Kolumne · erinnerungen Nexos – Brunos Hund fürs Leben
Bevor die Katzen kamen, gab es Nexos: Dalmatiner-Doggen-Mix, ungebrochenes Herz, fast 15 Jahre an Brunos Seite. Eine Erinnerung voller Waldwege, nasser Pfoten und salziger Tränen.
Nexos, Dalmatiner-Doggen-Mix, war Brunos treuer Taktgeber: Wald statt WLAN, Leine statt Deadline. Er lief am Fahrrad in die Stille, lernte am Wasser Mut und hielt Herz und Haushalt zusammen. Bis heute weint Helga – und Bruno sagt: Gut so. Tränen sind die Sprache der Liebe.
Brunos Gedanken & Andenken
Bevor Matze die Katze seine Pfotentapser in unser Leben setzte, gab es Nexos. Ein Hund wie ein Versprechen: Dalmatiner-Punkte auf Doggen-Rahmen, ein Gesicht, das aussah, als hätte der liebe Gott beim Zeichnen gelächelt. Als wir ihn holten, war ich jünger, sturer, schneller – und dachte, ich würde ihm zeigen, wo’s langgeht. Später merkte ich: Er zeigte es mir.
Nexos hatte zwei Betriebsmodi: freundlich und sehr freundlich. Nur die Natur hatte ihm ein Zusatzmodul eingebaut – sagen wir: ungekürzt. Nie kastriert. Das machte das Gassigehen zuweilen zu einem Seemannsknoten: Die Leine spannte, als würde Backbord ein Schiff rufen und Steuerbord zwei. Ich hielt dagegen, er stemmte sich hinein, und irgendwo lachte der Himmel. Man wird demütig, wenn man von 45 Kilo Zuneigung über den Feldweg gezogen wird. Ich nannte es: Liebe mit Vortrieb.
Sein Element war der Wald. Wir fuhren Fahrrad – er lief. Kilometerweit. Gleichmäßig, hellwach, mit dieser Art von Glück, die man nicht fotografieren kann. Links Kiefern, rechts Moos, vor uns ein Weg, der nur aus „Jetzt“ bestand. Nexos lief wie ein guter Gedanke: ohne Schnaufen, ohne Hast, einfach da. Wenn ein Reh auftauchte, setzte er sich hin und tat so, als wäre er ein Baum. Wir hatten das so geübt. Ehrlich gesagt: Er brachte es mir bei.
Mit Wasser hatte er es nicht so. Wasserscheu – ein Kapitäns-Hund, der dem Hafen misstraut. Er umrundete Pfützen wie Minenfelder und guckte Bäche an, als könnten sie ihm die Punkte abwaschen. Bis zu diesem heißen August, als Helga – Diplom-Herz und Feldwebel der Zärtlichkeit – das Spielzeug nicht warf, sondern neben den Bach legte. Er stand da, lange. Zog eine Pfote ins Nass. Wieder raus. Wieder rein. Dann noch eine. Und ehe ich „Ahoi“ sagen konnte, stand er bis zum Bauch im Wasser und guckte uns an, als hätte er den Atlantik überquert. Seitdem mochte er nasse Pfoten. Kein Bademeister, aber mutig im Flachen. Auch so geht Fortschritt.
Zuhause war er Hüter der Stille. Wenn der Tag laut war, legte er seinen Kopf auf meine Schuhe. Das war sein „Anker werfen“. Helga behauptet, er konnte Uhr lesen. Punkt 19 Uhr saß er vor der Speisekammer, 21 Uhr machte er Schlafkontrolle, 22 Uhr war Pfoten-Einschlafzeit. Wenn ich spät noch in Akten blickte, brachte er mir seine Leine. Nicht fordernd, sondern freundlich entschieden. „Bruno, jetzt kein Papier – jetzt Welt.“ Ich schwöre, er konnte das so sagen, nur ohne Wörter.
Er wurde alt wie ein guter Mantel. Fast 15 Jahre. Die Sprünge wurden kürzer, die Wege länger, weil wir sie langsamer gingen. Seine Schnauze wurde weiß wie Winterlicht. Und immer noch bestand er auf seiner Kontrollrunde: Garten, Zaun, Blick in den Himmel, als zähle er die Sterne. Am Ende war er ein Gedicht in großen Buchstaben. Wir lasen leise.
An seinem letzten hellen Tag setzten wir uns auf unsere Bank am Waldrand. Helga strich ihm die Ohren, ich erzählte ihm von den Meeren, die ich nie befahren habe, und er sah uns an, als wüsste er alles und verzeihe den Rest. Wir gingen heim wie Menschen, die etwas verstanden haben. Zu Hause legte er sich in den warmen Fleck am Fenster. Der Zeiger der Uhr fühlte sich an, als würde er bitten, leise zu sein.
Helga weint heute noch „Rotz und Wasser“, wenn sie von ihm erzählt. Und ich? Ich weine auch, aber maritim: salzig und still. Manchmal, wenn Matze schnurrt, hört man hinten in der Erinnerung die schweren Pfoten auf dem Flur. Kein Spuk. Treue klingt nach.
Was Nexos uns beigebracht hat?
- Dass Einfachheit nicht Rückschritt ist, sondern Nähe, die nicht dauernd erklärt werden will.
- Dass Geduld ein schönes Wort ist, wenn sie Fell hat.
- Dass man Mut üben kann – zur Not in knietiefem Wasser.
- Dass Freundlichkeit ein Vollzeitjob ist und doch nie müde macht.
- Dass Leinen verbinden, wenn man sie mit Liebe hält.
Und wenn Helga heute sagt: „Weißt du noch, wie er die Pfützen umrundet hat?“ – dann nicke ich und tue sehr beschäftigt. Man soll nicht jeden Mann beim Weinen erwischen. Aber wenn’s passiert, ist es gut. Tränen sind die Wartung des Herzens. Danach läuft es wieder leise.
An unser Familien-Dreieck: Den Enkelkindern sage ich, sie sollen Nexos mal zeichnen – mit zu großen Pfoten, bitte. Den Kindern sage ich: Geht mit euren Alten denselben Waldweg. Sprecht wenig. Hört viel. Lasst die Telefone zu Hause. Und wir Älteren? Wir bringen die Geschichten. Nicht die perfekten – die wahren.
Wenn ich nachts die Fenster kippe, weht manchmal Tannenduft herein, und irgendwo klatscht es wie eine Pfote im Bach. Dann sage ich: „Gute Nacht, alter Freund.“ Er antwortet nicht. Muss er nicht. Wer bleibt, muss nicht bellen.
Checkliste: Rituale für einen guten Hund
☐ Den Lieblingsweg einmal im Jahr gehen – langsam, ohne Handy, mit Erinnerungen im Gepäck ☐ Ein Foto von Nexos an einem stillen Ort platzieren (nicht im Durchgang) ☐ Einen Brief an Nexos schreiben: 5 Dinge, für die ihr dankbar seid – falten, aufheben ☐ Ein flaches Glas Wasser aufstellen – Zeichen dafür, dass Mut im Flachen beginnt ☐ Eine kleine Spende ans Tierheim oder eine Dose Futter: Liebe wandert weiter ☐ Mit Kindern/Enkeln: Nexos malen und dazu eine kurze Tonaufnahme mit der Lieblingsgeschichte ☐ Einmal im Jahr Waldkilometer zählen: 3 km in seinem Namen, egal bei welchem Wetter ☐ Abends eine Minute „Kopf auf die Schuhe“ – still sitzen, atmen, an gute Pfoten denken


