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Kolumne · Brunos Kolumne

Glitzer am Freitag : Helga, die Jeans und die Frage „Geht das?“

Helga ist 70, steht im Flur in einer engen Glitzer-Jeans und fragt: „Geht das?“ Während sie flott in die Stadt tippelt, sitzt Bruno zwischen alten Fotos und merkt, dass Attraktivität weniger mit Jahren als mit Mut zu tun hat.

Inhalt

  1. „Ich fahr in die Stadt. Ich brauch Stiefeletten.“
  2. „Na?“, fragt sie, dreht sich leicht zur Seite. „Geht das?“
  3. „Flott, oder?“
  4. „Bruno?“, ruft es aus dem Flur. „Kommst du mit?“

Freitag ist ein eigenartiger Tag. Er trägt immer noch ein bisschen dieses Gefühl von „Landgang“ in sich, obwohl hier weit und breit kein Meer ist. Früher hieß Freitag: letzter Kontrollgang, letzter Eintrag ins Bordbuch, dann runter von der Brücke, rein ins Leben. Heute heißt Freitag: Helga steht im Flur, stemmt die Hände in die Hüften und sagt:

„Ich fahr in die Stadt. Ich brauch Stiefeletten.“

Es ist faszinierend, wie harmlos dieser Satz klingt, wenn man ihn nur liest. In der Küche aber steht er mitten im Raum wie eine Nebelrakete. Stiefeletten – das ist nicht einfach Schuhwerk. Das ist ein Vorhaben. Eine Mission. Und meistens eine, die mich Geld kostet.

Ich sitze am Tisch, die Kaffeetasse in der Hand, und tue, was alte Seebären an Land so tun: Ich beobachte. Erst den Dampf über dem Kaffee. Dann die Tür zum Schlafzimmer. Helga ist da eben hineingerauscht wie ein kleiner Wirbelsturm, und wenn sie so im Schrank wühlt, kommt sie selten in der gleichen Version wieder heraus, in der sie hineingegangen ist.

Dieses Mal tritt sie auf, als hätte jemand „Bühne frei“ gerufen. Enge Jeans. So eng, dass ich kurz überlege, ob ich ihr beim Atmen helfen muss. An den Seiten kleine Sternchen-Nieten, die im Flurlicht glitzern. Und über das Ganze ein Hauch Glitzer, als hätte eine Sternschnuppe beschlossen, bei uns einzuziehen.

Helga ist siebzig. Die Jeans weiß das offensichtlich nicht.

„Na?“, fragt sie, dreht sich leicht zur Seite. „Geht das?“

Ich schaue sie an. Nicht flüchtig. Richtig. So, wie man ein altes, vertrautes Bild plötzlich neu betrachtet. Die Linien im Gesicht kenne ich. Die Art, wie sie die Hand in die Hüfte stemmt, auch. Das Selbstbewusstsein, das in dieser Frage mitschwingt, sowieso. Aber diese Hose – die ist neu.

„Kommt drauf an, wohin“, sage ich nach einem Moment. „Für eine Vorstandssitzung beim Kirchenchor ist es mutig. Für die Stadt am Freitag…“ Ich zucke mit den Schultern. „Warum nicht.“

Sie schaut mich prüfend an, als sei ich jetzt das Modegericht erster Instanz. Dann lachen ihre Augen.

„Flott, oder?“

„Flott“, sage ich. „Wenn du noch flotter wirst, müssen wir im Treppenhaus Tempo-30-Schilder aufhängen.“

Sie lacht kurz, dreht sich noch einmal vor dem Spiegel, zupft den Pulli zurecht. Ich sehe, wie sie sich selbst mustert. Nicht eitel, eher suchend. Als würde sie sich fragen: Bin ich das? Bin ich es noch? Oder schon wieder?

Während sie im Flur nach der Handtasche kramt, wandert mein Blick ins Wohnzimmer. An der Wand hängen unsere Bilder – wie kleine Positionslichter im Rückspiegel des Lebens.

Helga vor dreißig Jahren: Jeans, aber weit, fast formlos. Pullover in einer jener Farben, bei der man nicht genau weiß, ob sie absichtlich so gewählt wurde oder einfach das war, was im Schrank ganz vorne lag.

Helga vor sechzig Jahren: Faltenrock, Bluse, ordentliche Frisur. Das brave Lächeln einer jungen Frau, die gelernt hat, wie man „sich schickt“, bevor sie gelernt hat, wie man sich selber gefällt.

Und jetzt steht im Flur eine Siebzigjährige in engen Jeans mit Sternchen-Nieten und einem Hauch Glitzer.

Dazwischen: ein ganzes Leben.

„Bruno?“, ruft es aus dem Flur. „Kommst du mit?“

Ich sehe auf meine bequemen Hausschuhe, auf den Kaffeerest, auf die Zeitung, die noch so tut, als wäre Politik wichtiger als Stiefeletten. Und ich merke, wie in mir zwei Kräfte kämpfen: die alte Gewohnheit, daheim zu bleiben und den Lehnstuhl zu verteidigen – und die Neugier auf diese Frau, die immer noch bereit ist, sich neu zu erfinden, obwohl andere in ihrem Alter schon längst im beige-farbenen Einheitslook aufgegeben haben.

„Ich bleib hier und bewache die Basis“, sage ich, ein bisschen feige, wenn ich ehrlich bin. „Irgendwer muss ja aufpassen, dass die Bilder an der Wand nicht weglaufen.“

„Feigling“, kommt es trocken zurück. Aber ohne Stachel. Eher mit einem Schmunzeln, das ich bis in die Küche hören kann. „Dann such schon mal einen Platz, wo wir das nächste Foto hinhängen. Mit Stiefeletten.“

Ich gehe ans Fenster, als sie die Treppe hinuntertippelt. Das Wort passt – sie „tippelt“. Leicht, flott, mit einem Schwung in der Hüfte, den man in ihrem Personalausweis nicht vermuten würde. Ich sehe zu, wie sie die Straße entlanggeht, der Mantel schwingt, unten blitzt der Jeansstoff hervor, und wenn die Sonne kurz durch die Wolken kommt, glitzern irgendwo da an den Beinen ein paar Sterne.

Es ist ein leiser, unspektakulärer Moment. Kein Feuerwerk, kein großer Abschied, nur ein Freitag. Und doch hängt etwas in der Luft, das ich früher nie wahrgenommen hätte: Dankbarkeit.

Dankbarkeit dafür, dass sie noch so laufen kann. Dass sie noch Lust hat, sich umzuziehen, zu probieren, zu überlegen, ob etwas „geht“. Dass wir nicht in diesem grauen Zustand gelandet sind, in dem man morgens aufsteht, irgendetwas Übergeworfenes anzieht und das Thema „Ich“ innerlich abgehakt hat.

Ich drehe mich wieder zur Wohnzimmerwand. Die jungen Gesichter auf den Fotos schauen auf mich herab – Helga mit Faltenrock, Helga mit weitem Pulli, Helga mit anderer Frisur, anderen Schultern, anderer Körperhaltung.

Damals, denke ich, hat sie sich vielleicht gefragt, ob der Rock zu kurz ist. Später, ob die Jeans zu eng ist. Und heute, ob der Glitzer „noch geht“.

Vielleicht ist das Altern am Ende gar nicht so sehr eine Frage von Falten und Knochen, sondern von diesen inneren Fragen: Trau ich mich noch? Erlaub ich mir das?

Ich bin siebzig plus. Ich könnte auch im bequemen Hosenanzug der Gewohnheit herumsitzen. Nichts wagen, nichts probieren, niemanden mehr überraschen. Stattdessen sitze ich hier und bin zum dritten Mal in meinem Leben erstaunt, wie dieselbe Frau mich in völlig unterschiedlichen Outfits aus der Fassung bringen kann.

Ich merke, wie ich lächele. Nicht nur so von außen, sondern richtig, von innen her.

Helga ist attraktiv. Dieser Satz kommt zuerst scheu, als müsste er sich an das neue Wort „siebzig“ gewöhnen. Dann setzt er sich hin und macht es sich gemütlich in meinem Kopf.

Nicht „attraktiv für ihr Alter“. Dieser kleine Zusatz, den man manchmal hört, wenn Leute höflich sein wollen, ohne ehrlich zu sein, fällt heute unter den Tisch.

Sie ist attraktiv. Punkt.

Vielleicht liegt es an der Jeans. Vielleicht an den Sternchen. Vielleicht aber auch daran, dass sie sich mit siebzig noch traut zu fragen: „Geht das?“ – und im Zweifelsfall lieber der eigenen Freude zuhört als irgendwelchen stillen Regeln.

Ich schaue noch einmal auf die Bilder an der Wand und stelle mir vor, wie das nächste aussehen könnte: Helga in ihren neuen Stiefeletten, in Glitzer-Jeans, mit diesem Blick, der sagt: „Na, mein Alter, kommst du mit oder bleibst du wieder im Hafen?“

Wahrscheinlich bleibe ich öfter im Hafen, als gut für mich wäre. Aber es tut gut zu wissen, dass neben mir jemand durch die Welt läuft, der noch Lust auf offene See hat – auch wenn sie dafür nur in die Stadt fährt und ein Paar Stiefeletten jagt.

Freitag ist ein eigenartiger Tag. Manchmal beginnt er damit, dass man glaubt, nichts Besonderes werde passieren. Und am Ende sitzt man da, blickt an die Wand, denkt über Jeans und Glitzer und vergangene Jahrzehnte nach – und merkt plötzlich:

Das Schönste an all den Bildern ist, dass die Geschichte noch nicht fertig ist.