshäuschen von den Stadtwerken – Elektrik, Kabel, der ganze geheimnisvolle Kram, bei dem man besser nicht selber dranrummacht, wenn man seine Frisur behalten will.

An dieser Ecke ist ein kleiner Platz, vielleicht 50 Quadratmeter. Da haben gestern schon irgendwelche Jungs mit einem Minibagger rumgewerkelt und das Ding abends dort abgestellt. Mehr hab ich mir dabei nicht gedacht.

Kaffeemaschine verstummt. Ich gieße mir meinen ersten Kaffee ein, nehme einen Schluck, und in dem Moment sehe ich Lichter.

Transporter eins. Transporter zwei. Transporter drei. Dazu ein Pritschenwagen mit Anhänger, der sich selbstverständlich genau mitten auf den Fahrradweg stellt – Tradition ist Tradition.

Ich nippe an meinem Kaffee, denke mir mein Teil und verschwinde erst mal aus der Küche. Man will ja nicht gleich zu früh am Morgen alles erleben.

Das Loch der Nation

Eine Stunde später. Es ist inzwischen dämmrig, man erkennt Konturen. Ich wieder in der Küche, zweiter Kaffee, gleicher Platz am Fenster.

Auf der Ecke: vier Mann im Einsatz. Also, „im Einsatz“ ist vielleicht ein großes Wort.

  • Einer sitzt auf dem Minibagger.
  • Drei stehen um das Loch herum und beobachten ihn dabei wie ein seltenes Zoo-Tier.

Zwei haben Schaufeln in der Hand, einer ein Maßband – eindeutig der Vorarbeiter. Ohne Maßband bist du ja im deutschen Tiefbau nur Zivilist.

Der Bagger macht „wüüh-wüüh“, die Schaufel geht rein, kommt raus, dreht sich, alles wie im Lehrbuch. Der Aushub landet auf dem Anhänger vom Pritschenwagen. Die drei Kollegen stehen drumrum und gucken zu, ob die Physik heute auch wieder funktioniert.

Ich schau zu, nicke wissend, trinke meinen Kaffee aus. Alltag in Deutschland, Kapitel „Erdarbeiten“. Ich verschwinde wieder.

Zeitsprung: 10 Uhr

Nächste Runde Fensterkino. Es ist jetzt hell. Das Loch ist inzwischen so tief, dass man wahrscheinlich unten schon andere Zeitzonen anzapft. Die Baggerschaufel verschwindet gefühlt bis Australien.

An der Besetzung hat sich nichts geändert:

  • Einer arbeitet – na ja, er baggert.
  • Drei stehen dabei, wahlweise mit Schaufel, Zigarette oder wichtiger Miene.

Der Aushub-Anhänger ist voll, der Pritschenwagen fährt weg. Der Baggerfahrer bleibt allein zurück, stellt das Führerhaus demonstrativ so, dass er mir den Rücken zudreht. Man will ja nicht beim Arbeiten beobachtet werden, wenn man gerade nicht arbeitet.

Qualm steigt auf. Er raucht. Ich auch – innerlich.

Die Taktik: Warten auf den Sinn

Im Laufe des Vormittags wiederholt sich alles im Schleudergang:

  • Pritschenwagen weg, Aushub entsorgen.
  • Pritschenwagen wieder da, neuer Aushub.
  • Bagger baggert, Kollegen gucken.
  • Dann plötzlich: alle vier am Diskutieren, am Rauchen, am Deuten auf das Loch, als hätten sie gerade ein archäologisches Weltkulturerbe ausgegraben.

Zwischendurch parken zwei der Transporter einfach nur rum. In jedem sitzt einer, der offenbar eine lebenswichtige Aufgabe erfüllt: Sitzen. Hinter dem dritten Transporter ahnt man auch eine Silhouette. Vermutlich der Pausenbeauftragte.

Von meinem Fenster aus sieht das Ganze aus wie eine Mischung aus Baustelle und Freiluft-Stammtisch.

Brunos Eingebung: Diplomatie mit Sahne

Irgendwann – es ist schon weit nach Mittag – erscheint der Pritschenwagen wieder, diesmal mit hellem Material. Sieht aus wie Sand. Die vier Mann stehen darum herum, die Unterarme lässig über die Bordwand gehängt, und reden. Arbeiten tun sie in dem Moment höchstens verbal.

Da denke ich: „Komm, Bruno, sei nicht so ein Meckerkopp. Die Jungs stehen den ganzen Tag draußen, bisschen Nettigkeit hat noch keinem geschadet.“

Im Tiefkühler schlummert noch ein Viererpack Tortenstücke, schön ordentlich als Kuchenviertel vorgeschnitten. Klar, noch halb gefroren – aber wir sind hier ja nicht beim Kaffeekränzchen vom Bundespräsidenten.

Also:

  • Vier tiefgekühlte Tortenstücke.
  • Vier Pappteller vom letzten Sommer.
  • Vier Gabeln aus meinem Fundus – Wiedersehenswahrscheinlichkeit unter 50 Prozent.

Ich stapel das Zeug, ziehe mir eine Jacke an, gehe rüber zur Baustelle.

„Moin Männer, ihr seht aus, als könntet ihr was Süßes gebrauchen.“

Sie freuen sich tatsächlich. Strahlen, bedanken sich, einer klopft mir auf die Schulter. Einer stellt fest: „Oh, noch gefroren.“

Nehmen sie natürlich trotzdem. Sind ja Profis.

Deutsche Effizienz: Motor an für die Torte

Und jetzt kommt der Moment, für den ich im Kino Eintritt gezahlt hätte:

Einer der Männer nimmt das Tortenpäckchen, geht zum Transporter, legt den Viererpack Torte aufs Armaturenbrett – und startet den Motor.

Offensichtlich lautet der Plan: Heizung an, Gebläse hoch, warme Luft frontal auf den Kuchen.

Deutscher Ingenieursgeist, aber angewandt auf Tiefkühltorte. CO₂-Ausstoß: egal. Hauptsache, die Käsesahne enteist pünktlich.

Ich gehe wieder nach Hause, stelle mich ans Küchenfenster und beobachte. Vier Mann stehen immer noch am Pritschenwagen, rauchen, fachsimpeln. Der Baggerfahrer steigt irgendwann wieder in seinen Minibagger und macht… nichts. Also fast nichts. Er schwenkt die Schaufel ab und zu ein bisschen hin und her, so, als ob er dem Loch nur zeigen will:

„Pass auf, wir könnten jederzeit weitermachen. Tun wir aber nicht.“

Der große Anruf

Dann telefoniert einer. Lange. Mit wichtigem Gesicht. Die anderen drei schauen ihn an, als hätte er gerade bei Günther Jauch angerufen.

Gespräch zu Ende. Alle vier schütteln den Kopf synchron. Einer klettert wieder in den Pritschenwagen, fährt mit dem Sand – oder was auch immer das war – wieder weg. Die anderen drei stehen am Loch, schauen rein, zucken mit den Schultern.

Arbeiten tun sie in dieser Phase gemeinsam: an ihrer Ratlosigkeit.

Finale: Loch 1, Ergebnis 0

Später am Nachmittag: Die Männer steigen nach und nach in ihre Fahrzeuge. Sie fahren nicht sofort weg. Ich vermute, sie warten auf das, was wir früher bei der Marine „Befehl zum Rückzug“ genannt hätten – hier heißt es vermutlich „Feierabend“.

Irgendwann, gegen fünf, ist die Ecke leer. Der Platz: verwaist. Der Bagger: abgestellt. Das Loch: offen, tief, ohne Absperrung, ohne Zaun, ohne irgendwas – nur die Baggerschaufel hängt dekorativ halb ins Loch, wie ein Lesezeichen im Kapitel „Unfertige Projekte“.

Von dem hellen Material ist nichts mehr zu sehen. Ob das jemals ins Loch sollte oder nur als Tortenauftauservice diente – unklar. Die Torte habe ich auch nie wiedergesehen. Weder als Stück noch als Feedback.

Brunos Pointe

Am Ende des Tages bilanziere ich:

  • Ein riesiges Loch.
  • Vier Fahrzeuge mit laufenden Motoren.
  • Vier Mann in Vollzeit beobachtender Tätigkeit.
  • Drei Schaufeln, ein Maßband.
  • Unbekannte Menge Diesel verbrannt.
  • Null sichtbares Ergebnis.
  • Aber: Vier Stück Torte sind weg.

Wenn man ehrlich ist, war das Einzige, was an diesem Tag wirklich zuverlässig fertig geworden ist:

Meine Torte. Von „Tiefgefroren“ bis „Verschwunden“ in unter acht Stunden.

Und ich sag dir: Für die Arbeit im Boden hätten zwei Mann in zwei, drei Stunden gereicht. Aber um einen ganzen Tag lang zu viert eine Torte aufzutauen, dafür braucht es eben echte deutsche Gründlichkeit. 😏