Kolumne · Brunos Kolumne Kühltruhe voll : Reste-Tetris nach den Feiertagen
Nach den Feiertagen stapeln sich Soße, Rotkohl und geheimnisvolle Dosen. Bruno versucht, aus dem gefrorenen Durcheinander wieder einen Speiseplan zu machen.
Inhalt
„Das essen wir in den nächsten Tagen“, sagt Helga und schließt die Kühltruhe.
Dieser Satz fällt bei uns nach jedem Fest. Er klingt vernünftig und meint meistens: Wir finden im April etwas wieder, das im Dezember einmal Soße gewesen sein könnte.
Nach Weihnachten ist die Truhe besonders voll. Rotkohl, Rouladen, Kartoffeln, Nachtisch und mehrere Dosen, deren Inhalt nur noch durch Befragung aller Beteiligten zu ermitteln wäre.
Die Inventur im Eis
Ich öffne den Deckel. Oben liegt „Soße braun“. Darunter „Soße Weihnachten“. Eine dritte Dose trägt überhaupt keine Beschriftung.
„Das könnte Suppe sein“, sagt Helga.
„Es könnte auch der Beginn einer neuen Lebensform sein.“
Wir nehmen alles heraus, was sich ohne Werkzeug lösen lässt. Lebensmittel ohne Namen und erkennbare Herkunft machen mich misstrauisch. Wer nicht mehr weiß, was etwas ist, wann es eingefroren wurde oder ob es vorher schon lange herumstand, sollte im Zweifel lieber darauf verzichten.
Lebensmittelverschwendung ist ärgerlich. Eine Magenverstimmung aus falsch verstandenem Sparwillen ist es ebenfalls.
Auftauen und wieder dazukochen
Unser bisheriges System hatte einen Fehler. Wir tauten zwei Portionen auf, kochten für vier dazu und froren anschließend drei neue Portionen ein. So wurde die Truhe nicht leerer. Sie wechselte nur ihren Inhalt.
An diesem Abend nehmen wir zwei Rouladen und eine Dose Rotkohl. Dazu kochen wir diesmal nur so viele Kartoffeln, wie wir wirklich essen.
Helga schaut skeptisch auf den kleinen Topf. „Reicht das?“
„Wenn nicht, gibt es Brot. Brot hat noch nie heimlich die Kühltruhe besetzt.“
Die Familie entdeckt das Vorratslager
Am nächsten Tag schreibe ich in den Familienchat, dass Reste abgeholt werden können. Die Antworten kommen schneller als sonst.
Ein Sohn möchte Soße, die Tochter Rotkohl, ein Enkel fragt nach Nuggets, obwohl niemand Nuggets erwähnt hat. Eine Stunde später stehen mehrere Menschen mit Dosen im Flur.
Ich verteile nur Lebensmittel, bei denen Inhalt und Lagerung noch klar sind. Die geheimnisvolle Suppe bleibt von der Aktion ausgeschlossen.
Die Truhe wird sichtbar leerer. Nebenbei trinken wir Kaffee und sprechen länger miteinander als geplant. Reste können also doch Beziehungen pflegen.
Eine einfache Ordnung
Seitdem liegen ein wasserfester Stift und Klebeetiketten neben dem Gefrierschrank. Auf jede Dose kommen Inhalt und Datum. Neue Portionen wandern nach unten, ältere nach oben.
Einmal in der Woche schauen wir zuerst in die Truhe, bevor etwas Neues gekocht wird. Das klingt nicht aufregend. Ordnung in einer Kühltruhe sollte allerdings auch kein Abenteuer sein.
Praktisch sind wenige stapelbare Dosengrößen. Noch praktischer ist es, nur Mengen einzufrieren, die später zu unserem Haushalt passen.
Der Gefrier-Admiral zieht Bilanz
Nach einer Woche kann der Deckel wieder geschlossen werden, ohne dass sich jemand darauflehnen muss. Die Beschriftungen sind lesbar, und die Dose „Suppe?“ ist verschwunden.
Helga fragt, ob ich nun zufrieden sei.
„Vorläufig“, sage ich. Ein Verantwortlicher für Tiefkühlordnung darf niemals zu früh Entwarnung geben.
Dann stellt sie eine kleine Schale auf die Arbeitsplatte. Vom Mittagessen sei etwas übrig.
„Das können wir doch schnell einfrieren.“
Ich nehme den Stift. „Was ist es, von wann ist es, und wer wird es essen?“
Helga seufzt. Seit meiner Beförderung zum Gefrier-Admiral ist der Dienst in unserer Küche strenger geworden. Dafür erkennt man jetzt wenigstens, was zum Abendessen aufgetaut wird.


