Kolumne · brunos meckerkiste Sirene vorm Fenster – Apokalypse in Stereo
Seit gestern steht 20 m vor Brunos Fenster ein Sirenenmast. Testlauf, Helga lässt die Schüssel fallen. Gegenüber: neues Umspannwerk, daneben das Kohlekraftwerk. Erst gewarnt, zuerst dran – na großartig.
Gestern, 11:00 Uhr, die Welt ist noch halb am Gähnen, da singt plötzlich der Himmel. Also „singt“. In Wahrheit schreit er mir mit 120 Dezibel ins Wohnzimmer, und Helga lässt die Schüssel fallen, als hätte die Schwerkraft heute Sonderangebot. Grund: ein brandneuer Sirenenmast, exakt zwanzig Meter vor unserem Fenster hingestellt, so elegant wie ein Zahnarztbohrer im Schlafzimmer. „Katastrophenschutz“, sagt die Gemeinde stolz. Ich sage: Katastrophenschutz? Ich fühl mich seit gestern bestens eingeschützt – direkt an der Quelle, Premium-Abo für Endzeit.
Ich wusste gar nicht, dass mein Zuhause ein Testgelände für Trommelfell-Fernunterricht ist. Offenbar rüstet ganz Deutschland nach: Dachsirenen, Mastsirenen, Sirenen mit WLAN, Sirenen mit Kalendererinnerung: „Donnerstag, 11 Uhr: Bruno erschrecken.“ Und ich? Wohnlage „Gewerbemischgebiet, Ende von Nirgendwo“. Hinterm Haus Feld und Flur, vorne Straße – und auf der anderen Seite wächst ein Umspannwerk in den Himmel wie ein Transformer auf Steroiden. Gleich daneben steht das Kohlekraftwerk, majestätisch wie eine Dampflok, die schwören würde, sie sei ein Schwan.
Mit anderen Worten: Wenn es eines Tages ernst wird, sitze ich im Logenplatz der Logistik. Ich bin der Mann auf der erste-Reihe-Bank, direkt vor der Orgelpfeife, die „Renn!“ brüllt, während die Karte zwei Optionen bietet: rechts Umspannwerk, links Kohlekraftwerk. Genau die Orte, die im Ernstfall unter „strategisch wichtig“ im Feindes-Excel markiert sind. Mein persönlicher Evakuierungsplan liest sich wie ein Witz mit zu viel Realität: „Bitte begeben Sie sich auf direktem Weg zu einem der beiden prominentesten Ziele, damit die Sirene nicht ins Leere gerufen hat.“
Natürlich ist das alles „für unsere Sicherheit“. Ich liebe Sicherheit. Ich schnalle mich an, ich lösche Kerzen, ich schraube die Leiter fest. Aber eine Sirene in Spuckweite fühlt sich an wie Sicherheitsgurt mit eingebautem Schleudersitz. Beim Testlauf hat selbst der Kater versucht, den Keller zu untergraben, um nach Australien zu graben. Helga hat im Reflex „Deckung!“ gerufen und sich mit dem Topflappen verteidigt. Ich stand derweil im Fenster wie Kapitän im Ausguck und dachte: Aye, volles Rohr auf Gefechtsstation – nur blöd, dass die Gefechtsstation mein Wohnzimmer ist.
Die Begründung klingt immer gleich: „Wir müssen die Bevölkerung erreichen.“ Herzlichen Dank, erreicht bin ich. Man hört’s hier so gut, dass auch meine Urenkel prophylaktisch zusammenzucken. Und weil wir ja im Gewerbegebiet hausen, resoniert die Sirene durch Wellblech, Scheiben, Tassen, Helgas Zähne und meinen Kaffee, der bei Tonlage „Heulton“ spontan zum Espresso wird. Ich bin jetzt offiziell koffeinfrei – die Sirene rührt den Kreislauf auch ohne Bohnen.
Und wissen Sie, was das Schönste ist? Dieses Gefühl, vorbereitet zu sein. Denn wenn’s mal dingdong macht im Weltgeschehen, darf ich als Erster wissen, dass irgendwo ein Formular „Katastrophe“ angekreuzt wurde. Die anderen sind vielleicht noch beim Frühstück, ich bin bereits beim Sprint. Wohin? Großartige Frage. Geradeaus ins Feld? Windrichtung prüfen, hoffen, dass die Katastrophe keine Laufschuhe trägt. Rechts rum zum Umspannwerk? Ach nein, dumm, das ist ein Ziel. Links rum zum Kraftwerk? Haha. Auch Ziel. Bleibt nur: nach oben winken und freundlich zurückheulen.
„Nun sei nicht so zynisch“, sagt Helga, „es ist doch gut, dass sie was tun.“ Ja, sie tun. Tun sie. Sie tun eine Sirene direkt vor unsere Fenster. Sie tun, was man tut, wenn man Papier überzeugen will: Man baut Sichtbarkeit. Und Lautbarkeit. Ich frage mich bloß, wer die Standortlotterie gezogen hat. Gab’s da eine Landkarte, und jemand hat mit verbundenen Augen Dart gespielt? „Oh, Treffer: Brunos Wohnzimmer! Na das ist doch mal bürgernah.“
Versteht mich nicht falsch: Sirenen sind sinnvoll, niemand will zurück zu Rauchzeichen. Aber könnte man die Dinger nicht vielleicht zehn Häuser weiter stellen? Oder – wilde Idee – auf das Gelände, das im Ernstfall sowieso zur Zielscheibe wird? Dann hätten wenigstens die, die es betrifft, ihren Wecker gleich am Nachtkästchen. Stattdessen stehe ich im Bademantel, die Haare auf Sturm, und übe Atemtechnik gegen Fluchtinstinkt, während draußen der Mast den Warntag Deluxe simuliert und drinnen der Kater seine neunte Chance überdenkt.
Und falls jemand mit „Schallschatten“ und „Ausbreitungskurve“ wedelt: Ja, danke, kenne ich jetzt. Ich habe gestern unfreiwillig Akustik studiert, inklusive Modul „Wie viele Geschirrtücher braucht ein Haushalt, um eine Schüssel-Katastrophe zu bereinigen“. Ergebnis: zwei, wenn Helga wirft. Die Schüssel ist nicht kaputt, das Vertrauen in die Uhrzeit schon. 11 Uhr bedeutet nun: Festhalten, Gläser sichern, Opa anketten.
Das einzig Tröstliche an der Nähe zum Mast ist die neue Ehrlichkeit des Lebens. Ich wohne an der Frontlinie der Alarmbereitschaft, eingerahmt von Technologien, die Strom machen, Strom verteilen und Ohren säubern. Wenn irgendwann der Ernstfall durchs Dorf trabt, bin ich zuerst gewarnt. Und – je nachdem, wer heute Ziele bingo spielt – vielleicht auch zuerst erledigt. Ein exklusiver Service, fast wie Lounge-Zugang am Flughafen: „Sehr geehrter Bruno, genießen Sie den Vorsprung – er ist kurz.“
Vielleicht, ganz vielleicht, könnte man die Fürsorge ja noch einen Schritt weiter denken. Gratis-Ohrstöpsel im Briefkasten für Anwohner im Explosionsradius der guten Absichten. Ein Zettel mit „Wir haben Sie nicht vergessen – wir haben Sie nur gewählt“. Und ein Lageplan, der ehrlich die zwei Fluchtrichtungen markiert: links „Industrie“, rechts „noch mehr Industrie“. In der Mitte ein Smiley, der „Viel Glück“ heißt. Und drunter der beruhigende Satz: „Für Notfälle gedacht.“ Ach was – für was denn sonst? Für Karaoke?
Bis dahin üben wir. Helga übt balancieren ohne Schrecksekunde. Der Kater übt, nicht sofort das Testament zu schreiben, wenn die Luft vibriert. Ich übe, nicht jedes Mal zum Fernglas zu greifen und zu schauen, ob auf dem Umspannwerk schon jemand die Zielscheibe aufrollt. Und die Sirene übt, das kann sie gut. Sie ist pünktlich, zuverlässig, treu. Ein Partner fürs Leben – zumindest bis zur nächsten Ausschreibung.
Und wenn dann wieder einer sagt: „Sicherheit beginnt mit Alarm“, dann nicke ich höflich und denke: Sicherheit beginnt damit, dass einer ausrechnet, wo Menschen leben, bevor er eine GIS-Karte beschallt. Sie beginnt damit, dass man ein Gewerbemischgebiet nicht zum Dolby-Surround-Tempel für die große Panik erhebt. Und sie endet bestimmt nicht damit, dass in meinem Wohnzimmer die Apokalypse Soundcheck macht.
Also ja, willkommen im neuen Alltag. Morgens Kaffee, mittags Heulton, abends Kohle-Glow am Himmel – Romantik aus dem Kraftwerk, Herzrasen vom Mast, und dazwischen Bruno, der lernt, zwischen zwei Zieloptionen humorvoll zu bleiben. Ich winke der Sirene zu. Und sie winkt zurück. Mit 120 Dezibel.


