Kolumne · Erinnerungen

Knüppelholz und warme Küchen – Brunos erste Kameraden

Grundausbildung in Drangstedt, weit weg von zu Hause. Ohne Detlef, Heino und Peter wären die stillen Wochenenden schwer geworden. Mit ihnen fand Bruno gleich drei Familien auf Zeit.

Inhalt

  1. Weit weg von zu Hause
  2. Detlef sagt einfach: Komm mit
  3. Heinos ruhiges Zuhause
  4. Peters Wohnzimmer voller Leben
  5. Drei Familien auf Zeit

Weit weg von zu Hause

Meine Grundausbildung machte ich in Drangstedt bei der Marineortungsschule. Der Ort wurde „Knüppelholz“ genannt. Das klang nicht nach einem Platz, an dem man freiwillig seine Wochenenden verbringen wollte.

Unter der Woche hatte ich kaum Zeit für Heimweh. Antreten, laufen, lernen, Stiefel putzen und viel zu wenig schlafen: Der Tag war voll. Freitags änderte sich alles. Die Kameraden packten ihre Taschen und fuhren nach Hause. Für mich lagen mehr als 500 Kilometer dazwischen. Die Fahrt lohnte sich für ein kurzes Wochenende kaum.

Wenn die Kaserne leer wurde, hörte man jeden Schritt auf dem Flur. Am Samstag war selbst das Klappern des Fahnenmasts eine Art Gesellschaft. Ich redete mir ein, ich könne Vorschriften lernen. In Wahrheit vermisste ich eine Küche, in der jemand fragte, ob ich noch etwas essen möchte.

Detlef sagt einfach: Komm mit

Detlef aus Bremen bemerkte als Erster, wie ich an einem Freitag auf meinem Spind saß und beschäftigt wirken wollte. „Du bleibst doch nicht schon wieder hier“, sagte er. Dann lud er mich zu seinen Eltern ein. Kein langes Fragen, kein großes Mitleid. Ich sollte meine Tasche nehmen und mitkommen.

In Bremen öffnete seine Mutter die Tür und behandelte mich sofort wie einen Sohn, der nur etwas später eingetroffen war. Schuhe aus, Hände waschen, Essen ist fertig. Auf dem Tisch standen Eintopf, Brot und später Pudding mit Haut.

Detlefs Vater fragte mich nach der Marine und der Ausbildung. Seine Fragen waren freundlich, nicht prüfend. Während ich erzählte, schob mir Detlefs Mutter noch eine Scheibe Brot hin. An diesem Tisch war ich immer noch weit von meiner Familie entfernt. Aber ich war nicht mehr allein.

Heinos ruhiges Zuhause

Ein anderes Wochenende nahm mich Heino mit nach Lüneburg. Heino redete nicht viel, aber auf sein Wort konnte man sich verlassen. Auch seine Eltern machten aus meinem Besuch keine besondere Sache. Gerade das tat gut.

Am Sonntag ging ich mit Heino und seinem Vater durch den Stadtwald. Ich bedankte mich dafür, dass ich bleiben durfte. Sein Vater sah mich an und sagte: „Wer bei meinem Sohn in der Stube liegt, sitzt bei uns mit am Tisch.“

Der Satz war schlicht. Er ist mir trotzdem geblieben. Vielleicht sogar deshalb. Manchmal braucht ein junger Mensch keine große Rede. Es reicht, wenn jemand ihm zeigt: Du störst hier nicht. Du gehörst für diesen Moment dazu.

Peters Wohnzimmer voller Leben

Bei Peter in Peine war es ganz anders. Dort liefen Fernseher, Radio und Waschmaschine beinahe gleichzeitig. Sein kleiner Bruder erklärte mich sofort zum Ausbilder. Peters Vater kommentierte die Sportschau lauter als der Sprecher, und seine Mutter fand, ich sähe aus, als hätte ich seit Tagen nichts Richtiges gegessen.

Ich lachte an diesem Wochenende so viel, dass mir der Bauch wehtat. Diese Familie war laut, aber der Lärm hatte nichts Bedrohliches. Er sagte: Hier ist Leben. Hier darfst du mittendrin sitzen.

Drei Familien auf Zeit

Montags kehrten wir nach Drangstedt zurück. Die Ausbildung wurde dadurch nicht leichter. Der Wind blieb kalt, die Stiefel mussten weiterhin glänzen und die Ausbilder wurden nicht plötzlich sanft. Aber ich wusste nun, dass am nächsten Wochenende irgendwo eine Tür für mich aufgehen würde.

Viele Einzelheiten habe ich vergessen. Ich weiß nicht mehr, welche Suppe es zuerst gab oder in welcher Straße die Eltern wohnten. Geblieben sind drei Bilder: eine Bremer Küche, ein Lüneburger Waldweg und ein Peiner Wohnzimmer voller Stimmen.

Detlef, Heino und Peter waren meine ersten richtigen Kameraden. Sie halfen mir nicht mit großen Worten. Sie nahmen mich einfach mit. Und ihre Eltern stellten einen Teller mehr auf den Tisch.

Später habe ich oft erlebt, wie Menschen über Zusammenhalt sprechen. Damals habe ich gelernt, wie er aussieht: Einer bemerkt, dass du zurückbleibst, und sagt: „Komm mit.“