Kolumne · Brunos Kolumne Kein erster Schluck : Karls Weg zurück ins Leben
Drei Therapien, Rückfälle und ein Satz, den Karl jeden Tag neu sagt: „Heute trinke ich nicht.“ Eine ehrliche Geschichte über Abhängigkeit, Hilfe und einen langen Weg ohne Heldenton.
Inhalt
Karl konnte arbeiten, organisieren und schwere Dinge tragen. Nur den Satz „Ich brauche Hilfe“ brachte er lange nicht über die Lippen.
Nach der Marine lebte er jahrelang zwischen Werkstätten, Bühnen und Nachtschichten. Er war zuverlässig, solange es etwas zu erledigen gab. Am Feierabend kam der Alkohol. Erst als Belohnung, später als Gewohnheit und irgendwann als etwas, das den Ablauf bestimmte.
Der erste Schluck blieb selten der einzige.
Verluste kommen nicht immer mit einem Knall
Karl verlor nicht alles an einem Tag. Es waren kleine Dinge: ein vergessener Anruf, ein geplatzter Termin, eine Ausrede zu viel. Menschen zogen sich zurück. Er schämte sich und trank, um die Scham nicht zu spüren. Danach wurde sie größer.
Wie viele Abhängige glaubte er lange, er müsse sich nur stärker zusammenreißen. Doch Abhängigkeit ist kein Mangel an Anstand oder Willen. Sie ist eine Erkrankung, bei der fachliche Hilfe wichtig ist.
Als die schlechten Tage immer häufiger wurden, nahm Karl diese Hilfe an.
Die erste Heimkehr
1993 kam er nach vier Monaten Therapie zurück. Am Bahnhof wartete ich mit Kaffee. Wir umarmten uns kurz und unbeholfen, wie Brüder das manchmal tun.
In seiner Wohnung stand kein Alkohol. Im Kühlschrank lagen Suppe, Brot und Wasser. Neben dem Telefon warteten die Nummern von Menschen, die er anrufen konnte.
Die Stille war schwer. Früher hatte das Öffnen einer Flasche den Abend eingeleitet. Nun musste Karl neue Abläufe finden. Er aß, ging eine Runde und rief jemanden aus seiner Gruppe an.
„Ich trinke heute nicht“, sagte er.
Nicht „nie wieder“. Dieses Versprechen war zu groß. Für diesen Abend genügte heute.
Rückfall heißt nicht, dass alles umsonst war
Karl blieb nicht vom ersten Versuch an dauerhaft trocken. 1998 folgte nach einem Rückfall eine weitere Therapie. 2005 brauchte er erneut Unterstützung.
Rückfälle sind ernst und können gefährlich sein. Sie bedeuten aber nicht, dass ein Mensch aufgegeben werden sollte. Karl musste verstehen, welche Situationen ihn besonders gefährdeten und an wen er sich frühzeitig wenden konnte.
Er änderte Wege, mied manche Orte und hielt Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe. Wir vereinbarten feste Telefonzeiten. In seiner Jacke trug er eine Liste mit wichtigen Nummern.
Das klang nicht heldenhaft. Es war wirksam.
Was ihn bis heute trägt
Seit 2005 lebt Karl ohne Alkohol. Er spricht darüber ohne Siegesrede. Er weiß, dass die Abhängigkeit nicht dadurch verschwindet, dass viele Jahre vergangen sind.
Seine Tage haben eine verlässliche Ordnung. Schreiben, Spaziergänge, Treffen und die Werkbank geben Halt. Wenn es ihm schlecht geht, bleibt er nicht allein. Er meldet sich, bevor aus einem Gedanken ein gefährlicher Plan wird.
Vor allem verhandelt er nicht mit dem ersten Schluck. Kein Glas zum Anstoßen, kein Bier zur Ausnahme. Für ihn ist Abstinenz die sichere Entscheidung.
Hilfe muss erreichbar sein
Wer selbst betroffen ist, sollte einen Entzug nicht allein versuchen. Ein plötzlicher Alkoholentzug kann schwere gesundheitliche Folgen haben. Hausärztinnen und Hausärzte, Suchtberatungsstellen und Fachkliniken können den passenden Weg erklären. Auch Selbsthilfegruppen geben vielen Menschen Halt.
Angehörige können begleiten, aber die Behandlung nicht ersetzen. Sie dürfen ebenfalls Beratung suchen und Grenzen setzen. Liebe allein heilt keine Abhängigkeit.
Bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen, starker Verwirrtheit oder einer anderen akuten Gefahr muss sofort der Rettungsdienst unter 112 gerufen werden.
Ein Tag nach dem anderen
Wenn Karl heute von seiner Geschichte erzählt, spricht er selten über die großen Wendepunkte. Er erzählt von Suppe am ersten Abend, von einem Anruf zur richtigen Zeit und von Schuhen, die er anzog, obwohl er lieber sitzen geblieben wäre.
Abstinenz hat ihm nicht nur etwas genommen. Sie hat ihm klare Morgen, verlässliche Beziehungen und Achtung vor sich selbst zurückgegeben.
Manchmal fragt jemand, wie man zwanzig Jahre ohne Alkohol schafft. Karl antwortet dann: „Nicht auf einmal.“
Heute trinkt er nicht. Morgen trifft er die Entscheidung neu.


