Kolumne · Brunos Kolumne Kein erster Schluck : Karls drei Heimkehr-Tage
Karl lebt zwischen Werkbank und Halbwelt, zwischen Disziplin der Marine und den langen Nächten der Städte. Drei Langzeittherapien und ein Entschluss, der jeden Tag neu getroffen wird: „Heute nicht.“ Eine ehrliche Geschichte über Abstinenz als Rückeroberung und die lebenslange Gefahr des Rückfalls.
Vorhang auf: Karls Halbwelt
Karl stammt aus einer Generation, die Waschmaschinen ohne Fluchen treppauf trägt, aber bei „Mir geht’s nicht gut“ den Hals zugeschnürt bekommt. Wie sein Bruder Bruno diente er bei der Marine (Verwendungsreihe 23) — Disziplin, Kälte, klare Kommandos. An Deck lernst du, dass Ordnung Leben retten kann. An Land merkte Karl, dass Ordnung auch verschwinden kann.
Nach der Marine trieb es ihn in die Ränder der Städte: erst Kiel und Wilhelmshaven, dann Hamburg-St. Pauli, später Berlin. Karls Welt war oft die Halbwelt — dort, wo die Lichter länger brennen, Türen noch einen Spalt offenstehen und die Zeit keinen Kalender kennt: Hintereingänge von Clubs, Kioske mit Neonkleid, Tresen, an denen man mit Vornamen begrüßt wird. Er war nicht laut. Er war der Zuverlässige: Kabel sortieren, Bühne tragen, Messehalle schließen. Nachtschichten im Takt. Funktionieren konnte er gut. Nur nüchtern immer schlechter.
Er mochte einfache Dinge: gutes Werkzeug, kluge Hände, die Ruhe einer Werkbank. Aber da war auch dieser andere Rhythmus — der mit dem Ersten: erster Durst, erster Schluck, erster Fehlton. Danach spielte das Stück allein weiter. Karl kannte alle Ausreden, denn er hatte sie geschrieben: „Nur heute“, „Nur eins“, „Morgen ganz sicher“. Er verlor nie auf einmal, sondern in kleinen Münzen: ein versäumter Anruf, ein geplatzter Termin, ein stiller Blick von jemandem, der ihn einmal liebte.
Als die Abstände zwischen den guten Tagen kürzer wurden als die zwischen den schlechten, wusste er: Alleine schafft er’s nicht.
Drei Heimkehr-Tage
1993 — Der erste Abend (Rhein-Main, Ende Oktober | 4 Monate Therapie)
Ende Oktober 1993, graues Licht über dem Rhein-Main-Gebiet. Karl saß im Regionalzug, die Klinikmappe auf den Knien — vier Monate Therapie zusammengeheftet zwischen Pappdeckeln. Am Bahnhof prangte ein Plakat mit Kondensperlen auf einer Bierflasche. Er sah nicht hin. In der Klinik hatten sie gesagt: „Der erste Blick darf passieren. Der zweite ist eine Entscheidung.“ Also hob er die Mappe an und starrte auf seine eigene Handschrift: „Heutiger Kurs — nicht trinken, essen, anrufen, gehen.“
Bruno stand am Ende des Bahnsteigs, breit wie ein Poller, mit dieser stoischen Ruhe, die nur Geschwister zurechtbiegen können. „Moin, Alter. Kaffee im Becher. Schwarz wie die Wahrheit.“ Karl nahm den Becher, fühlte die Hitze; erst da merkte er, wie kalt die Hände waren. Eine kurze, unbeholfene Umarmung. Zwei Männer, die mehr Vergangenheit als Zukunft kannten und doch heute einen neuen Knoten ins Seil legten.
Die Wohnung roch nach frisch gewischtem Boden. Im Kühlschrank: Suppe, Brot, Wasser. Neben dem Herd klebte ein Zettel: „Kein Alkohol im Haus. Falls es zieht: mich, Bruno, die Montagsrunde anrufen.“ Darunter eine Liste mit Nummern. Er hatte die gleiche Liste in der Jackentasche.
Heimkommen heißt nicht nur Türen aufschließen. Heimkommen heißt: die Stille aushalten, in der früher das Klirren der Flaschen gelebt hat. Karl legte die Mappe auf den Tisch und seine neuen Werkzeuge bereit: Block, Bleistift, den Plan aus der Gruppe. Notfallkette: 1) Essen. 2) Wasser. 3) Anrufen. 4) 15 Minuten gehen. 5) Tee. 6) Dusche. 7) Wieder bei 1 anfangen.
Er erwärmte die Suppe. Der Löffel klang leise gegen den Topfrand wie ein kleines, freundliches Schiffsglockensignal. Beim dritten Löffel merkte er, wie der Hunger die Nervosität vom Kai stieß. Dann rief er an. Zuerst Bruno, nur kurz: „Alles gut. Suppe. Ich bleibe heute im Hafen.“ Danach Uwe aus der Montagsrunde: „Ich sitz mit dir auf dem Telefonpoller. Sag den Satz.“ Karl atmete ein. „Ich trinke heute nicht.“ „Gut. Und jetzt: Schuhe an.“
Er ging am Main entlang. Das Wasser trug das späte Nachmittagslicht. Vor dem Kiosk standen Männer in Arbeitsjacken, Dosen in der Hand. Früher wäre er rüber, einer geworden, der mitschwätzt und mitschluckt. Heute zählte er Schritte. Bei dreißig dachte er an die Therapeutin: „Nicht in Versuchung diskutieren. Weitergehen.“ Bei siebzig lief ein Motor in ihm warm. Bei hundertvierzig drehte er um.
Daheim kochte er Tee, duschte so heiß, wie’s ging. Im Bett legte er das Telefon neben sich. „Ein Tag nach dem anderen“, sagte er in die Decke. Die Nacht antwortete nicht. Aber sie blieb.
Am Morgen machte er Espresso. Einer reichte. Der Rauch der ersten Zigarette zog wie eine dünne Fahne aus dem Fenster. Er schrieb ein paar Zeilen — Sätze, die festhalten, was sonst verrutscht: Abstinenz ist nicht „nie wieder“, sondern „heute nicht“. Der Körper braucht neue Rituale: Brot statt Bier, Wasser statt Ausrede, Schritte statt Scham. Am dritten Tag, als das Flüstern „Nur eins, zur Belohnung“ kam, stellte er sich an die Küchenarbeitsplatte, sortierte zwei Schubladen — Schrauben, Dübel, Haken — und sprach laut im alten Marineton: „Kein erster Schluck.“ Es hatte Wucht. Abends saß er auf einem Klappstuhl bei der Montagsrunde. Filterkaffee, Nicken von Leuten, die wissen, wovon sie sprechen. Einer erzählte vom Rückfall nach vielen Jahren. Niemand urteilte. Karl schrieb in den Block: „Die Gefahr bleibt. Aber ich bin nicht allein.“ In den ersten Wochen feierte er den ersten Geburtstag ohne Bier: eine Kerze im Brötchen, ein Händedruck, keine Erklärung. Leise Siege, die zählen.
Er zeichnete eine kleine Kompassrose in den Block und schrieb in jede Himmelsrichtung ein Wort: Ost: Essen. Süd: Anrufen. West: Gehen. Nord: Schlafen. Kurs halten.
1998 — Der zweite Versuch (Berlin, Spätsommer | 2 Monate Therapie)
Fünf Jahre später hat ihn ein Rückfall aus der Spur geworfen. Zwei Monate Klinik holen ihn wieder an Deck. Heimkehr in ein möbliertes Zimmer in Berlin, die Verlockungen dicht: Kioske, Spätis, Kneipen. Diesmal hat Karl Wegkarten gezeichnet — Straßen mit roten Kreuzen (meiden) und grünen Pfeilen (Parks, Turnhalle, Bibliothek). Mit Bruno richtet er eine Sonntags-Telefonminute ein: „19:00 Uhr, zehn Minuten Lagebericht.“ Er sucht sich eine Runde in Wedding, lernt den Satz, der härter ist als ein Schwur: „Kein erster Schluck.“ Wenn der Durst vorbeikommt wie ein alter Bekannter, geht er eine Haltestelle weiter, kauft Brot statt Ausrede. Noch nicht fest, aber fester. Die Kompassrose liegt gefaltet in der Jacke.
2005 — Stabilisieren, nicht anfangen (Rhein-Main, Frühling | 1 Monat Therapie nach Selbstentzug)
Vor der dritten, einmonatigen Therapie ist Karl schon einige Wochen trocken — selbst entzogen, klarer Kopf, müder Körper. Die Klinik wird ein Booster, kein Start. In der WG mit seiner Ex-Frau wartet eine Ordnung am Kühlschrank: „Kein Alkohol im Haus. Wenn’s zieht: Essen, Anrufen, Gehen.“ Ab jetzt liegen die Telefonlisten dreifach bereit: Küche, Jacke, Spiegelschrank. Er beginnt eine Routine, die trägt: morgens Espresso, kurze Zigarette, 60–90 Minuten Schreiben, täglich 30–40 Minuten gehen, wöchentliche Selbsthilfe-Runde und donnerstags Werkbank mit Bruno — sortieren, schrauben, Klettbänder gegen Kabelsalat. Ordnung im Fach, Ordnung im Kopf. Aus der Abschlussrunde nimmt er den Satz mit, der ihn bis heute begleitet: „Sie sind nicht geheilt. Sie sind gut vorbereitet.“ Die Kompassrose von 1993 hängt jetzt gerahmt über der Werkbank. Ein alter Entwurf wird zum festen Kurs.
Heute — Mahnung und Chance zugleich
Seit 2005 bleibt Karl abstinent — 20 Jahre. Er redet darüber ohne Heldenton: Suppe am ersten Abend, Schuhe schnüren, wenn die Lust fehlt; „heute nicht“ statt „nie wieder“. Die Mahnung: Die Gefahr bleibt lebenslang. Kein Verhandeln mit dem ersten Schluck. Wege meiden, wenn’s zieht. Notfallkette ablaufen, bevor der Kopf verhandelt. Die Chance: Abstinenz ist Rückeroberung. Klare Oktobernächte, Sonntagsfrühstücke ohne Blei im Schädel, Spaziergänge, bei denen man den Falken auf dem Mast sieht. Donnerstags Werkbank mit dem Bruder. Wenn heute jemand nach seiner ersten Langzeittherapie heimkommt, erzählt Karl keine Heldensaga. Er erzählt von Suppe, heißen Duschen, Schuhen. Von Brot statt Bier, Wasser statt Ausrede, Schritte statt Scham. Und er lächelt, wenn er sagt: „Ich trinke heute nicht.“ Das reicht. Heute. Morgen wieder neu.


