Kolumne · Brunos Kolumne

Minus vier Grad und Jadwiga braucht etwas im Napf

Am Briefkasten trifft Bruno einen Nachbarn, dem eine Depression gerade jede Kraft nimmt. Trotzdem geht der Mann los, weil zu Hause seine Katze Jadwiga wartet.

Inhalt

  1. Wenn selbst kleine Wege schwer werden
  2. Aufmuntern reicht nicht
  3. Jadwiga ist kein Heilmittel
  4. Dranbleiben, ohne zu drängen
  5. Hoffnung kann sehr klein aussehen

Der Hof knirscht unter meinen Schuhen. Minus vier Grad. Eine Kälte, bei der selbst Gedanken eine Mütze gebrauchen könnten.

Am Briefkasten kommt mir mein Nachbar entgegen. Dünne Jacke, müder Blick, der Gang langsam. Normalerweise reden wir ein paar Minuten am Tor. Heute wirkt schon das Stehen anstrengend.

„Ich muss Katzenfutter holen“, sagt er. „Für Jadwiga.“

Wenn selbst kleine Wege schwer werden

Jadwiga ist seine Katze. So hieß auch seine verstorbene Frau. Wenn er den Namen ausspricht, klingt er warm.

Mein Nachbar lebt mit Depressionen. An manchen Tagen kommt er zurecht. An anderen bleibt er im Bett, weil selbst Duschen, Anziehen und Essen wie große Aufgaben wirken.

„Ist es wieder schlimm?“, frage ich.

Er nickt. Seit Tagen war er kaum draußen. Nun wartet zu Hause ein leerer Futternapf. Die Katze braucht ihn, auch wenn er sich selbst gerade kaum wichtig nehmen kann.

Ich biete an, das Futter mitzubringen. Er schüttelt den Kopf. „Ich versuche es. Vielleicht hilft der Weg.“

Aufmuntern reicht nicht

Wer einen depressiven Menschen mag, möchte gern den richtigen Satz finden. Doch ein „Kopf hoch“ oder „Du musst nur rausgehen“ hilft selten. Eine Depression ist keine schlechte Laune und kein Mangel an Willen.

Ich kann meinem Nachbarn die Krankheit nicht abnehmen. Ich kann aber zuhören und etwas Konkretes anbieten. „Ich gehe einkaufen. Soll ich dir Brot und Futter vor die Tür stellen?“ ist leichter zu beantworten als „Melde dich, wenn du etwas brauchst.“

Auch kleine Einladungen können helfen: zehn Minuten vor die Tür, eine Tasse Tee oder ein kurzer Anruf. Ohne Vorwurf, wenn es an diesem Tag nicht geht.

Jadwiga ist kein Heilmittel

Ein Haustier ersetzt weder eine ärztliche Behandlung noch eine Therapie. Aber es kann einen festen Punkt im Tag schaffen. Füttern, Wasser geben, das Katzenklo säubern. Kleine Aufgaben, die nicht verhandeln.

Jadwiga fragt nicht, warum ihr Mensch still ist. Sie wartet, frisst und legt sich neben ihn. Diese Nähe kann trösten. Sie kann aber auch zur Sorge werden, wenn der Halter zeitweise nicht für das Tier sorgen kann.

Darum ist ein Plan hilfreich. Wer übernimmt im Notfall Futter und Tierarzt? Wer hat einen Schlüssel? Mein Nachbar nennt mir eine Person, die Jadwiga versorgen darf, falls er ins Krankenhaus muss.

Dranbleiben, ohne zu drängen

Am nächsten Tag klingele ich kurz. Nicht, um zu prüfen, ob mein Nachbar alles richtig gemacht hat. Ich frage nur, ob er etwas Warmes essen möchte. Er nimmt eine Portion Suppe an.

Für Angehörige und Nachbarn ist diese Lage schwer. Man darf selbst Rat suchen, etwa bei einer Beratungsstelle oder in der hausärztlichen Praxis. Unterstützung bedeutet nicht, rund um die Uhr allein verantwortlich zu sein.

Wichtig ist, deutliche Warnzeichen ernst zu nehmen. Spricht ein Mensch davon, nicht mehr leben zu wollen, sollte man direkt nachfragen und schnell Hilfe holen. Bei unmittelbarer Gefahr gilt der Notruf 112. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116 117 erreichbar. Die TelefonSeelsorge hört kostenlos und rund um die Uhr unter 116 123, 0800 1110111 oder 0800 1110222 zu.

Hoffnung kann sehr klein aussehen

Später sehe ich meinen Nachbarn zurückkommen. In der Hand trägt er eine Tüte mit Katzenfutter. Er läuft noch immer langsam. Es ist kein glückliches Ende und keine plötzliche Heilung.

Es ist nur ein Weg zum Laden und zurück.

Aber an einem schweren Tag kann ein kleiner Weg sehr groß sein. Zu Hause wartet Jadwiga, wahrscheinlich mit der ungeduldigen Würde einer Katze vor einem leeren Napf.

Manchmal sieht Hoffnung nicht wie ein helles Licht aus. Manchmal raschelt sie in einer Einkaufstüte bei minus vier Grad.