Kolumne · Brunos Kolumne Kinderpunsch in der Dämmerung
Auf einem kleinen Weihnachtsmarkt trifft Bruno nach vielen Jahren Hartmut wieder. Zwischen Kinderpunsch und alten Erinnerungen entsteht ein Gespräch über Abstinenz, Technik und neue Pläne.
Inhalt
Weihnachtsmärkte hatte ich lange gemieden. Zu voll, zu laut und zu viel heile Welt auf Bestellung. An diesem Adventsnachmittag zog es mich trotzdem zu einem kleinen Markt außerhalb der Stadt.
Es war kurz vor vier. Die Dämmerung machte die Lichter weicher, und die Musik blieb so leise, dass man noch denken konnte. Vor einem Getränkestand standen drei hohe Tische. An einem davon lehnte ein großer, schmaler Mann, dessen Haltung mir bekannt vorkam.
Ein vertrautes Gesicht
Ich ging näher. Der Mann drehte sich um.
„Hartmut?“
Er brauchte einen Moment. Dann erkannte er mich und lächelte. Viele Jahre lagen zwischen unserem letzten Treffen und diesem Nachmittag. Trotzdem war etwas sofort wieder vertraut.
Vor ihm stand eine dampfende Tasse.
„Kinderpunsch?“, fragte ich.
Hartmut hob sie an. „Trocken. Und das soll so bleiben.“
Er sagte es ruhig, ohne Stolz und ohne Scham. Kinderpunsch war für ihn kein Ersatzgetränk. Er war die klare Entscheidung, keinen Alkohol zu trinken.
Was aus den Jahren geworden ist
Wir erzählten zunächst von den guten alten Zeiten. Wie üblich wurden sie im Rückblick etwas besser, als sie vermutlich waren. Dann kamen die ernsteren Themen: Krankheiten, Abschiede und Entscheidungen, die wir heute anders treffen würden.
Hartmut sprach offen über seine Abstinenz. Er sagte nicht, er habe das Problem endgültig besiegt. Er achte weiter darauf, sich nicht selbst zu überschätzen. Das beeindruckte mich mehr als jede Heldengeschichte.
Zwei ältere Männer standen mit Kinderpunsch vor einem Weihnachtsstand und waren froh, überhaupt noch miteinander sprechen zu können. Manchmal ist Dankbarkeit erstaunlich unscheinbar.
Noch einmal etwas anfangen
Irgendwann sagte ich: „Man müsste noch einmal etwas machen. Nichts Großes. Aber etwas, das Freude bringt.“
Hartmut zog die Augenbrauen hoch. Sofort fingen wir an, Ideen zu spinnen. Vielleicht ein kleines Angebot im Viertel. Etwas mit Menschen, Erfahrung und praktischer Hilfe. Für einige Minuten waren wir wieder zwei Männer, die eher anfangen als abwarten wollten.
Dann kam die Technik ins Gespräch. Webseiten, Anmeldungen, Passwörter und Geräte, die schon wieder anders funktionieren als im letzten Jahr. Hartmut seufzte. „Ohne das ganze Zeug geht heute kaum noch etwas.“
Nicht jeder muss alles können
Dieser Satz hätte unser kleines Vorhaben beenden können. Stattdessen fragten wir uns, warum wir eigentlich alles allein beherrschen müssten.
Jüngere Menschen kennen sich oft besser mit digitalen Werkzeugen aus. Ältere bringen Erfahrung, Geduld und ein Gespür dafür mit, ob eine Idee im Alltag wirklich trägt. Das eine ist nicht mehr wert als das andere.
Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, zum Anhängsel zu werden. Eine gute Zusammenarbeit verteilt Aufgaben nach Fähigkeiten. Auf einem Schiff muss schließlich auch nicht jeder gleichzeitig am Steuer stehen.
„Dann holen wir jemanden dazu“, sagte Hartmut. „Nicht als Krücke. Als Teil der Mannschaft.“
Die Zukunft am Bistrotisch
Wir hatten am Ende weder einen fertigen Plan noch einen Namen für unsere Idee. Aber wir tauschten Telefonnummern aus und verabredeten uns für ein weiteres Gespräch.
Vielleicht wird daraus etwas. Vielleicht bleibt es bei zwei guten Nachmittagen. Auch das wäre nicht wenig.
Wir stießen mit Kinderpunsch an. Um uns herum liefen Familien zwischen den Buden, und die Dämmerung wurde zur Nacht. Die Zukunft wirkte plötzlich nicht mehr wie ein schnelles Fahrzeug, dem wir nur hinterherschauen konnten.
Sie stand mit uns an einem kleinen Tisch. Noch etwas unklar, aber nah genug, um sie anzusprechen.


