Kolumne · Brunos Kolumne Kinderpunsch in der Dämmerung
Nach vielen Jahren wagt Bruno wieder einen Weihnachtsmarkt – klein, ruhig, in der Stunde der Dämmerung. Am Glühweinstand wartet ein Wiedersehen, das plötzlich größer wird als Nostalgie: Hartmut, Kinderpunsch und die Frage, wie Zukunft bei diesem Tempo noch gehen soll.
Inhalt
Es gibt diese Dinge, die man irgendwann einfach lässt. Nicht aus Prinzip – eher aus Müdigkeit. Weihnachtsmärkte gehörten für Bruno lange dazu. Zu laut, zu voll, zu teuer, zu klebrig. Zu viel „Heile Welt“ auf Kommando. Und doch: An diesem Nachmittag, irgendwann im Advent, nach vielen Jahren Abstinenz, passiert etwas Ungewöhnliches. Kein großer Entschluss mit Fanfare. Eher ein leises Nicken im Inneren.
Ein kleiner Weihnachtsmarkt, etwa fünfundzwanzig Kilometer vom Heimatort entfernt. Kein Innenstadt-Getöse, keine Menschenströme wie eine Naturkatastrophe in Wollschal. Einfach Buden, Lichterketten, ein paar Stände mit Handwerk, ein bisschen Musik, die sich traut, leiser zu sein als das eigene Denken.
Es ist kurz vor vier. Dämmerung. Diese Stunde, in der der Tag nicht mehr richtig Tag sein will und die Nacht noch so tut, als hätte sie Zeit. Das Licht wird weich, die Luft klar und kalt. Der Atem steht vor dem Gesicht wie ein kurzlebiger Gedanke.
Bruno schlendert, zunächst ohne Ziel – so wie man in solchen Momenten schlendert: nicht um anzukommen, sondern um sich selbst wieder einzusammeln. Und dann kommt er an einem Glühweinstand vorbei. Drei Bistro-Tische stehen davor, als hätten sie den Auftrag, das Leben im Stehen erträglicher zu machen. An einem davon: ein großer, schlanker Mann. Nur im Profil zu sehen, und doch sticht etwas heraus. Eine Kontur, die sich in den Hinterkopf schreibt. Ein vertrauter Winkel im Gesicht, eine Haltung, die Erinnerungen auslöst, bevor der Verstand hinterherkommt.
Bruno bleibt stehen. Schaut noch einmal. Und dieses „Nein… doch…?“ wird langsam zu einem „Das kann nicht sein.“
Er geht näher. Die Lichter spiegeln sich in der Pfütze am Bordstein, der Duft von Gewürzen hängt in der Luft, und der Mann dreht sich ein wenig – gerade genug.
Hartmut.
Hartmut Kaltwasser.
Mitte achtzig müsste er sein. Vielleicht schon drüber. Und trotzdem: gerade, wach, in sich ruhend. Kein Show-Gesundheitsglanz, eher diese stille Sorte: jemand, der gelernt hat, sich selbst nicht mehr zu belügen.
Vor ihm steht eine Tasse. Kein Glühwein. Kein Schuss. Kinderpunsch.
Bruno braucht einen Moment, bis er merkt, dass er schon mitten im Satz ist.
„Kinderpunsch?“
Hartmut schaut hoch. Erst ist da dieses Fremde, dieser kurze Schatten: Wer bist du, was willst du. Dann blinzelt er. Ein zweites Mal. Und dann fällt es ein – nicht wie ein Foto, eher wie eine Tür, die sich öffnet.
„Du bist es“, sagt er, und etwas in seiner Stimme wird wärmer. „Nur du kannst so eine Frage stellen.“
Bruno lacht kurz, mehr aus Erleichterung als aus Humor. Und Hartmut tippt mit dem Finger an die Tasse, als wäre sie ein Beweisstück.
„Trocken“, sagt er. „Und ich bleib’s. Kinderpunsch ist nicht peinlich. Kinderpunsch ist Freiheit.“
Da ist plötzlich ein Respekt im Raum, der nichts mit Pathos zu tun hat. Eher mit Handwerk. Saufen aufgeben ist kein guter Vorsatz, den man abhakt. Es ist eine Baustelle, die jeden Tag neu gesichert werden muss. Hartmut wirkt nicht wie jemand, der „es geschafft“ hat. Eher wie jemand, der begriffen hat, dass das Wort „geschafft“ in solchen Dingen ein gefährlicher Luxus ist.
Sie reden. Erst vorsichtig, wie zwei Menschen, die ein altes Haus betreten und nicht wissen, ob der Boden noch trägt. Dann mutiger. Die Vergangenheit zieht sich heran wie ein vertrauter Mantel: die alten Zeiten, die guten, die dummen, die glorreichen, die peinlichen. Man holt sie hervor, wie man früher Fotos aus einer Schublade geholt hat. Nicht um zurückzugehen, sondern um zu spüren, dass man wirklich da war.
Und natürlich kommt irgendwann der Teil, der nicht mehr nach Glanz riecht.
Familie. Krankheiten. Abschiede. Brüche, die nicht in einem Satz erzählt werden können. Es gibt diese Niederlagen, die einen nicht nur verletzen, sondern beschriften. Als hätten sie einen Stempel hinterlassen: Vorsicht, hier sitzt etwas locker.
Hartmut erzählt von einem Jahr, das ihm den Atem geklaut hat. Bruno erzählt von Momenten, in denen er sich selbst nicht mochte. Es ist kein Wettbewerb. Eher ein stilles Abgleichen: Ja, du auch. Ja, ich auch. Und trotzdem stehen beide hier, im Advent, vor einem Glühweinstand, mit Kinderpunsch und kalter Luft in der Lunge. Trotz allem noch da.
Dieses „noch da“ ist ein eigenartiges Wort. Es klingt, als hätte man eigentlich schon weg sein sollen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Man ist nicht weg. Man steht. Man redet. Man lacht sogar. Und man plant – aus Gewohnheit oder aus Trotz, vielleicht aus beidem.
„Weißt du“, sagt Bruno irgendwann, „man müsste noch mal was machen. Nicht groß. Aber irgendwas, das Spaß macht.“
Hartmut zieht die Augenbrauen hoch. „Du meinst ein Geschäft? Auf die alten Tage?“
Und plötzlich sind sie wieder kurz jünger. Nicht im Körper. Im Kopf. Dieses Kribbeln, wenn man etwas bauen will. Etwas anfangen. Zwei unruhige Geister, die nicht gut darin sind, einfach nur zu sitzen und zu warten, bis der Kalender gewinnt.
Sie spinnen Ideen. Klein. Handfest. Vielleicht etwas mit Menschen. Etwas, das nicht von Moden abhängt. Etwas, das man auch dann noch macht, wenn das Knie knackt und der Rücken beim Aufstehen Geräusche macht, als würde irgendwo eine Schublade klemmen.
Und dann – wie ein kalter Windstoß zwischen die Sätze – kommt die Gegenwart.
„Aber“, sagt Hartmut, und das „aber“ hängt kurz in der Luft, „heute ist ja alles digital. Ohne Computer, ohne das ganze Zeug… du kommst doch gar nicht mehr mit.“
Bruno nickt. Das ist kein Jammern. Es ist eine Feststellung. Früher konnte man mit einem guten Spruch, einem Anruf, einem Zettel am Schwarzen Brett und einem Händedruck etwas auf die Beine stellen. Heute verlangt selbst der Toaster ein Update, bevor er die Scheibe rausgibt.
Sie reden über Smartphones, über Apps, über Passwörter, die alle heißen wie die Namen von Sternen, die man nie gesehen hat. Über Webseiten, die sich ändern, sobald man sie verstanden hat. Über Formulare, die so tun, als hätten sie einen Menschen im Hintergrund – und dann merkt man: Nein, da sitzt nur ein System, das den Fehler im Menschen sucht.
Und während sie sprechen, wird der Gedanke größer, schwerer, ehrlicher:
Nicht nur die Alten verlieren den Anschluss.
„Die Jungen“, sagt Bruno leise, „kommen ja gerade so hinterher. Und die, die heute fünfzig sind… die stehen mitten im Leben und haben jetzt schon Stress mit dem Tempo. Wenn das so weitergeht, brauchen bald sogar die Dreißigjährigen eine Bedienungsanleitung fürs eigene Leben.“
Hartmut schaut in seine Tasse, als könnte der Kinderpunsch eine Antwort geben. Dann blickt er wieder auf. Die Augen klar. Keine Panik, aber auch kein Schönreden.
„Wir sind irgendwann nur noch Anhängsel“, sagt er. „Man hängt sich dran und hofft, dass jemand einen mitzieht.“
Das Wort tut weh, weil es wahr sein könnte. Und weil es Angst macht. Nicht die Angst vor Technik an sich – sondern die Angst, ersetzt zu werden. Nicht als Arbeitskraft, sondern als jemand, der noch mitreden darf. Als jemand, der Entscheidungen versteht, bevor er sie unterschreibt.
Eine Weile ist da nur das Geräusch von Stimmen, die an ihnen vorbeiziehen. Lachen. Schritte. Eine Kinderhand im Handschuh, die nach einem Lebkuchen greift. Weihnachtsmarktgeruch. Leben.
Dann sagt Hartmut, fast flüsternd: „Wenn nicht jetzt… wann dann? In zwei Jahren kann es vorbei sein. Nicht das Leben. Aber die Möglichkeit, noch mitzuhalten.“
Bruno nickt wieder. Und diesmal ist es kein resigniertes Nicken. Eher ein: Ja. Genau deshalb.
Denn in dieser Minute, an diesem kleinen Tisch, passiert etwas, das man im Trubel leicht übersieht: Die Erkenntnis kommt nicht als Untergang, sondern als Auftrag.
Wenn die Welt schneller wird, muss nicht jeder Mensch schneller werden.
Vielleicht muss er nur anders werden.
Nicht alles kann man alleine. Das ist keine Schande. Es ist eine Tatsache, die man in jungen Jahren gern verdrängt und im Alter endlich benutzen darf. Hilfe annehmen ist kein Abstieg – es ist Teamarbeit.
Und vielleicht ist genau das die Lösung, die vor ihnen steht wie ein vierter, unsichtbarer Bistro-Tisch: die Verbindung der Generationen. Nicht als „Wir Alten werden von den Jungen gerettet“, sondern als Tauschgeschäft, das fair ist.
Die Jungen bringen die Bedienung der Geräte. Die Älteren bringen das, was keine App ersetzen kann: Geduld, Erfahrung, Bauchgefühl, Menschenkenntnis. Den Blick dafür, wann etwas zwar modern ist, aber trotzdem Unsinn. Den Mut zu sagen: Stopp. Langsamer. Erklär’s noch mal.
Hartmut lächelt plötzlich. Nur kurz, aber echt.
„Dann machen wir’s so“, sagt er. „Wir bauen nichts Großes. Wir bauen was Kleines, das funktioniert. Und wenn wir’s nicht digital kriegen, holen wir uns jemanden dazu. Nicht als Krücke. Als Crew.“
Crew. Das Wort passt. Es klingt nach gemeinsamer Fahrt, nicht nach Hilflosigkeit. Nach einem Boot, das man zusammen steuert, statt allein unterzugehen.
Bruno schaut über den Weihnachtsmarkt. Die Lichter hängen im Dunkel wie kleine Versprechen. Und er denkt: Vielleicht ist das der Sinn von diesen Märkten, wenn man sie endlich wieder betritt. Nicht der Glühwein. Nicht der Kitsch. Sondern diese Möglichkeit, zufällig genau dem Menschen zu begegnen, der einen daran erinnert, dass man nicht allein ist – weder mit der Vergangenheit noch mit der Zukunft.
Sie stoßen an. Kinderpunsch gegen… Kinderpunsch. Das ist fast komisch. Und gleichzeitig ist es das Ernsthafteste, was man an so einem Stand tun kann.
Und irgendwo zwischen dem ersten Schluck und dem zweiten wird klar: Die Zeit nimmt einem vieles. Aber sie kann einem auch etwas geben – wenn man noch stehen bleibt, noch hinschaut, noch hingeht. Sogar auf einen Weihnachtsmarkt, den man jahrelang gemieden hat.
Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht dieses Nachmittags: Nicht mithalten müssen. Nicht aufgeben. Sondern verbinden. Das Tempo der Welt wird nicht langsamer. Aber man kann dafür sorgen, dass niemand zurückbleibt, nur weil er nicht mehr mit zwei Daumen über Glasflächen fliegt.
Zwei Männer stehen im Advent an einem Bistro-Tisch. Mitte achtzig und um die siebzig. Gezeichnet, ja. Aber nicht erledigt.
Und während die Dämmerung endgültig zur Nacht wird, wirkt die Zukunft für einen Moment nicht wie ein Tunnel, sondern wie eine Straße, auf der man wieder zu zweit geht.


