Kolumne · Brunos Kolumne Wehe – wenn sich was ändert
Früher sprangen wir ins Seewasser. Heute reicht ein verrücktes Bild an der Wand, und das Herz sucht den Handlauf.
Helga rückt die Vase im Flur zwei Fingerbreit nach links. „Nur ein Hauch, Bruni“, sagt sie und lächelt, als hätte sie dem Tag eben einen neuen Scheitel gezogen. Ich nicke – tapferer Kapitän meiner kleinen Wohnung – und merke doch, wie ein schwer zu fassendes „Wehe“ in mir aufsteht. Es ist kein großes Wehe, kein Gewitter. Eher so ein winziger Windstoß, der durch die Gardine kriecht und fragt: „Und wenn noch mehr verrutscht?“
Früher, da war Veränderung eine Sportart. Man sprang, bevor man nachdachte, und der Boden war gütig. Die Stürze verziehen, die Knie heilten, die Welt roch nach Abenteuer und frisch gestrichenem Morgen. Heute ist die Welt nicht schlechter – sie ist nur näher an der Haut. Jeder Zentimeter ein Gefühl. Jede winzige Drehung des Alltags eine Nadel, die neu einfädelt. Es ist seltsam, wie die Jahre uns fein machen. Feinfühlig, ja – aber auch feinnervig.
Ich beobachte, wie in mir das Bedürfnis nach Gleichheit wuchs wie eine Zimmerpflanze, die sich an die Heizung gewöhnt hat. Der Topf steht gut, das Licht reicht, die Blätter wissen, woher die Wärme kommt. Und dann kommt ein anderer Winter, und plötzlich ist die Ecke zu dunkel. Das ist das „Wehe“. Kein Drama, nur der Satz: „Bitte nichts anfassen.“ Und gleichzeitig eine Ahnung, dass das Leben eben anfasst – immer. Es ist seine Art, nach uns zu sehen.
Matze stolziert durchs Bild, die Pfoten leise wie gute Gedanken. Er weiß nichts von Wehe. Er weiß vom Napf, vom Sofa, vom Sonnenfleck am späten Nachmittag. Ich beneide ihn ein bisschen um dieses robuste Einverständnis mit der Gegenwart. Wir Menschen sind da komplizierter. Wir sammeln Gestern wie Briefmarken und vergleichen jedes Morgen mit dem Katalog. „Diese Sorte hatte ich doch schon mal – damals!“ Und wenn die Marke eine andere Zähnung hat, nennen wir das Risiko.
Vielleicht ist das Altern auch die Kunst, die Zähnung neu zu lieben. Nicht trotzig, nicht heroisch, nur freundlich. Ich stelle mir vor, wie ich dem „Wehe“ die Klinke öffne wie einem schüchternen Nachbarn. „Na, du wieder. Komm rein. Tee ist heiß.“ Angst sitzt dann am Küchentisch wie jemand, der lange unterwegs war: müde, aber nicht böse. Wir reden nicht viel. Der Kessel pfeift, Helga summt im Flur, und in dieser ganz gewöhnlichen Musik lernt das Wehe, leiser zu sein.
Ich denke an die Zeiten, in denen Veränderung uns gerettet hat, ohne dass wir’s gemerkt haben. Der eine Anruf zur falschen Zeit, der Zug, den wir verpasst haben, die Wohnung, die sich nicht ergeben wollte – und dann, Jahre später, dieses sanfte „Zum Glück“. Vielleicht ist das Leben weniger ein Plan als eine Tide. Man kann sich dagegen stemmen, man kann fluchen, man kann die Uhr beschimpfen. Aber die Erfahrung – und die Narben – sagen: Besser ist es, die Füße breit zu stellen und den Atem zu zählen, bis der Grund wieder da ist.
Manchmal male ich in Gedanken eine kleine Karte von meinem Innenleben. Da ist der Hafen mit den festen Pollern: der Sessel am Fenster, die Tasse, die zu meiner Hand passt, der Geruch von aufgehendem Brot. Und da ist die offene See: neue Namen, fremde Arztzimmer, plötzliche Briefe. Dazwischen die Fahrrinne, gerade genug für mein Schiff. Am Rand steht in krakeliger Schrift: „Hier könnte es schaukeln.“ Und darunter: „Darf schaukeln.“
Ich weiß, wir sagen oft: „Ich will, dass alles so bleibt.“ Aber das ist ein Gebet an die Vergangenheit, die nicht mehr zuständig ist. Vielleicht ist der freundlichere Satz: „Ich möchte, dass mein Herz mitgeht.“ Nicht vorauslaufen, nicht hinterher. Mitgehen. Ein kleines Wort, das die Hand nicht loslässt. Wenn sich etwas verschiebt – ein Termin, ein Befund, ein Stuhl – dann darf das Herz kurz erschrecken. Und dann darf es die Schuhe wechseln. Es gibt leise Schuhe für dünnes Eis.
Helga ruft aus dem Flur: „Bruni, sieh mal, so steht die Vase ruhiger.“ Und ich sehe: Stimmt. Manchmal bringt zwei Fingerbreit links genau die Mitte hervor, von der ich dachte, sie läge rechts. Ich lache über mich, nicht höhnisch, eher wie über einen alten Freund, der immer denselben Witz erzählt. Der Tag, denke ich, hat seinen Ton gefunden. Nicht, weil ich ihn festgehalten habe, sondern weil ich ihn hab spielen lassen.
Das „Wehe“ bleibt. Es ist kein Feind, eher ein barfüßiger Wetterbericht. Es meldet: „Achtung, zartes Gelände.“ Gut so. Zartes Gelände verdient zarte Schritte. Wenn die Nacht kommt, mache ich den Rundgang: Fenster, Herd, leises Licht. Ich streiche dem Kater über den Rücken und lege den Löffel neben die Tasse. Die See draußen macht, was sie immer macht. Ich mache, was ich gelernt habe: den Löffel ruhig halten – und schauen, wie der Morgen von selbst die Richtung findet.


