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Kolumne · erinnerungen

Knüppelholz und warme Küchen – Brunos erste Kameraden

Grundausbildung in Drangstedt, fern der Heimat, mitten im „Knüppelholz“. Bruno wäre an den Wochenenden fast allein geblieben – wenn da nicht Detlef, Heino und Peter gewesen wären. Und ihre Eltern, die aus einem Heimweh-Rekruten fast einen Familienzuwachs machten.

Inhalt

  1. „Peiiiine, du meine Liebe…“
  2. „Na, Bohnebein, wat is? Du siehst aus wie’n nasser Hund nach der Rettungsübung.“
  3. „Wohin?“
  4. „Aber…“
  5. „Nix aber. Pack deine sieben Socken ein. Wir fahren zusammen. Basta.“
  6. „Detlef?“
  7. „Hm?“
  8. „Danke.“
  9. „Was für’n Quatsch. Kameraden lässt man nich im Wald stehen.“
  10. „Also, Marine, ja? U-Boot? Zerstörer? Kreuzer?“
  11. „Noch gar nichts“, lachte ich. „Erst mal Grundausbildung MOS.“
  12. „Stör ich da nicht?“
  13. „Wenn du störst, sagen sie dir das schon. Tun sie aber nich.“
  14. Am Sonntag schlug er vor: „Wollen wir mal ’ne Runde gehen?“
  15. „Jürgen… danke, dass ich hier sein darf.“
  16. „Das ist Bruno“, rief Peter in die Wohnung. „Der is von der Marine. Also quasi Profi.“
  17. „Wow!“, rief der Bruder und zielte sofort auf mich. „Du bist jetzt mein Ausbilder!“

Man sagt ja gern: „Die Grundausbildung ist wie Ferienlager, nur mit weniger Schlaf und mehr Gebrüll.“ Bei der Marineortungsschule – damals noch MOS, heute heißt das schicker Marineoperationsschule – war das mit den Ferien eher Ansichtssache. Vor allem, wenn man wie ich aus einer Gegend kam, die gefühlt hinter dem siebten Horizont lag. Über 500 Kilometer von Drangstedt entfernt.

Drangstedt, dieses Nest, das im Volksmund nur „Knüppelholz“ hieß, klang schon so, als würde man dort nicht wohnen, sondern höchstens gestrandet sein. Und mitten in dieses Knüppelholz hatte mich die Marine verfrachtet, frisch gebügelte Uniform, große Klappe, null Ahnung.

Unter der Woche war das alles halb so wild. Antreten, brüllen, rennen, kriechen, Gewehr zerlegen, Gewehr zusammensetzen, essen, noch mal rennen, schlafen, zu wenig schlafen. Man funktionierte im Rudel. Da fiel es nicht so auf, dass die Heimat weit weg war.

Schlimm wurde es freitags.

Wenn alle Züge nach „Daheim“ fahren – nur deiner nicht

Freitag nach Dienstschluss verwandelte sich die Stube jedes Mal in ein Wanderkino: Spinde auf, Taschen packen, Zivilklamotten aus dem letzten Winkel ziehen. Überall flogen Socken, Rasierer, Heimatgerüche durch die Gegend.

„Detlef, wann geht dein Zug nach Bremen?“ „17:32 Uhr, Gleis 3, wenn die Bahn nicht wieder übt.“

Heino aus Lüneburg sortierte seine Sachen mit norddeutscher Gründlichkeit, als würde er ein Minensuchgerät kalibrieren. Peter aus Peine, der schon immer nicht ganz dicht am Mundwerk war, sang sich durchs Packen.

„Peiiiine, du meine Liebe…“

Ich saß oft auf meinem Spind wie ein Leuchtturmwärter ohne Schiff, die Tasche halbherzig gepackt, weil ich genau wusste: Für mich fuhr kein schneller Zug zur Mama. Meine Heimat war nicht „mal eben“ erreichbar. Kein Wochenendticket, kein kurzer Hopser, sondern eine halbe Expedition.

Die ersten ein, zwei Wochenenden dachte ich: „Na gut, dann bleibste halt. Nutzt die Zeit. Bügelst, putzt, lernst Vorschriften.“ Sagen wir so: Der Plan klang auf dem Papier besser als in der Realität.

Wer einmal ein fast leeres Kasernengelände am Wochenende erlebt hat, der weiß, wie laut so eine Stille sein kann. Kein Gebrüll, kein Gelächter, nur Wind in den Bäumen, irgendwo ein klappernder Fahnenmast, vielleicht eine vergessene Stube, aus der leise ein Radio dudelt.

Spätestens am Samstagmittag merkte ich: Ich war körperlich in Knüppelholz, aber seelisch auf Wanderschaft.

„Komm einfach mit“ – Detlefs Bremen

Die Wende kam an einem dieser Freitage, an denen der Himmel so grau war, dass selbst die Möwen schlechte Laune hatten. Ich saß wieder auf meinem Spind, tat so, als würde ich sehr vertieft in die Innere-Dienst-Vorschrift schauen, und hörte, wie die anderen ihre Heimfahrtspläne austauschten.

Plötzlich stand Detlef vor mir. Schlaksiger Typ, halblange Haare, die schon dreimal den Befehl „zum Friseur marsch, marsch“ gehört, aber nur einmal befolgt hatten, und ein Grinsen, das selbst einem Ausbilder gefährlich werden konnte.

„Na, Bohnebein, wat is? Du siehst aus wie’n nasser Hund nach der Rettungsübung.“

„Ach, alles gut“, murmelte ich. „Für mich lohnt sich das Heimfahren nicht. Ist zu weit. Ich bleib hier.“

Detlef verzog das Gesicht, als hätte ich gesagt, ich wolle freiwillig Spindkontrolle an Heiligabend machen.

„Spinnst du? Du kannst doch hier nich jedes Wochenende rumsitzen, während wir uns den Bauch bei Muttern vollschlagen. Komm mit.“

„Wohin?“

„Nach Bremen, du Seefahrer ohne Karte. Muttern kocht. Vattern guckt Sportschau und wird dich über die Marine ausfragen. Du bist willkommen, sach ich dir.“

„Aber…“

„Nix aber. Pack deine sieben Socken ein. Wir fahren zusammen. Basta.“

Es war kein großes Pathos, kein Hollywoodmoment. Einfach ein Kamerad, der „komm mit“ sagte, als wäre es das Normalste der Welt. Und genau das hat mich getroffen.

Also stand ich kurz darauf neben ihm am Bahnhof, der Seesack schwer, das Herz komischerweise leicht. Der Zug nach Bremen war voll, die Luft nach Kohle und Menschen und Filterkaffee. Wir lehnten in der Tür, sahen dem Knüppelholz beim Verschwinden zu.

„Detlef?“

„Hm?“

„Danke.“

Er zuckte mit den Schultern.

„Was für’n Quatsch. Kameraden lässt man nich im Wald stehen.“

In Bremen erwartete mich der erste Schlag ins Heimweh-Gesicht: der Geruch im Treppenhaus. Eine Mischung aus Bohnerwachs, Suppe und ein bisschen Filterkaffee – dieser spezifische Achtzigerjahre-Elternhausduft, den man nie vergisst.

Detlefs Mutter machte die Tür auf, als hätte sie uns schon gerochen.

„Da seid ihr ja endlich! Und das muss der Bruno sein. Komm rein, Jung! Schuhe aus, Jacke dahin, Hände waschen, Essen ist gleich fertig.“

Kein Zögern, kein Misstrauen. Als wäre ich nicht der fremde Rekrut aus einer fernen Stadt, sondern der dritte Sohn, der zufällig in Uniform steckte.

Am Abend saßen wir in der Küche. Der Tisch voll – Eintopf, Brot, Butter, hinterher Pudding mit Haut. Detlefs Vater, ein Mann mit Hände-wie-Schraubenschlüssel, fragte mich aus:

„Also, Marine, ja? U-Boot? Zerstörer? Kreuzer?“

„Noch gar nichts“, lachte ich. „Erst mal Grundausbildung MOS.“

„MOS? Also Radar und so’n Kram, was? Na, dann sieh zu, dass du ordentlich aufpasst. Der Feind schläft nich, und die Nordsee erst recht nich.“

Er zwinkerte, seine Frau schob mir nach der dritten Portion Eintopf noch ein Brot unter.

In dieser Küche, mit dem Summen des Kühlschranks und der tickenden Uhr, tat das Heimweh plötzlich weniger weh. Ich war immer noch weit weg von meinem Zuhause – aber ich war nicht mehr allein.

Heino aus Lüneburg – und der erste Sonntagsspaziergang, den ich mochte

Ein anderes Wochenende nahm mich Heino mit nach Lüneburg. Heino war von der Sorte „norddeutscher Präzisionsmensch“: wenig Worte, viel Zuverlässigkeit. In der Stube der, der die Stiefel immer als Erster geputzt hatte und trotzdem nie besser dastand, weil sein Gesicht immer ein bisschen so aussah, als würde er gerade Kopfrechnen.

„Wenn du willst, kannst du nächstes Wochenende mitkommen“, sagte er irgendwann beim Stubenaufräumen, ohne mich anzusehen. „Ist von hier aus nich weit. Meine Eltern haben Platz.“

„Stör ich da nicht?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Wenn du störst, sagen sie dir das schon. Tun sie aber nich.“

Lüneburg war im Vergleich zu Knüppelholz wie eine Postkarte: alte Häuser, Kopfsteinpflaster, ein Marktplatz, der aussah, als könne gleich ein Weihnachtsfilm anfangen.

Seine Mutter begrüßte mich, als hätte sie mein Gewicht schon vorher eingeplant.

„Du bist also der Bruno. Ich hab gehört, du kommst von weit her. Dann kriegst du eine Extraportion. Wer weit weg wohnt, braucht mehr Kohlenhydrate.“

Heinos Vater fragte nicht viel, aber er hörte zu. Ich erzählte von der Ausbildung, von den Ausbildern, von der Kasernenroutine. Er legte nur manchmal den Kopf schief, machte „hm“ und „aha“, so wie Männer das tun, die mehr fühlen, als sie sagen wollen.

Am Sonntag schlug er vor: „Wollen wir mal ’ne Runde gehen?“

Normalerweise waren Spaziergänge für mich früher gewesen wie extra angesetzter Drill: sinnloses Laufen im Zivil. Aber an diesem Tag ging ich gern. Wir stapften zu dritt durch den Stadtwald, der Boden nass, die Luft kühl, die Bäume still.

„Wissen Sie, Herr…?“, setzte ich an.

„Sag ruhig Jürgen“, unterbrach er mich.

„Jürgen… danke, dass ich hier sein darf.“

Er blieb kurz stehen, sah mich an. In seinen Augen lag dieses stille, väterliche Etwas, das nicht laut sein muss, um zu wirken.

„Junge“, sagte er, „wer bei meinem Sohn in der Stube liegt, liegt bei mir mit am Tisch. So einfach ist das.“

Und genau so einfach war es. Aus Kameradschaft wurde Familie auf Zeit.

Peter aus Peine – und das lauteste Wohnzimmer der Welt

Und dann war da noch Peter aus Peine. Wenn es Detlef schaffte, jede Situation mit Humor zu entkrampfen, und Heino mit Ruhe, dann erledigte Peter alles mit Lautstärke.

„Bruno, alda, du kommst mit nach Peine. Meine Mutter sammelt Rekruten wie andere Leute Briefmarken. Du kommst da nich raus.“

Peine war kleiner als Bremen, weniger malerisch als Lüneburg, aber mit einem ganz eigenen Charme: viel grauer Himmel, viel Herz.

Bei Peters Eltern war es nie leise. Der Fernseher lief, das Radio dudelte in der Küche, irgendwo schepperte eine Waschmaschine. Sein kleiner Bruder rannte mit einem Plastikgewehr durchs Haus und schoss imaginäre Feinde von der Couch.

„Das ist Bruno“, rief Peter in die Wohnung. „Der is von der Marine. Also quasi Profi.“

„Wow!“, rief der Bruder und zielte sofort auf mich. „Du bist jetzt mein Ausbilder!“

Peters Mutter drückte mich zur Begrüßung an sich, als hätte sie Angst, ich könnte wieder verschwinden.

„Na endlich seh ich mal einen von den Jungs, von denen Peter immer erzählt. Ab mit dir an den Tisch, Junge, du siehst aus, als hättest du seit Tagen nichts Richtiges gegessen.“

Stimmte nicht. In der Kaserne wurde man nicht zum Hungern ausgebildet. Aber dieses Essen hier war anders. Kein Truppenküche-Futter, sondern „für jemanden gekocht“, mit „hab noch was nachgelegt“ und „nimm ruhig, es ist genug da“.

Abends saßen wir vorm Fernseher, Sportschau natürlich. Peters Vater kommentierte lauter als der Originalkommentator.

„Der kann doch nich mal ’nen Einwurf richtig!“, brüllte er. „Bruno, guck hin, sowas nenn ich mangelnde Grundausbildung!“

Ich lachte Tränen. In dieser Familie war ich nicht der fremde Rekrut, sondern plötzlich mittendrin: der „Marine-Kumpel von Peter“, der mehr Kartoffeln brauchte, weil „die ganze Lauferei in Drangstedt ja Kraft kostet“.

Knüppelholz wird erträglich

So wurden aus Wochenenden, vor denen ich Angst gehabt hatte, kleine Inseln im Grundausbildungs-Ozean.

Ein Wochenende Bremen, mit Detlefs Mutter, die immer fragte: „Geht’s dir gut, Jung? Schluck noch einen Tee, der wärmt.“ Ein Wochenende Lüneburg, mit Heinos Vater, der beim Spaziergang nur sagte: „Du machst das schon“, und damit mehr sagte als mancher Ausbilder in einer ganzen Woche. Ein Wochenende Peine, mit Peters chaotischem Wohnzimmer, in dem ich lernte, dass Lärm auch Geborgenheit sein kann.

Montags ging es zurück ins Knüppelholz. Wir standen wieder zu früh auf, polierten Stiefel, zogen uns die Uniform an. Der Wind pfiff über den Kasernenhof, als wüsste er genau, dass wir gleich wieder rennen müssten.

Aber etwas hatte sich verändert.

Ich war immer noch über 500 Kilometer von meiner Heimat entfernt. Doch ich hatte jetzt Ersatz-Heimaten. Küchen, in denen mein Teller immer noch mal nachgefüllt wurde. Sofas, auf denen ich Samstagabends halb eingeschlafen war, während Väter sich über die Bundesliga aufregten. Mütter, die fragten: „Und, wirst du ordentlich behandelt da oben bei der Marine?“, mit diesem Unterton, der sagte: „Wenn nicht, fahr ich da persönlich hin.“

Was vom Knüppelholz bleibt

Viele Jahrzehnte später verschwimmen die Einzelheiten. Ich weiß nicht mehr genau, welche Suppe es in Bremen an meinem ersten Wochenende gab, wie die Straße in Lüneburg hieß, in der Heinos Eltern wohnten, oder ob es in Peine an dem Sonntag geregnet oder geschneit hat.

Aber ich weiß noch, wie sich das angefühlt hat, wenn der Zug aus dem Knüppelholz herausrollte und ich wusste: Da ist jemand, der auf mich wartet. Nicht, weil er muss, sondern weil er will.

Man erzählt ja gern die großen Geschichten vom Dienst: Stürme, Übungen, Manöver. Aber wenn ich an meine MOS-Zeit denke, dann sehe ich zuerst drei Dinge:

Eine Bremer Küche mit einem dampfenden Eintopf. Einen Lüneburger Waldweg unter unseren Füßen. Ein Peiner Wohnzimmer, in dem ich fast vom Sofa gefallen wäre vor Lachen.

Und drei Kameraden: Detlef, Heino, Peter.

Wir haben später alle unseren Weg gemacht. Manche Kontakte sind versandet, wie es so ist im Leben. Adressen gehen verloren, Telefonnummern werden gewechselt, die Zeit macht ihr eigenes Manöver.

Aber eines weiß ich sicher: Ohne diese drei und ihre Familien wäre die Grundausbildung im Knüppelholz einfach nur hart gewesen. Mit ihnen war sie hart – aber nie herzlos.

Wenn ich heute junge Leute sehe, die irgendwo in der Fremde ihre Ausbildung machen, wünsche ich ihnen im Stillen genau das: Einen Detlef, der sagt: „Komm einfach mit.“ Einen Heino, dessen Vater beim Spaziergang brummt: „Du machst das schon.“ Einen Peter, dessen Mutter einen zusätzlichen Teller auf den Tisch stellt, ohne viel zu fragen.

Denn am Ende ist es wie auf See: Der Stahl des Schiffs hält dich über Wasser – aber warm wird dir durch die Menschen, mit denen du fährst.