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Kolumne · brunos meckerkiste

Glühwein 2025 : Straßenjauche im Festtagsmantel

Früher war Glühwein ein Versprechen. Heute ist er oft nur warm gemachte Industrie-Laune im Tetra-Pack. Bruno platzt der Kragen.

Ich sag’s jetzt, wie’s ist, bevor wieder irgendeiner mit „ach komm, stell dich nicht so an“ angetrabt kommt wie eine beleidigte Adventskerze: Der Glühwein von heute ist in weiten Teilen kein Getränk mehr – das ist ein warmes Alibi. Ein flüssiger Vorwand, damit man sich für acht Euro die Finger am Pappbecher verbrennen darf, während im Hintergrund „Last Christmas“ läuft und jemand so tut, als sei das Romantik und nicht akustische Erpressung.

Früher, da war Glühwein ein Versprechen. Da hast du den Becher in der Hand gehabt und wusstest: Gleich wird’s innen drin ruhig. Nicht betäubt, nicht zugeschmiert – ruhig. Da kam Wein, Gewürz, Wärme. Da war eine Idee dahinter. Heute kommt da vor allem: Industrieplatte. Und zwar in sämtlichen Darreichungsformen, die der moderne Mensch sich ausgedacht hat, um Geschmack zu vermeiden.

Im Supermarkt steht das Zeug rum wie Motoröl für Gemütlichkeit. Flasche, Tetra Pak, „Winterzauber“, „Kamintraum“, „Feuerabend Deluxe“ – lauter Namen, als würde gleich ein Elch mit einem Sommelier-Orden um den Hals aus dem Regal springen und dir Glück wünschen. Und drin? Drin ist meistens irgendwas, das schmeckt, als hätte man rote Limonade mit Zimtparfüm und Restwein vom Vorjahr verheiratet. Auf dem Etikett steht „mit ausgewählten Gewürzen“. Ja, ausgewählt von wem? Von einer Excel-Tabelle?

Und dann die Weihnachtsmärkte! Da wird man ja mittlerweile behandelt wie ein tragender Geldbeutel mit Mütze. „Glühwein?“ – zack, acht Euro. Pfand? Natürlich. Und der Inhalt kommt nicht mehr aus einem Topf, der liebevoll vor sich hin atmet, sondern aus einem IBC-Container. Für alle, die’s nicht wissen: Das ist dieses Würfelmonster aus Plastik in Metallkäfig. Da lagerst du normalerweise Flüssigkeiten, bei denen du hinterher ein Warnschild brauchst. Und wir trinken das jetzt als Adventstradition. Herzlichen Glückwunsch, Menschheit: Wir haben den Zauber der Weihnacht in einen Baustellenbehälter umgezogen.

Und der Geschmack? Der Geschmack ist die ganz große Frechheit. Das Zeug ist entweder:

  1. so süß, dass dir die Zähne beim Trinken einen Mietvertrag kündigen,
  2. so „gewürzt“, dass Zimt und Nelke wie eine Schlägerei im Rachen veranstalten, oder 3) so dünn, dass du dich fragst, ob da überhaupt Wein in der Nähe war oder nur ein Foto davon.

Da fehlt die Tiefe. Da fehlt die Kante. Da fehlt das, was Wein eigentlich ausmacht. Stattdessen kriegst du Einheitsbrühe: warm, klebrig, laut. Wie Straßenjauche – nur mit Weihnachtsmusik. Du nimmst einen Schluck und dein Körper sagt nicht „Ah, schön“, sondern „Was war das denn?“. Und dann stehst du da, lächelst tapfer, weil alle anderen auch so tun, als wäre das normal. Das ist doch die nächste Seuche: Diese kollektive Advents-Lüge. Alle wissen, es schmeckt nicht. Aber keiner sagt’s laut, weil man ja „die Stimmung“ nicht kaputtmachen will.

Welche Stimmung denn?! Die Stimmung ist doch schon kaputt, wenn der Glühwein nach Aromakarton und Zuckerwatte schmeckt und sich der Becher anfühlt, als würde er gleich durchweichen wie das Vertrauen in die Qualitätskontrolle.

Und ich sag’s euch auch, warum das so ist: Weil’s billig sein muss. Weil’s schnell gehen muss. Weil’s „skalierbar“ sein muss. Das ist das Unwort der Weihnachtszeit: skalierbar. Wenn man Glühwein skalieren muss, dann ist man nicht mehr beim Glühwein, dann ist man beim Heißgetränk-Management. Da geht’s nicht um Genuss, da geht’s um Durchsatz. Und wenn’s um Durchsatz geht, dann geht’s nie um Liebe. Dann geht’s um: Wie kriegen wir möglichst viele Becher raus, ohne dass jemand merkt, dass das Zeug schmeckt wie aufgekochte Enttäuschung.

Und dann kommen sie mit „Weißer Glühwein“, „Blueberry-Mulled-Wonder“, „Winter-Spritz“ und was weiß ich. Ja, klar. Wenn’s nicht schmeckt, machst du halt einen neuen Namen drauf. Das ist wie bei schlechten Nachbarn: Du kannst die auch umbenennen, sie bleiben trotzdem laut. Der Kern ist derselbe: Du trinkst etwas Warmes, das dir vorgaukeln soll, es sei gemütlich – und in Wahrheit ist es nur süßer Nebel.

Weißt du, was mir dabei am meisten auf die Nerven geht? Dass es uns verkauft wird, als wäre es Tradition. Dabei ist Tradition nicht „immer gleich schlecht“. Tradition ist Handwerk. Verhältnis. Geduld. Ein guter Wein, der nicht beleidigt ist, wenn man ihn erhitzt. Gewürze, die man erkennt, aber die einen nicht erschlagen. Orange, Zitrone, Zimtstange, Nelke – ja, aber mit Verstand. Und nicht mit der Schaufel.

Man müsste eigentlich auf jedem Weihnachtsmarkt einen kleinen Warnhinweis anbringen: „Kann Spuren von Wein enthalten.“ Und darunter: „Bitte erwarten Sie keine Freude.“

Ich hab mir vorgenommen, dieses Jahr konsequent zu sein. Wenn ich irgendwo Glühwein trinke und der schmeckt wie flüssige Adventskrankschreibung, dann sag ich’s. Freundlich, aber bestimmt. Nicht als Angriff auf die Person am Stand – die kann ja auch nichts dafür, dass sie nur den Hahn am Container bedient – sondern als Protest gegen diese kollektive Geschmacksverwahrlosung.

Denn Glühwein ist nicht irgendein Getränk. Glühwein ist Winter. Glühwein ist das kleine Feuer im Bauch, wenn draußen alles grau ist. Glühwein ist das „Komm, wir bleiben noch zehn Minuten“, obwohl man eigentlich schon heim wollte. Und wenn man dieses Gefühl kaputtkocht und in Tetra Pak füllt, dann ist das keine Modernisierung. Das ist ein Kulturverbrechen im Wollschal.

Und jetzt kommt der versöhnliche Satz, bevor wieder einer sagt, ich sei nur am Meckern: Beim Glühweinfest hinter Biggis Büdche gab’s ihn noch – einen richtig hausgemachten Glühwein, mit gutem Wein, ordentlichen Zutaten und einem Verhältnis, das nicht nach Fabrik, sondern nach Herz schmeckte.

„Meckern ist keine Laune – meckern ist Wartung.“