Kolumne · Brunos Kolumne Hexenschuss : Wenn der Rücken „Ahoi!“ brüllt und Bruno strandet
Morgens noch Kapitän der Haushaltsflotte – mittags nur noch ein steifer Mast im Wohnzimmer. Ein Tag mit Hexenschuss, dramatisch wie eine Oper, nur mit weniger Würde und mehr Stöhnen.
Inhalt
- Helga verschränkt die Arme. „Aha. Sterben. Frühstück vorher oder nachher?“
- „Das ist kein Hexenschuss“, flüstert Bruno theatralisch, „das ist ein… ein… Bandscheiben-Tsunami.“
- Helga nickt. „Natürlich. Und ich bin die Notaufnahme.“
- 07:30 Uhr – Aufstehen: Der Hindernislauf der Würde
- „Du drehst dich auf die Seite. Beine aus dem Bett. Dann drückst du dich hoch.“
- Helga bleibt professionell. „Langsam. Atmen.“
- „Siehst du“, sagt Helga, „geht doch.“
- 08:15 Uhr – Bad: Der Kampf mit der Unterhose
- 09:30 Uhr – Frühstück: Der Held am Tisch (aber nur, wenn der Stuhl richtig steht)
- Helga schaut ihn an. „Bruno. Iss.“
- 11:00 Uhr – Der große Plan: „Ich geh gleich kurz einkaufen“
- „Wenn’s gleich besser wird, geh ich kurz einkaufen.“
- „Du gehst gar nichts“, sagt sie. „Du gehst höchstens ins Wohnzimmer.“
- 12:30 Uhr – Sofakommando: Wärme, Lagerung und Brunos dramatische Gedanken
- Bruno: „Ich hab Schmerzen.“
- Helga: „Du hast auch Werbung. Und die überlebst du seit Jahren.“
- 15:00 Uhr – Sanfte Bewegung: Der Spaziergang zur Küche (Expedition mit Risiko)
- Irgendwann sagt Helga: „Wir laufen ein bisschen. Ganz vorsichtig. Nicht liegen wie ein Sack Zement.“
- Bruno: „Ich BIN ein Sack Zement.“
- Helga: „Dann ein Sack Zement mit Füßen.“
- Jeder Schritt ist begleitet von inneren Monologen:
- 18:00 Uhr – Abend: Die große Erkenntnis (und ein bisschen echte Hilfe)
- Helga sagt: „Siehst du. Wärme, vorsichtig bewegen, nicht übertreiben.“
- Bruno murmelt: „Ich hab das allein geschafft.“
- Helga nickt. „Ja. Ich hab nur alles gemacht, was nicht ging.“
- Bruno stöhnt – aus Prinzip – und dann kommt der Moment, in dem sogar er kurz ernst wird:
- „Was ist, wenn das morgen noch schlimmer ist?“
- Familien-Dreieck: Wenn Rücken streikt, helfen Kinder & Enkel mit Köpfchen
- Bei Hexenschuss ist nicht nur Muskel gefragt, sondern Organisation:
- Checkliste (zum Kopieren)
Bruno bekommt morgens einen Hexenschuss und verwandelt sich schlagartig vom „Ich trag die Welt“ zum „Ich trag nicht mal meine Unterhose ohne Verhandlungen“. Helga übernimmt das Kommando, Bruno jammert in Opernqualität – und nebenbei gibt’s ein paar wirklich brauchbare Dinge, die bei Hexenschuss helfen können (Wärme, sanfte Bewegung, vernünftige Positionen, Warnzeichen ernst nehmen).
Ein Tag im Leben von Bruno – mit Hexenschuss, Stolzverlust und Helga als Küstenwache
Der Tag beginnt wie jeder gute Tag beginnt: mit dem festen Glauben, dass der Rücken schon irgendwie mitmacht, weil er das die letzten 69 Jahre ja auch getan hat. Und mit einem Geräusch aus dem Bett, das klingt wie… na ja… wie ein alter Fähranleger, der bei Ebbe auf einem Kieselstein aufsetzt.
Bruno öffnet ein Auge, dann das zweite – und denkt: „So. Heute bin ich wieder ein junger Seebär. Heute wird angepackt.“ Er will sich aufsetzen.
Und in diesem Moment macht sein Kreuz etwas, das man sonst nur von schlechten Actionfilmen kennt: Es explodiert ohne Vorwarnung. Nicht laut. Aber innen drin. So ein fieser, elektrischer Blitz, der vom Rücken bis irgendwohin schießt, wo man normalerweise keine Post hinschickt.
Bruno friert ein. Komplett.
Das ist kein Schmerz mehr. Das ist ein amtlicher Meuterei-Beschluss der Lendenwirbelsäule.
„Helga…“, quetscht Bruno hervor. Es klingt wie ein Wal, der sich beim Umdrehen verschluckt hat.
Helga, die bereits in ihrer „Ich regel das“-Aura durch die Wohnung schwebt, taucht in der Tür auf. Sie trägt diesen Blick, den Frauen haben, wenn Männer sagen, sie seien „gleich fertig“, aber noch nicht mal die Schuhe gefunden haben.
„Was ist los?“ fragt sie.
Bruno will antworten: „Nichts, Schatz. Nur ein kleines Ziehen.“ Stattdessen kommt raus: „ICH GLAUBE ICH STERBE.“
Helga verschränkt die Arme. „Aha. Sterben. Frühstück vorher oder nachher?“
Bruno stöhnt – und dieses Stöhnen ist keine normale Lautäußerung. Das ist eine dreiteilige Oper, inklusive Zugabe.
„Hexenschuss“, knurrt Helga nach zehn Sekunden Diagnostik. Bruno hasst es, wenn sie recht hat. Er hasst es noch mehr, wenn sie recht hat und dabei ruhig bleibt.
„Das ist kein Hexenschuss“, flüstert Bruno theatralisch, „das ist ein… ein… Bandscheiben-Tsunami.“
Helga nickt. „Natürlich. Und ich bin die Notaufnahme.“
07:30 Uhr – Aufstehen: Der Hindernislauf der Würde
Helga erklärt jetzt, wie Aufstehen geht.
„Du drehst dich auf die Seite. Beine aus dem Bett. Dann drückst du dich hoch.“
Bruno hört „drücken“ und denkt: „Ja, das ist mein Job. Ich bin Mann. Ich drücke.“
Er versucht es.
Sein Rücken antwortet mit einem Stich, der ihm gleichzeitig eine neue Religion schenkt und ihm alle Sünden der letzten Jahrzehnte zeigt.
„AHOI!“ ruft Bruno. Niemand weiß warum. Es passiert einfach.
Helga bleibt professionell. „Langsam. Atmen.“
Bruno atmet, ja. Aber wie ein kaputtes Akkordeon.
Nach fünf Minuten schafft er es in eine Sitzposition. Er sitzt da wie ein zusammengefalteter Klappstuhl, der nicht mehr richtig einrastet.
„Siehst du“, sagt Helga, „geht doch.“
Bruno schaut sie an, als hätte sie gerade behauptet, ein Hai sei vegetarisch.
08:15 Uhr – Bad: Der Kampf mit der Unterhose
Im Bad zeigt sich: Hexenschuss ist nicht nur Schmerz. Hexenschuss ist eine komplette Umprogrammierung des Lebens.
Zähneputzen? Geht, solange Bruno den Kopf bewegt und nicht den ganzen Körper. Waschen? Geht, wenn Helga das Handtuch reicht und Bruno nicht nach unten greift, weil „nach unten“ jetzt offiziell ein gefährlicher Kontinent ist.
Dann kommt die Unterhose.
Bruno steht davor wie vor einem Klettersteig ohne Sicherung.
„Ich krieg das hin“, sagt er – die berühmten letzten Worte.
Helga hebt eine Augenbraue. „Du hast eben ‚Ahoi‘ gerufen, weil du dich gedreht hast. Willst du wirklich allein die Unterhose machen?“
Bruno versucht es trotzdem.
Er hebt ein Bein – und sein Rücken sagt: Nein.
Helga greift ein, ohne Kommentar, nur mit dieser Effizienz, die Männer gleichzeitig bewundern und fürchten.
Und Bruno denkt: „So fühlt sich also Pflegegrad 0,5 an.“
09:30 Uhr – Frühstück: Der Held am Tisch (aber nur, wenn der Stuhl richtig steht)
Helga serviert Kaffee. Bruno sitzt am Tisch, stocksteif, wie ein Museumsobjekt: „Der Mann, der einmal Treppen ohne Geländer nahm.“
„Ich kann nicht“, murmelt Bruno, als Helga ein Brötchen hinlegt.
„Du kannst kauen“, sagt Helga.
„Aber ich kann nicht leben“, haucht Bruno.
Helga schaut ihn an. „Bruno. Iss.“
Und weil Helga diesen Ton hat, der die Schwerkraft überzeugt, macht Bruno etwas Unmögliches: Er isst.
Zwischen Bissen stöhnt er regelmäßig, damit der Körper nicht vergisst, dass es ihm schlecht geht. Männerlogik: Wenn keiner es hört, zählt es nicht.
11:00 Uhr – Der große Plan: „Ich geh gleich kurz einkaufen“
Der klassische Fehler. Der Hexenschuss-Fehler Nummer 1. Bruno, noch warm vom Kaffee und betäubt vom Selbstbetrug, sagt diesen Satz:
„Wenn’s gleich besser wird, geh ich kurz einkaufen.“
Helga lässt den Satz kurz im Raum liegen, wie eine schlecht platzierte Bananenschale.
„Du gehst gar nichts“, sagt sie. „Du gehst höchstens ins Wohnzimmer.“
„Aber ich muss…“, setzt Bruno an.
Helga: „Du musst liegen. Und nicht wie ein gefallener Baum, sondern so, dass du nicht alles schlimmer machst.“
Bruno versucht zu protestieren. Sein Rücken beendet die Debatte mit einem Zucken, das aussieht, als hätte ihn jemand an der Fernbedienung auf „Pause“ gestellt.
12:30 Uhr – Sofakommando: Wärme, Lagerung und Brunos dramatische Gedanken
Helga legt Bruno aufs Sofa. Nicht einfach so – das ist eine Wissenschaft:
- Kissen unter die Knie.
- Rücken entlasten.
- Wärme drauf (Wärmflasche, Kirschkernkissen, was auch immer nicht kocht oder explodiert).
Bruno liegt da, betrachtet die Decke und denkt über sein Leben nach.
„Ich war mal ein Mann, der Möbel geschoben hat. Jetzt kann ich nicht mal meine Fernbedienung ohne Strategie holen.“
Helga reicht ihm die Fernbedienung wie einem König sein Zepter. „Hier. Damit du nicht auch noch dehydrierst vor Selbstmitleid.“
Bruno: „Ich hab Schmerzen.“
Helga: „Du hast auch Werbung. Und die überlebst du seit Jahren.“
15:00 Uhr – Sanfte Bewegung: Der Spaziergang zur Küche (Expedition mit Risiko)
Irgendwann sagt Helga: „Wir laufen ein bisschen. Ganz vorsichtig. Nicht liegen wie ein Sack Zement.“
Bruno: „Ich BIN ein Sack Zement.“
Helga: „Dann ein Sack Zement mit Füßen.“
Also geht Bruno. Nicht schnell. Nicht schön. Eher wie ein sehr alter Flamingo, der versucht, nicht aufzufallen.
Jeder Schritt ist begleitet von inneren Monologen:
„Wenn ich jetzt sterbe, dann bitte im Gang, nicht im Bad.“ „Wenn das nochmal zieht, rufe ich die Küstenwache.“ „Warum hat niemand gesagt, dass Rücken so ein Sensibelchen ist?“
In der Küche angekommen fühlt Bruno sich wie ein Eroberer. Er steht da. Und Helga klatscht innerlich nicht, weil Helga keine Zeit hat, für Quatsch zu klatschen.
18:00 Uhr – Abend: Die große Erkenntnis (und ein bisschen echte Hilfe)
Am Abend ist Bruno immer noch krumm, aber etwas weniger „Blitzschlag“ und etwas mehr „Ziehender Ärger“.
Helga sagt: „Siehst du. Wärme, vorsichtig bewegen, nicht übertreiben.“
Bruno murmelt: „Ich hab das allein geschafft.“
Helga nickt. „Ja. Ich hab nur alles gemacht, was nicht ging.“
Bruno stöhnt – aus Prinzip – und dann kommt der Moment, in dem sogar er kurz ernst wird:
„Was ist, wenn das morgen noch schlimmer ist?“
Helga wird kurz weich. „Dann gucken wir. Wenn’s ausstrahlt, taub wird, oder du Probleme mit Blase/Darm bekommst: nicht warten. Dann Arzt, sofort.“
Bruno nickt. Und in diesem Nicken steckt: „Okay. Ich bin zwar ein Drama-Kapitän, aber ich bin nicht komplett bescheuert.“
Familien-Dreieck: Wenn Rücken streikt, helfen Kinder & Enkel mit Köpfchen
Bei Hexenschuss ist nicht nur Muskel gefragt, sondern Organisation:
- Kinder können Arzttermine koordinieren, Medikamente/Salben besorgen (oder checken, was mit anderen Mitteln zusammenpasst), und kurz anrufen: „Was brauchst du?“
- Enkel können Tech-Rettung spielen: Wärmekissen-Timer, Erinnerungen zum Aufstehen, Lieferdienste einstellen, Notfallkontakte am Handy sichtbar machen.
- Und ganz wichtig: Wer hilft, sollte klar wissen, was okay ist und was nicht – keine Heldentaten, kein „komm, ich zieh dich mal am Arm hoch“.
Bruno würde das so formulieren: „Wenn die Lende meutert, braucht’s eine Crew. Allein segelt man da höchstens gegen die Wand.“
Checkliste (zum Kopieren)
☐ Wärme nutzen (Wärmflasche/Kirschkernkissen), aber nicht verbrühen ☐ Nicht stundenlang komplett liegen: lieber kurz liegen + sanft bewegen ☐ Position entlasten: Kissen unter Knie (Rückenlage) oder Kissen zwischen Knie (Seitenlage) ☐ Keine ruckartigen Bewegungen, kein schweres Heben, kein „Ich beweis mir was“ ☐ Kurze, vorsichtige Wege in der Wohnung (alle 1–2 Stunden ein paar Schritte, wenn möglich) ☐ Schmerzmittel nur wie üblich/verträglich und nach Packungsbeilage (bei Unsicherheit abklären) ☐ Warnzeichen ernst nehmen: Taubheit, Lähmungsgefühl, starke Ausstrahlung, Fieber, Probleme mit Blase/Darm → sofort abklären ☐ Unterstützung organisieren (Helga/Partnerin/Freundin) für Haushalt & Anziehen ☐ Familien-Dreieck nutzen: Kind/Enkel um Einkauf, Lieferdienst, Termin-Orga oder Technik-Hilfe bitten ☐ Für morgen planen: „Was brauche ich griffbereit?“ (Wasser, Handy, Wärme, Medikamente, Fernbedienung – ja, wirklich)


