Kolumne · erinnerungen Salz auf der Zunge, 1977
Eine Reling, die Nacht wie Kaffee, und Häfen, die wie Versprechen riechen: Bruno erinnert sich an seine Seereisen seit 1977 – zwischen Sturm, Jenever und gebrochenen Herzen.
Bruno fährt seit ’77 durchs Blau, lernt Wind und Menschen, Häfen und Abschiede – und merkt: Der Horizont ist kein Ende, sondern eine Einladung.
Nachts, wenn die Wohnung still ist und nur Matze mit dem Schwanz die Heizung abstaubt, höre ich sie wieder: die See. Kein Geräusch, eher ein Zug an der Erinnerung, wie das leichte Rucken der Leine am Poller. 1977 war das Jahr, in dem ich das erste Mal die Welt in Blau maß. „Leinen los“, rief der Bootsmann, und ich ließ nicht nur Tampen fahren, sondern auch ein ganzes früheres Leben. Seitdem habe ich viele Herzen gebrochen — meistens meins zuerst.
Den Helder empfing mich wie eine stählerne Tante: etwas spröde, aber verlässlich. Es roch nach Diesel, Tang und frisch geflickten Netzen. Auf dem Kai stand ein Mädchen mit Sommersprossen, so viele, als hätte jemand die Nordsee gegen den Himmel geschleudert. Wir tranken Jenever aus Pappbechern und schwiegen besser als wir sprachen. Am Morgen war die Flut pünktlich, ich auch. Sie winkte, als sei Winken ein Versprechen. Ich tat, was Seeleute tun: Ich versprach nichts und fuhr doch mit allem, was ich war.
In Bristol lernte ich, dass Wasser Gedächtnis hat. Der Avon kriecht rückwärts, wenn die Tide will, und plötzlich ist man dort, wo man eben noch nicht war. Ich saß in einem Pub, in dem die Holzbänke Geschichten flüsterten. Eine Studentin, Literatur, rote Haare, las mir Hopkins vor, als wäre der Wind ein persönlicher Bekannter. Wir tanzten zwischen Bierflecken und Shantys, ich in meinen Stiefeln, sie barfuß, als wäre der Boden wärmer als unsere Zukunft. Am Morgen hing Nebel in den Docks, und mein Schiff lag da wie ein Tier, das man nicht zähmen kann. „Schreib mir“, sagte sie. Ich schrieb nicht. Ich fuhr.
Vor Toulon schlug der Mistral die Sätze aus den Masten. Da begriff ich: Der Wind ist kein Gegner, sondern ein Lehrer, der Stimme erhebt, wenn man träumt. In einer Werftkantine lernte ich Colette kennen, ölverschmierte Hände, lachende Augen. Wir tanzten auf dem Quai, als wären wir beide aus Gummi und die Welt aus Musik. Ich roch nach Salz, sie nach Zitrone und Metall. In meiner Brust schob sich der Anker, als würde er gern bleiben. Ich blieb nicht. Dienst ist Dienst, und die See duldet keine langen Abschiede.
Brest gab mir Regen, der geradezu professionell war. Er fiel nicht — er arbeitete. Wir lagen auf Reede, Biscaya im Nacken, und ich schwor mir, nie wieder ein Wetter zu unterschätzen, das „böig“ genannt wird. In einer Bar hörte ich bretonische Lieder, und eine Frau, deren Namen ich nie erfuhr, strich mit einer Stimme über die Luft, die mir die Knie, die Jahre und den Stolz weich machte. Später, draußen, schäumte die Nacht an der Kaimauer. Ich dachte, Liebe sei ein Hafen. Die See lachte und zeigte mir, dass Liebe eher ein Strom ist: Man kann hineinsteigen, aber nicht zweimal an derselben Stelle.
Valencia roch nach Orangen und nach Versprechen, die man nur im Sommer machen kann. Las Fallas brannten, und ich verstand, warum Menschen Dinge verbrennen, die ihnen wichtig sind: So merkt sich die Nacht Gesichter. Ich ging mit einer Frau durch Gassen, die so eng waren, dass unsere Schultern miteinander sprachen. „Bleib“, sagte sie, als sei es eine Möglichkeit. „Mañana“, antwortete ich, als sei es eine Zeitangabe. Als wir ausliefen, war die Stadt ein Teppich aus Funken. Ich stand am Heck und tat, was Männer tun, wenn sie erwachsen aussehen wollen: Ich schaute lange, bis niemand mehr sah, dass ich schaute.
La Spezia war ein Morgen in Sepia. Das Wasser lag da wie ein frisch gebügeltes Hemd, und die Hügel der Cinque Terre sahen aus, als hätte Gott einen Pinsel vergessen. Ich schrieb eine Postkarte, die ich nie abschickte. Sie begann mit „Cara…“ und endete in einem Tintenklecks, weil das Schiff plötzlich schwojte und ich lachen musste. Manchmal ist das Leben nur deshalb tragisch, weil man zwischendrin so viel lacht.
Zwischen all den Häfen hängt der Atlantik wie ein breiter Atemzug. Einmal, irgendwo westlich von Brest, machte er uns klein. Wind Stärke 9, später 10, Wasser, das die Farbe von Entscheidungen hatte. Wir legten Schlingerkiele aus Worten, hielten zusammen wie Planken, die das Meer nicht auseinanderbekommt. Ich erinnere mich an den Moment, als die Maschine stotterte, ein einziges „Bitte“ im Bauch des Schiffs. Und ich erinnere mich an das Lachen danach, rau und zu laut, weil wir geblieben waren. In meinem Logbuch steht nur: „Alles gut.“ Es gibt Sätze, die sind zu klein für das, was sie tragen.
Ich brach Herzen, sagen sie. In Den Helder, in Bristol, in Toulon, Brest, Valencia, La Spezia. Manchmal war ich das Messer, manchmal das Brot. Aber wenn ich ehrlich bin — die See war der eigentliche Schurke. Sie nahm mich bei der Hand wie ein Kind und lief mit mir los, ohne zu fragen, wie spät es ist. Ich ließ mich gern führen. Was weiß man mit siebenundzwanzig schon von Ankern, die mehr sind als Eisen?
Die Jahre wurden zu Knoten, die man nicht zählt, sondern spürt. Ich lernte, wie man mit zwei Fingern prüft, ob eine Leine Vertrauen hat. Ich lernte, eine Karte zu lesen, als wäre sie eine Biografie. Ich lernte, dass jeder Hafen ein Spiegel ist: Man sieht darin, was man hofft. Und ich lernte, dass man Menschen nie „auf später“ vertrösten sollte — später hat viel Seegang.
Heute knackt meine alte Schreibmaschine, als wollte sie sich mit mir verständigen. Helga ruft aus der Küche, ob ich noch Zucker will. Ich sage „Aye“, weil es mich jung macht. Matze rollt sich ein, als sei er ein Tau. Die Wohnung riecht nicht nach Tang, sondern nach Tee. Und doch, wenn ich das Fenster öffne, kommt manchmal ein Luftzug, so salzig wie ein Versprechen. Dann weiß ich: Die See ist nicht weg. Sie hat nur den Takt gewechselt.
Ich denke an die Studentin in Bristol, an Colette in Toulon, an die namenlose Stimme in Brest, an orangene Nächte in Valencia, an eine Postkarte in La Spezia. Ich denke an mich, wie ich war: zu laut, zu leise, zu schnell fort. Ich lächle, wie man lächelt, wenn man etwas verstanden hat, das man sich nicht verzeihen muss. Herzbruch ist kein Verbrechen, solange man ehrlich fährt und rechtzeitig die Leinen löst.
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich uns an der Reling, 1977, das Wasser schwarz wie Kaffee vor der Frühschicht. Der Bootsmann zählt runter, und plötzlich ist da nur noch das Rucken im Bauch, die Masten ziehen Linien in den Himmel, und das Deck wird zur Welt. Ich hebe die Hand, als könnte ich die Zeit abwinken. Die Stadt wird kleiner, wir werden groß. Jemand singt, jemand flucht, jemand weint. Vielleicht war ich alles drei.
Und falls du fragst, wer die Herzen gebrochen hat: Ich, gewiss. Aber die See hat mitgeschrieben. Sie zieht noch heute die Linien unter meine Sätze, mit derselben sturköpfigen Handschrift wie damals, als ich zum ersten Mal verstand, dass ein Horizont kein Ende ist, sondern eine Einladung.


