Kolumne · Brunos Kolumne Glitzer am Freitag : Helga, die Jeans und die Frage „Geht das?“
Helga steht mit siebzig in einer Glitzer-Jeans im Flur und fragt: „Geht das?“ Bruno merkt, dass Attraktivität weniger mit Jahren als mit Lebensfreude zu tun hat.
Inhalt
Freitag hat für mich noch immer etwas von Landgang. Die Woche lässt die Schultern sinken, der Kaffee schmeckt ein wenig besser, und Helga bekommt Lust auf die Stadt.
An diesem Freitag verschwindet sie im Schlafzimmer und ruft: „Ich brauche Stiefeletten.“ Das klingt harmlos. Bei Helga ist es jedoch meist der Beginn eines Vorhabens.
Wenig später steht sie im Flur. Enge Jeans, kleine glänzende Sterne an den Seiten und ein Hauch Glitzer im Stoff. Sie stemmt eine Hand in die Hüfte und fragt: „Geht das?“
Die Jeans kennt ihr Alter nicht
Helga ist siebzig. Die Jeans scheint davon nichts zu wissen.
Ich schaue nicht nur auf die Hose. Ich sehe die Frau darin. Ihre vertraute Haltung, das prüfende Lächeln und ein wenig Unsicherheit in den Augen. Diese Frage bedeutet nicht nur: Passt das Kleidungsstück? Sie bedeutet auch: Darf ich mich so noch zeigen?
„Für eine Sitzung des Kirchenchors wäre es mutig“, sage ich. „Für einen Freitag in der Stadt genau richtig.“
Sie dreht sich vor dem Spiegel. „Flott, oder?“
„Sehr flott. Im Treppenhaus brauchen wir bald eine Geschwindigkeitsbegrenzung.“
Da lacht sie. Und in diesem Moment ist jede Zahl aus dem Personalausweis unwichtig.
Die alten Bilder an der Wand
Während Helga ihre Tasche sucht, sehe ich ins Wohnzimmer. Dort hängen Fotos aus mehreren Jahrzehnten.
Auf einem trägt sie einen Faltenrock und eine ordentliche Bluse. Eine junge Frau, die früh gelernt hatte, was sich gehört. Auf einem späteren Bild steckt sie in weiter Jeans und einem Pullover, der vor allem praktisch sein wollte. Nun steht dieselbe Frau im Flur und lässt kleine Sterne an ihren Beinen funkeln.
Dazwischen liegt ein ganzes Leben. Arbeit, Familie, Sorgen, schöne Reisen und Tage, an denen niemand ein Foto gemacht hat.
Vielleicht sehen wir vertraute Menschen deshalb manchmal nicht mehr richtig. Wir kennen ihr Gesicht so gut, dass wir vergessen hinzuschauen. An diesem Freitag sehe ich Helga neu.
„Kommst du mit?“
Sie fragt, ob ich sie in die Stadt begleite. Mein Blick fällt auf die Hausschuhe, die Zeitung und den bequemen Stuhl. In mir kämpfen Neugier und Gewohnheit. Die Gewohnheit gewinnt knapp.
„Ich bewache die Basis“, sage ich.
„Feigling“, antwortet sie, aber ohne Schärfe. „Dann such schon mal einen Platz für das nächste Foto.“
Kurz darauf sehe ich sie vom Fenster aus die Straße entlanggehen. Der Mantel schwingt, darunter blitzt die Jeans hervor. Sie läuft nicht wie eine Frau, die beweisen will, dass sie jung geblieben ist. Sie läuft wie eine Frau, die sich heute gefällt.
Das ist ein großer Unterschied.
Nicht „für ihr Alter“
Wir sagen manchmal: „Sie sieht gut aus für ihr Alter.“ Das soll ein Kompliment sein. Tatsächlich hängt daran ein kleiner Haken. Als wäre gutes Aussehen ab einer bestimmten Zahl nur noch eine erfreuliche Ausnahme.
Helga ist attraktiv. Nicht für siebzig. Nicht trotz ihrer Falten. Sie ist attraktiv, weil sie lebendig ist, weil sie sich etwas traut und weil ihre Freude im Flur heller leuchtet als der Glitzerstoff.
Natürlich verändert sich der Körper. Kleidung sitzt anders als früher. Manche Schuhe sind nicht mehr bequem, und nicht jede Mode passt zu jedem Menschen. Das war mit dreißig allerdings auch schon so.
Entscheidend ist nicht, ob etwas angeblich „altersgerecht“ ist. Entscheidend ist, ob man sich darin wohlfühlt und sicher bewegen kann.
Freude braucht keine Erlaubnis
Viele Menschen werden im Alter vorsichtiger mit sich selbst. Sie wählen unauffällige Farben, obwohl sie Rot lieben. Sie verzichten auf Schmuck, weil er ihnen plötzlich zu viel erscheint. Niemand hat es verboten. Die Grenze ist still im eigenen Kopf entstanden.
Helga hat an diesem Freitag eine kleine Grenze verschoben. Nicht für andere, sondern für sich. Sie hat gefragt: „Geht das?“ Und eigentlich kannte sie die Antwort schon.
Später kommt sie mit neuen Stiefeletten nach Hause. Sie stellt sich wieder in den Flur und dreht eine kleine Runde. Ich muss zugeben: Das Gesamtbild stimmt.
Beim nächsten Stadtgang komme ich mit. Nicht weil Helga einen Begleiter braucht. Sondern weil ich nicht wieder am Fenster stehen möchte, während die Lebensfreude ohne mich losläuft.


