Kolumne · Brunos Kolumne

Sigi vom Wasserhäuschen – wenn die Legende wackelt

Sigi gehört seit Jahrzehnten zum Viertel. Als der alte Mann plötzlich schwächer wirkt, fragen sich alle: Wie hilft man, ohne sich über sein Leben zu stellen?

Inhalt

  1. Plötzlich ist etwas anders
  2. Das Viertel weiß sofort Bescheid
  3. Ein Gespräch ohne Publikum
  4. Hilfe anbieten, nicht übernehmen
  5. Wann Höflichkeit warten muss
  6. Nicht nur die Legende sehen

In manchen Straßen gibt es einen Brunnen oder eine alte Linde. Bei uns gibt es Sigi.

Seit Jahrzehnten steht er vor Biggis Wasserhäuschen. Sommer wie Winter, meistens mit einer Geschichte und einem festen Platz am Poller. Wie alt er genau ist, weiß im Viertel niemand sicher. Sigi sagt hundert. Widersprechen möchte ihm keiner.

Plötzlich ist etwas anders

Biggi merkt es zuerst. Sigi kommt später und manchmal gar nicht. Wenn er da ist, lehnt er schwerer am Poller. Seine Hand zittert, und häufiger als früher setzt er sich auf den Hocker.

„Alles gut?“, fragt sie.

„Alles wie immer, nur langsamer“, antwortet er.

Der Spruch klingt nach Sigi. Sein Lachen aber bleibt kurz. In den nächsten Tagen schaut Biggi immer wieder zur Straßenecke, aus der er gewöhnlich auftaucht.

Das Viertel weiß sofort Bescheid

Sobald jemand eine Sorge ausspricht, werden am Wasserhäuschen alle zu Fachleuten.

Die einen sagen: „Der Mann ist alt. Lasst ihn in Ruhe.“ Andere möchten am liebsten sofort Arzt, Familie und Pflegedienst gleichzeitig anrufen. Wieder andere finden, das gehe Nachbarn nichts an.

Alle meinen es irgendwie gut. Nur mit Sigi selbst hat noch niemand in Ruhe gesprochen.

Das ist bei Sorgen schnell passiert. Man redet über einen Menschen, weil das leichter ist, als ihn direkt zu fragen.

Ein Gespräch ohne Publikum

Eines Abends treffe ich Sigi allein am Wasserhäuschen. Ich stelle mich neben ihn. Männer reden manchmal besser, wenn sie nicht einander, sondern gemeinsam auf die Straße schauen.

„Biggi macht sich Sorgen“, sage ich. „Ich inzwischen auch.“

Sigi schweigt eine Weile. Dann betrachtet er seine Hände.

„Als ich hier ankam, hat keiner gefragt, ob ich zurechtkomme“, sagt er. „Ich habe das allein gelernt. Jetzt werden alle nervös, weil ich langsamer werde.“

Ich verstehe seinen Widerstand. Wer ein Leben lang selbst entschieden hat, möchte nicht plötzlich zum Gemeinschaftsprojekt werden.

„Was wäre denn Hilfe, die dich nicht ärgert?“, frage ich.

Sigi überlegt. „Wenn ich mal umfalle, ruft ihr zuerst den Rettungswagen und nicht den Wirt.“

Der Satz ist halb Witz und halb Bitte.

Hilfe anbieten, nicht übernehmen

Mit Sigis Zustimmung bekommt Biggi die Telefonnummer einer Nichte. Sigi lässt sich außerdem darauf ein, einen Arzttermin zu vereinbaren. Niemand führt Buch über seine Tage oder entscheidet über seinen Kopf hinweg.

Die Nachbarn achten nur etwas genauer hin. Einer bringt gelegentlich einen Einkauf mit. Jemand anderes fragt, ob Sigi begleitet werden möchte. Kleine Angebote, die er annehmen oder ablehnen kann.

So entsteht ein Netz, ohne dass es sich wie ein Käfig anfühlt.

Nachbarschaft kann Familie und Fachleute nicht ersetzen. Sie kann aber Veränderungen bemerken und den ersten Kontakt erleichtern. Entscheidend ist, mit dem Menschen zu reden und seine Selbstbestimmung zu achten.

Wann Höflichkeit warten muss

Es gibt Situationen, in denen keine lange Abstimmung möglich ist. Wenn ein Mensch bewusstlos wird, plötzlich starke Atemnot hat, nicht mehr verständlich sprechen kann oder offensichtlich in akuter Gefahr ist, muss sofort der Rettungsdienst unter 112 gerufen werden.

In weniger dringenden Fällen kann man ruhig fragen: „Wie geht es dir wirklich?“ oder „Soll ich jemanden anrufen?“ Ein Nein ist zu respektieren, solange keine unmittelbare Gefahr besteht.

Nicht nur die Legende sehen

Sigi steht weiterhin am Wasserhäuschen. Manchmal sitzt er. Seine Pausen sind länger geworden. Er bleibt eigensinnig, und das ist vermutlich ein gutes Zeichen.

Biggi sagt: „Solange er meckert, weiß ich, dass er noch er selbst ist.“

Wir hatten Sigi so lange für unverwüstlich gehalten, dass wir beinahe vergessen hätten, den Menschen hinter der Legende zu sehen. Einen sehr alten Mann, der Hilfe vielleicht nicht verlangt, aber trotzdem froh sein kann, wenn jemand hinschaut.

Sich kümmern heißt nicht, über ein fremdes Leben zu bestimmen. Manchmal heißt es nur, neben jemandem stehen zu bleiben und rechtzeitig zu fragen.