Kolumne · Erinnerungen

„Kiel, komm!“ – Drei Sommer im Nettebad mit Renate

Jeden Nachmittag wartet Renate im Nettebad auf Bruno und Helga. Zwischen Schwimmbahnen, Pommes und vielen Geschichten wächst eine Freundschaft, die auch dann tragen soll, wenn der Alltag schwieriger wird.

Inhalt

  1. Jeden Nachmittag derselbe Ruf
  2. Unsere kleine Runde am Beckenrand
  3. Wenn Erinnerungen durcheinandergeraten
  4. Nicht nur bis morgen planen
  5. Eine Bahn breit und sehr lang

Jeden Nachmittag derselbe Ruf

Um halb sechs beginnt bei mir im Sommer ein kleiner Streit. Ein Teil von mir weiß, dass Schwimmen guttut. Der andere würde lieber sitzen bleiben. Helga beendet die Diskussion zuverlässig: „Los, Seebär. Renate wartet.“

Im Nettebad hören wir sie meist schon, bevor wir sie sehen. „Kiel, komm!“, ruft sie mir zu. Seit unserem ersten gemeinsamen Sommer nennt sie mich Kiel. Warum genau, weiß wohl nur sie. Ich habe den Namen längst angenommen.

Renate ist über 80 und verbringt einen Teil des Jahres in Thailand. Im Sommer gehört das Schwimmbad zu ihrem festen Tageslauf. Wenn wir am späten Nachmittag eintreffen, hat sie oft schon viele Stunden dort verbracht.

Unsere kleine Runde am Beckenrand

Zu unserer Gruppe gehören auch Christa, Angie, Waltraud und Bruni. Manche reden viel, andere hören lieber zu. Gemeinsam schwimmen wir, sitzen auf der Bank und teilen Geschichten.

Renate erzählt von Thailand, von früheren Tänzen und von Menschen, deren Namen ihr nicht immer sofort einfallen. Dann winkt sie ab und ersetzt die Lücke durch eine Pointe. Ihr Humor rettet keinen verlorenen Namen. Aber er bewahrt ihre Würde und bringt uns alle zum Lachen.

Nach dem Schwimmen riecht die Luft nach Chlor, Sonnencreme und Pommes. Es ist kein besonderer Ort. Gerade deshalb wurde er für uns wichtig. Freundschaft wächst oft dort, wo Menschen immer wieder zur gleichen Zeit auftauchen.

Wenn Erinnerungen durcheinandergeraten

Über die drei Sommer merkten wir, dass Renates Gedächtnis unsicherer wurde. Manchmal begann eine Geschichte gestern und endete in den Siebzigern. Manchmal fragte sie dasselbe noch einmal.

Wir verbesserten nicht jede Einzelheit. Entscheidend war, was sie erzählen wollte. Wenn der Name eines alten Freundes fehlte, blieb das Gefühl der Geschichte trotzdem richtig.

Renate machte selbst Witze darüber. Doch hinter dem Lachen lag auch Angst. Einmal saß sie im Bademantel am Beckenrand und sagte leise: „Ich habe Angst, dass ich eines Tages nicht mehr weiß, wo die Tür zum Wasser ist.“

Nicht nur bis morgen planen

Helga setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern. „Dann holen wir dich“, sagte sie. „Mit dem Bus, mit einem Taxi oder mit Bruno als Schubkarre.“

„Mindestens als Sackkarre“, ergänzte ich.

Renate lachte. Die Sorge war damit nicht verschwunden. Aber sie musste sie nicht mehr allein tragen.

Seitdem sprechen wir auch über praktische Dinge. Welche Busverbindung funktioniert? Wen kann sie anrufen? Wer merkt, wenn sie nicht kommt? Wir schreiben Telefonnummern auf und besprechen den Weg. Es geht nicht darum, ihr das Leben abzunehmen. Es geht darum, Möglichkeiten zu erhalten.

Eine Bahn breit und sehr lang

Am Ende eines Badetags sagen alle „Bis morgen“. Dieser Satz klingt alltäglich. Für unsere Runde ist er ein kleines Versprechen.

Ich muss mich noch immer überwinden, ins Wasser zu gehen. Renate ruft, Helga schiebt, und ich beschwere mich aus Gewohnheit. Sobald ich die erste Bahn geschafft habe, weiß ich wieder, warum ich gekommen bin.

Vielleicht wird irgendwann vieles anders. Vielleicht kann Renate nicht mehr selbst fahren oder braucht mehr Begleitung. Unsere Freundschaft hängt aber nicht an einem Auto und nicht daran, ob jede Geschichte zeitlich stimmt.

Sie besteht aus vertrauten Stimmen, einer Bank am Becken und dem Wissen, dass jemand wartet. Unser gemeinsames Reich ist nur eine Schwimmbahn breit. Für eine gute Freundschaft reicht das vollkommen.