Kolumne · Brunos Kolumne Vier Mann, ein Loch und eine Torte
Vom Küchenfenster aus beobachtet Bruno eine Baustelle. Vier Männer, mehrere Fahrzeuge und eine tiefgekühlte Torte sorgen für einen Arbeitstag mit überraschendem Ergebnis.
Inhalt
Es ist sieben Uhr morgens. Ich stehe am Küchenfenster und warte auf den Kaffee. Draußen liegt die kleine Ecke am Wartungshäuschen der Stadtwerke noch im Dunkeln. Seit gestern steht dort ein Minibagger.
Dann kommen die Fahrzeuge. Ein Transporter, noch einer, ein dritter und schließlich ein Pritschenwagen mit Anhänger. Mein Kaffee ist noch nicht fertig, aber die Großlage hat begonnen.
Das Loch nimmt Gestalt an
Eine Stunde später stehen vier Männer an der Ecke. Einer sitzt im Bagger. Drei schauen in das entstehende Loch.
Zwei halten Schaufeln, einer ein Maßband. Das Maßband weist ihn vermutlich als Führungskraft aus. Der Bagger hebt Erde auf den Anhänger. Die Kollegen beobachten, ob die Schwerkraft auch an diesem Morgen zuverlässig arbeitet.
Ich will nicht ungerecht sein. Vielleicht planen sie etwas Wichtiges. Vielleicht liegen dort Leitungen, bei denen jeder falsche Griff das Viertel verdunkelt. Von meinem Fenster aus sieht es trotzdem aus wie eine sehr gründliche Besprechung mit gelegentlichem Erdaushub.
Vormittag mit wechselnder Besetzung
Gegen zehn Uhr ist das Loch tiefer. Die Arbeitsweise bleibt übersichtlich: baggern, schauen, beraten, rauchen. Der volle Anhänger fährt weg und kommt später zurück.
Zwischendurch zeigen alle auf verschiedene Stellen im Loch. Ich kann ihre Worte nicht hören. An der Körperhaltung erkenne ich jedoch: Der Boden hält sich nicht an die Planung.
Zwei Transporter stehen mit laufenden Motoren am Rand. Vielleicht ist darin Werkzeug. Vielleicht sitzen dort Menschen, die auf ein Zeichen warten. Eine Baustelle ist von außen schwer zu beurteilen. Das hält einen Mann am Küchenfenster allerdings nicht vom Urteilen ab.
Diplomatie mit Sahne
Gegen Mittag bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Die Männer stehen seit Stunden in der Kälte. Im Tiefkühler liegt eine Packung mit vier Tortenstücken.
Ich verteile sie auf Pappteller, nehme vier Gabeln und gehe hinüber.
„Moin. Ihr könnt bestimmt etwas Süßes gebrauchen.“
Die Freude ist ehrlich. Einer stellt fest, dass die Torte noch ziemlich gefroren ist. Das hatte ich nicht ganz zu Ende gedacht.
„Kein Problem“, sagt ein Kollege und trägt die Stücke zum Transporter.
Der Torten-Auftaudienst
Vom Küchenfenster sehe ich, wie die Torte auf dem Armaturenbrett landet. Der Motor startet, die Heizung läuft, und warme Luft übernimmt die weitere Bearbeitung.
Da ist er wieder, der Erfindergeist. Wenn das eigentliche Bauvorhaben stockt, wird wenigstens die Käsesahne planmäßig aufgetaut.
Später kommt ein Pritschenwagen mit hellem Material zurück. Wieder wird gesprochen, gezeigt und telefoniert. Dann fährt der Wagen samt Ladung erneut davon. Die Männer schauen ins Loch, als hätte es ihnen eine schwierige Frage gestellt.
Feierabendbilanz
Gegen fünf verschwinden die Fahrzeuge. Der Bagger bleibt. Das Loch ist noch offen und inzwischen ordentlich gesichert. Was genau dort gebaut oder repariert wird, weiß ich nicht.
Vielleicht haben die Männer an diesem Tag mehr geleistet, als ich erkennen konnte. Unter der Erde gibt es schließlich Dinge, die sich meinem Küchenfenster entziehen.
Ein Ergebnis kann ich aber sicher bestätigen: Die vier Tortenstücke sind vollständig verschwunden.
Ich nehme den letzten Schluck Kaffee und ziehe Bilanz. Vier Männer, ein Loch, mehrere Fahrzeuge und ein funktionierender Auftaudienst. Über die Baustelle erlaube ich mir kein endgültiges Urteil.
Bei der Torte dagegen melde ich: Auftrag erledigt.


