Kolumne · brunos meckerkiste Hallenbad-Hölle um 18 Uhr
Drei Schulbahnen gesperrt, zwei Reststreifen für alle: Slalom, Steh-Talk und Olympia-Eitelkeit – ein wütender Abendbericht mit Vorschlägen, wie’s fairer ginge.
Hallenbad-Hölle um 18 Uhr
Primetime im Hallenbad. Draußen Feierabend, drinnen Ausnahmezustand. Wer um 18 Uhr seine paar Bahnen ziehen will, bekommt ein Live-Experiment in angewandter Chaosforschung: drei perfekt abgesperrte Lehrertraum-Bahnen für den Schulunterricht – leer wie ein Parkplatz am Sonntag – und zwei schmale Reststreifen für den ganzen Rest der Republik. Danke für nichts.
Auf Bahn 1 walzen die Schreibtisch-Hengste im Carbon-High-Tech-Jammeranzug durchs Wasser, als ginge’s morgen nach Paris – natürlich mit Ellenbogenbreite plus Ideallinie, bitte weichen Sie aus, Sie sind ja eindeutig langsamer, weil Sie atmen. Jeder Zug eine Kampfansage, jeder Blick: „Bist du überhaupt lizensiert für dieses Becken, Zivilist?“
Auf Bahn 2 findet der Kaffeeklatsch-Triathlon statt. Zwei Personen stehen im Wasser – stehen – und führen ein Gespräch, dessen Länge nur von der Verdunstung begrenzt wird. Zwischendrin kreuzt eine Diagonal-Schwimmende den Kurs wie ein Segelboot ohne Ruder: Bug quer, Heck quer, Sinn quer. Man wartet geduldig, bis die Konferenz beschließt, welchen Winkel das Universum heute hat. Die Antwort lautet: schräg.
Zwischen all dem wirbeln die Regel-Freestyler: Flossen, Paddles, Pull-Buoy, aber die Badeordnung nur als Sage vom Hörensagen. Rechts? Links? Überholen? Abstand? Ach, das ist doch Theorie – hier ist Praxis, Baby. Und die Praxis hat Vorfahrt. Wer freundlich „Achtung“ ruft, bekommt als Antwort eine Fontäne ins Gesicht und den Eindruck, man habe gerade eine Choreografie sabotiert, die seit 1987 geprobt wird.
Die Krönung: drei gesperrte Bahnen für den Unterricht – in Worten: drei – zur Rushhour. Pädagogisch sicher sinnvoll, organisatorisch ein Kunststück: Man stellt mitten in die Hauptverkehrszeit eine Baustelle und wundert sich über den Stau. Das ist wie Brötchenverkauf um sieben – aber nur an Leute mit Jahresabo und Lateinumschlag.
Die inoffizielle Hausordnung (böse, aber fair)
- Schrägschwimmen bleibt Kunst am Bau. Wer quer schwimmt, wird gebeten, wenigstens den Winkel konstant zu halten. 45°? Gern. Aber bitte nicht 12°, 73°, 180° in einem Zug.
- Steh-Talk = Steh-Zone. Plaudern ist super. Nur nicht mitten auf der Ideallinie. Für Gespräche gibt’s den Nichtschwimmer-Sektor oder – revolutionär – die Café-Ecke draußen.
- Olympia-Training vor Sonnenaufgang. Wer Splits stoppen muss, soll das tun – um 5:30 Uhr. Abends ist Bürgerverkehr. Teilen lernen gehört zur Grundlagenausdauer.
- Überholen mit Gehirn. Anklingeln (ja, akustisch), Schulterblick (ja, visuell), dann zügig vorbei. Kein Dauer-Parallel-Schwimmen wie zwei LKW auf der A3.
- Gerade Linien sind keine Ideologie. Sie sind Physik. Wer rechts schwimmt, erzeugt Frieden. Wer zentriert schwimmt, erzeugt Feindseligkeit.
- Ausrüstung ≠ Adelsstand. Flossen, Paddles, Pull-Buoy? Schön. Trotzdem gelten die gleichen Regeln. Hardware ersetzt kein Benehmen.
- Sperrzeiten mit Augenmaß. Unterricht ja, aber bitte nicht drei Bahnen in der Rushhour. Eine feste Schulbahn reicht – zwei nur, wenn wirklich voll. Der Rest: Öffentlichkeit.
Vorschlag zur Rettung (damit alle wenigstens ein bisschen Spaß haben)
- Dynamische Bahn-Schilder: „Schildkröte“, „Delfin“, „Walhai“. Tempo nach Tier, nicht nach Ego.
- Talk-Bucht: Abgesteckte Ecke zum Stehen & Quatschen – legalisiert, geliebt, aus dem Weg.
- „Fast Lane“-Fenster: 17:00–17:45 und 19:00–19:45 je eine Bahn für Zügige, dazwischen Mischverkehr.
- Bademeister-Ansage wie im ÖPNV: Alle 30 Minuten ein freundliches „Bitte rechts schwimmen, Überholen am Wendepunkt, Gespräche in der Steh-Zone“. Man glaubt nicht, was Lautsprecher bewirken.
Schluss mit Schäumen
Ja, Hallenbad ist Gemeinschaftsraum. Aber Gemeinschaft ohne Regeln ist nur Schaumbad – viel Blub, wenig Strecke. Wer schwimmen will, soll schwimmen können. Wer reden will, soll reden dürfen. Wer trainieren will, darf trainieren – alle dürfen, niemand dominiert. So einfach. So schwer.
Bis dahin: Ich ziehe weiter meine Slalom-Bahnen durch den Abendstau. Mit Humor, mit Augenrollen – und mit der leisen Hoffnung, dass eines Tages ein Wunder geschieht: zwei Striche Kreide, rechts halten, alle lächeln. Ende der Durchsage.


