Kolumne · Brunos Kolumne Hexenschuss : Als mein Rücken plötzlich das Kommando übernahm
Ein falscher Dreh, ein stechender Schmerz und Bruno steht im Schlafzimmer wie festgeschraubt. Helga hilft, während er mühsam lernt, seinen Stolz für einen Tag abzustellen.
Inhalt
Der Morgen beginnt mit dem festen Vorsatz, im Abstellraum Ordnung zu schaffen. Ich schwinge die Beine aus dem Bett, drehe mich etwas zu schnell und spüre im unteren Rücken einen Schmerz, der jede weitere Planung beendet.
Ich bleibe stehen. Halb aufgerichtet, halb verdreht. Ein Mensch kann in wenigen Sekunden erstaunlich viel Würde verlieren.
„Helga“, sage ich vorsichtig.
Sie erscheint in der Tür. „Was ist?“
„Mein Rücken hat gekündigt.“
Vom Kapitän zum Standbild
Jede Bewegung zieht. Aufrichten geht nicht, Bücken erst recht nicht. Helga schlägt vor, ich solle mich langsam wieder setzen.
„Langsam kann ich“, sage ich. „Alles andere ist ohnehin nicht mehr im Angebot.“
Mit ihrer Hilfe schaffe ich es auf die Bettkante. Mein erster Gedanke gilt dem Abstellraum. Mein zweiter dem Frühstück. Der dritte ist vernünftiger: Vielleicht sollte ich heute nichts beweisen.
Starke Rückenschmerzen werden umgangssprachlich oft Hexenschuss genannt. Was genau dahintersteckt, kann man selbst nicht sicher feststellen. Meist sind akute Kreuzschmerzen zwar harmlos, aber nicht jeder heftige Schmerz gehört einfach ausgesessen.
Hilfe beim ganz normalen Alltag
Im Bad zeigt sich, wie viele Bewegungen sonst selbstverständlich sind. Socken anziehen, etwas vom Boden aufheben oder sich am Waschbecken vorbeidrehen werden plötzlich zu Aufgaben mit Vorbereitung.
Helga reicht mir, was unten liegt. Sie hilft, ohne mich wie einen hilflosen Menschen zu behandeln. Das ist eine Kunst.
„Ich könnte das allein“, behaupte ich.
„Bestimmt“, sagt sie. „Die Frage ist nur, ob wir beide den Nachmittag in der Notaufnahme verbringen möchten.“
Damit ist die Sache entschieden.
Weder Heldentat noch tagelange Bettruhe
Ich mache es mir zunächst mit Wärme bequem. Was angenehm ist, kann von Mensch zu Mensch verschieden sein. Nach einer Weile versuche ich ein paar vorsichtige Schritte in der Wohnung.
Bei gewöhnlichen akuten Kreuzschmerzen ist es meist sinnvoll, im Rahmen des Möglichen im Alltag aktiv zu bleiben, statt sich tagelang gar nicht zu bewegen. Das bedeutet nicht, den Schmerz wegzutrainieren oder schwere Dinge zu heben.
Welche Bewegung passt und ob Schmerzmittel infrage kommen, sollte bei Unsicherheit ärztlich oder in der Apotheke geklärt werden. Gerade wer andere Medikamente nimmt oder Vorerkrankungen hat, sollte nicht einfach zu irgendeiner Tablette greifen.
Die Warnzeichen muss man kennen
Am Nachmittag wird der Schmerz etwas erträglicher. Trotzdem frage ich mich, wann aus einem Hexenschuss etwas Dringendes wird.
Neue deutliche Lähmungen, Taubheitsgefühle im Gesäß- oder Genitalbereich oder Probleme, Blase und Darm zu kontrollieren, müssen sofort medizinisch abgeklärt werden. Auch nach einem Unfall, bei sehr starken oder rasch zunehmenden Beschwerden sowie bei weiteren auffälligen Krankheitszeichen ist ärztlicher Rat wichtig. In einem medizinischen Notfall gilt die 112.
Wenn solche Warnzeichen fehlen, aber die Schmerzen anhalten oder große Sorge machen, ist die hausärztliche Praxis eine gute Anlaufstelle. Außerhalb der Sprechzeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 weiter.
Ein Tag ohne Beweise
Am Abend stehe ich noch immer etwas schief, kann mich aber besser bewegen. Helga hat eingekauft, Dinge aufgehoben und ungefähr zwölfmal verhindert, dass ich aus falschem Ehrgeiz Unsinn mache.
„Ich habe das ganz gut geschafft“, sage ich.
„Ja“, antwortet sie. „Ich habe nur alles übernommen, was du nicht geschafft hast.“
Der Abstellraum wartet weiter. Das ist vermutlich seine größte Stärke.
Mein Rücken hat mir an diesem Tag keine tiefere Lebensweisheit geschenkt. Nur eine einfache: Hilfe anzunehmen ist leichter, als später erklären zu müssen, warum man trotz Schmerzen noch eine Kiste getragen hat.
Manchmal lautet das vernünftigste Kommando tatsächlich: Maschine langsam.


