Kolumne · erinnerungen „Kiel, komm!“ – Drei Sommer im Nettebad mit Renate
Drei Sommer, jeden Tag dasselbe Ritual: Renate winkt, Helga grinst, und ich, Bruno, quäle mich ins Wasser. Zwischen Chlorgeruch, Pommes und Pointen wächst eine Freundschaft, die eine Bahn breit ist – und unendlich lang.
Ich gebe es ungern zu, aber jeden Nachmittag um 17:30 Uhr beginnt bei mir ein innerer Bürgerkrieg. Der eine Bruno – Admiral alter Schule, Macher, Held der nassen Elemente – zieht die Badehose hoch und ruft: „Volle Kraft voraus!“ Der andere Bruno – Friedhof der Bequemlichkeiten – hängt am Türrahmen und jammert: „Muss das Wasser schon wieder so… nass sein?“ Helga verdreht die Augen, klappt entschlossen die Sonnenbrille nach oben und sagt diesen Satz, der schlimmer ist als jeder Drill: „Los jetzt, Seebär. Renate wartet.“
Renate, das ist unsere Kapitänin der Herzen im Nettebad Osnabrück. Achtzig plus, genauer: fünfundachtzig – und braungebrannt wie eine Couch in Schokoleder. Seit der Rente führt sie ein Doppelleben: ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr in Thailand. Ich vermute, irgendwo dort hat sie einen geheimen Vertrag mit der Sonne. Von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends wohnt sie im Schwimmbad – nicht als Gast, eher als Bürgermeisterin. Wenn Renate durchs Drehkreuz tritt, nickt das Becken. Die Bademeister halten kurz inne, die Fritteuse zischt respektvoll, und selbst die Schwimmnudeln liegen stramm bei Fuß.
„Kiiiel!“, ruft sie, sobald wir um 17:30 Uhr aufkreuzen – seit letztem Sommer nennt sie mich so, weil ich angeblich „so schön die Linie halte“. Und dann strahlt sie, als hätte sie gerade die gesamte Nordsee für sich gewonnen. Helga bekommt ein Küsschen auf die Wange, ich eine Ansage: „Rein da, Bruno. Nicht lang fackeln.“ Und ich? Ich quäle mich ins Wasser, wie vereinbart. Immer. Jedes Mal. Ich mache dabei Geräusche, die an eine rostige Reling erinnern. Helga kommentiert fachkundig: „Die Titanic klang fröhlicher.“ Aber wenn der erste Schreck vorbei ist und die Haut von Gänseblümchen wieder auf Normalbetrieb stellt, merke ich: Der innere Bürgerkrieg hat kapituliert.
Wir sind eine bunte Crew, die sich über drei Sommer zusammengerüttelt hat. Neben Renate und Helga gehören Christa und Angie dazu – zwei Plaudertaschen mit der Schlagzahl von Schnellbooten – außerdem Waltraud, die jede Bahn mit ernstem Gesicht und einer Badekappe in Pastell lila nimmt, als würde sie im Kopf Rechnungen lösen, und Bruni, die zwar denselben Namen trägt wie ich, aber deutlich eleganter schwimmt und nie nass aussieht. Zusammen sind wir die inoffizielle Ratsversammlung des Nettebads. Renate präsidiert. Die Tagesordnung: Bahnen, Geschichten, Pommes.
„Weißt du noch“, sagt Renate oft, während sie neben mir durchs Wasser gleitet, und dann erzählt sie. Von Thailand, natürlich – vom Meer, das frühmorgens so glatt ist wie frisch gebügelte Seide; von einem Verkäufer, der ihr jeden Dezember eine Kokosnuss schenkt und behauptet, sie sei „die deutsche Sonne“. Aber auch von hier, von früher. Manchmal legt sie die Stirn in Falten, wenn ein Name nicht gleich aus der Gedächtnis-Ritze klettert. „Wie hieß er noch, der mit dem Moped?“, fragt sie. „Kalle? Oder Karlchen? Oder…“ Dann winkt sie ab. „Egal. Der fuhr zu schnell und küsste die Hecke öfter als mich.“
In diesen drei Sommern gab es immer wieder Momente, in denen wir meinten, uns aus der Jugend zu kennen. „Du warst doch damals beim Tanztee im ‚Goldenen Anker‘, oder?“ – „Ich? Tanztee? Ich habe maximal die Quallen geschupst.“ – „Doch, doch“, insistiert Renate, „so ein Lachen vergisst man nicht.“ Und ich schaue Helga an, die mit einem Handtuch wedelt wie ein Fächer, und sie nickt: „Du warst überall, Bruno. Warum nicht auch beim Tanztee.“ Vielleicht ist es so. Vielleicht sind Erinnerungen wie Badehauben: Man zieht sie über und denkt, sie war schon immer da. Renate und ich haben jedenfalls eine ähnliche Vergangenheit, wenn auch nicht dieselben Fotos. Unsere Geschichten sind wie zwei Flüsse, die irgendwann ins gleiche Becken einlaufen.
Im Sommer 2023 fing es mit einem Blick an. Renate stand am Beckenrand, Hände in die Hüften, und kontrollierte die Lage wie ein Hafenmeister. „Neu hier?“, fragte sie. „Nur eingerostet“, gab ich zurück. „Eingerostet ist kein Zustand, sondern ein Geräusch“, sagte sie, und wir lachten. Seitdem war ich „Kiel“. Helga bekam den Titel „Inspekteurin für Wassertemperatur“, den sie sofort anfocht, weil er „zu kühl klingt“. Christa und Angie trugen die Ehrenwürde „La Ola-Beauftragte“, Waltraud wurde „Stille Bank“. Bruni – die elegante Bruni – war „Protokoll“. Einer musste ja dokumentieren, wie oft ich jammerte, bevor ich ins Wasser ging. (Zu oft.)
2024 wurde aus dem täglichen Treffen eine feste Trasse. Ich kann die Uhr danach stellen: 8:00 Uhr Renate am Start, 10:00 Waltraud erste Lage, 12:30 Christa und Angie im Doppeleinsatz, 17:30 Helga und ich – und Renate immer noch da, lachend, winkend, ein Stück Thailand im Chlorlicht. Manchmal, wenn sie erzählte, verrutschte ihr die Zeit. „Gestern“, beginnt sie, „als wir 1972 mit dem Bus nach Norderney fuhren…“ Und wir nicken. Es ist nicht wichtig, ob gestern 1972 war. Wichtig ist, dass der Bus nie zu spät kam. Wichtig ist, dass wir alle eingestiegen sind.
Wir merkten, wie die Worte manchmal hakten. Der Name fiel später, der Witz früher. Renate überspielte das, als hätte sie ein Publikum von tausend Leuten. „Wenn mir was fehlt“, sagt sie, „setz ich halt eine Pointe rein.“ Und die setzte sie: trocken, hell, überraschend. „Ich gehöre jetzt in die Premiumklasse“, erklärte sie einmal. „Premium?“, fragte ich. „Ja. Angesagte Demenz. Premium, weil alle ständig von mir reden: ‚Weißt du noch?‘ – ‚Nein!‘ – ‚Dann war’s ja gut!‘“ So lacht man sich Mut an, dachte ich. So lacht man sich auf die richtige Seite der Welle.
2025 ist der Sommer, in dem wir genauer hinhören. Renate bleibt dieselbe Bürgermeisterin des Bades, aber manchmal blinzelt da ein Streifen Müdigkeit, wenn die Sonne durch die Glasfront fällt. Ihr Auto steht wie immer auf dem Stammplatz, doch wir wissen: Was, wenn es irgendwann nicht mehr geht? Ohne Auto kein Schwimmbad – sagt sie. Und die Familie? Die wohnt weit weg, jenseits der bequemen Reichweite. Ich versuche dann, besonders groß zu schwimmen, als ließe sich der Weg zum Nettebad in Bahnen messen und für Zeiten ohne Lenkrad auf Vorrat sammeln.
„Kiel“, sagt Renate an einem Dienstag, an dem die Luft wie warmes Brot riecht, „wenn ich mal nicht rechtzeitig komme—“ Ich winke ab. „Du bist immer rechtzeitig. Die Uhr richtet sich nach dir.“ „Siehst du“, sagt sie, „Bürgermeisterin.“ Dann grinst sie und ruft zum Sprung. Ich quäle mich ins Wasser. Helga applaudiert ironisch. „Und atmen nicht vergessen, alter Ozeanpott.“
Zwischen den Bahnen sitzen wir oft auf der Bank am Beckenrand. Das Chlor liegt in der Luft wie ein dünner Nebel, aus der Ferne klappert das Besteck vom Kiosk. Angie doziert darüber, warum man nur auf ungeraden Bahnen atmen dürfe („kosmische Strömung“). Christa hat sich in den Kopf gesetzt, dass Zählen jünger macht. Waltraud schweigt – ihr Schweigen ist ein Schutzengel. Und Bruni nickt zu allem und schreibt ungefragt nichts auf. Renate erzählt Geschichten, die sich selbst erzählen: von einem Elefantenritt in Thailand („am Ende ritt der Elefant mich“), von einem Tanz in Osnabrück („ich führte und niemand folgte, also tanzte ich weiter“) und von einem Sommer, der nicht enden wollte. „Der da“, sagt sie, und zeigt aufs Becken. „Dieser Sommer.“
Eines Abends, die Uhr schickte schon ihre langen Schatten übers Wasser, kam Renate im Bademantel vorbei, der an der Schulter ein wenig ausfranselte. „Heute keine Bahnen“, sagte sie. Helga stellte sich neben sie. „Wetterbericht?“ – „Herzbericht“, meinte Renate, und tippe vorsichtig gegen ihre Brust. „Das Ding hier hat gelacht, ist aber müde.“ Wir setzten uns. Der Bademeister pfiff irgendwo streng, als sei er gegen Müdigkeit. Renate hielt den Blick auf der Wasseroberfläche. „Ich hab Angst, Kiel“, sagte sie, „dass ich eines Tages nicht mehr weiß, wo die Tür zum Wasser ist.“ Ich sah Helga, die den Mund öffnete und schloss, als kämpfte sie mit einer Welle. Dann legte sie Renate den Arm um die Schultern. „Wir holen dich“, sagte Helga. „Wenn du willst, jeden Tag. Mit Taxi, mit Bus, mit Bruno als Schubkarre.“ – „Ha!“, rief ich, „Ich bin mindestens eine Sackkarre.“ Renate lachte, hell und jung. „Gesehen?“, flüsterte sie. „Das Ding kann noch lachen.“
Seitdem gibt es einen neuen Punkt auf unserer Tagesordnung: Zukunftspläne. Wir testen Buslinien, schreiben Telefonnummern auf Zettel, die überall in Renates Taschen auftauchen, und verabreden uns nicht nur für morgen, sondern für „übermorgen und falls ich’s vergesse, für jeden weiteren Tag, bis ich’s wieder weiß“. Renate nickt dann, steckt den Zettel in die Badehaube, und verliert ihn selbstverständlich im Wasser. Helga fischt ihn raus. „Beweisstück A: Freundschaft ist wasserfest“, sagt sie, und ich könnte sie küssen, wenn ich nicht gerade husten müsste, weil ich wieder die halbe Bahn getrunken habe.
Die schönsten Momente sind die mit den Einbildungen – im besten Sinne. Renate und ich fragen uns immer wieder, ob wir uns nicht doch schon früher über den Weg geschwommen sind. „Du warst doch dieser Junge, der beim Sommerfest den Rettungsring klaute und allen das Herz stahl.“ – „Ich? Niemals!“, protestiere ich, während Helga sehr laut „Doch!“ sagt. „Und du“, wende ich mich an Renate, „warst die Frau, die mit einer Badekappe wie eine Königin aussah und jeden Blick an sich zog.“ Sie lacht dann, schmeißt mir spielerisch Wasser ins Gesicht und sagt: „Jetzt mach dich nützlich, Kiel. Eine Bahn für die Erinnerung.“
Am Ende jedes Tages, wenn wir uns abtrocknen und die Fliesen langsam ihre Wärme verlieren, sammeln wir die kleinen, schillernden Sätze wie Muscheln. „Heute hat mich ein Kind gefragt, ob ich der Bürgermeister bin“, verkündet Renate. „Was hast du gesagt?“, fragt Helga. „Ich habe gesagt: Noch nicht.“ Wir lachen. Christa ruft: „Morgen zähle ich rückwärts!“ Angie schwört, sie bringe ein neues Atmungs-System mit („nur in Vokalen“). Waltraud hebt die Hand, als hätte sie den Satz gefunden, den wir alle brauchen: „Bis morgen“, sagt sie schlicht. Und Bruni nickt, elegant, und wir wissen: Es ist alles aufgeschrieben, auch wenn niemand schreibt.
Ich quäle mich noch einmal kurz innerlich, bevor ich ins Auto steige. Das Wasser fordert seinen Zoll. Aber der Abend zahlt ihn zurück. Wenn ich die Augen schließe, höre ich das leise Schmatzen der Züge, das Pfeifen des Bademeisters, das entfernte Kichern vom Kiosk. Ich rieche Pommes, Nivea und Sommer. Ich sehe Renates Schokoleder-Bräune, die im Halbdunkel glüht, und ihre Hand, die winkt, als wolle sie sagen: „Hier, Kiel. Hier ist die Tür zum Wasser.“
Und dann weiß ich: Die wunderbaren Gespräche, die schönen Geschichten, die tolle Freundschaft – das ist unser Rettungsring. Für morgen, für übermorgen, für den Tag, an dem wir ihn besonders brauchen. Und wenn Renate eines Tages die Tür nicht findet, stehen Helga und ich davor, Hand in Hand, und klopfen von außen, bis sie uns aufmacht. Bürgermeister hin, Thailand her – unser Reich ist eine Bahn breit, aber unendlich lang.
„Bis morgen“, ruft Renate, schon halb auf dem Weg zur Fritteuse. „Bis morgen“, rufen wir zurück. Der Admiral in mir salutiert. Der Bequeme murrt leise und hat trotzdem ein Lächeln im Gesicht. Und irgendwo in der Tiefe lächelt das Wasser mit.


