Kolumne · Brunos Meckerkiste Gier zum Frühstück – knusprig, fettig, ungenießbar
Beim Kaffee denkt Bruno über das ständige Mehr nach. Zwischen Sonderangeboten und neuen Geräten entdeckt er ein seltenes, aber wohltuendes Wort: genug.
Inhalt
Ein bitterer Gedanke zum Kaffee
Es ist kurz vor acht. Vor mir stehen Brötchen, Butter und Marmelade. Helga blättert in einem Prospekt, als stimme sie ein Papierorchester. Überall steht „mehr“: mehr Rabatt, mehr Ausstattung, mehr Leistung. Nur mein Küchenschrank ruft leise: Bitte nicht noch mehr.
Gier kommt selten mit einem großen Schild. Sie flüstert, dass andere mehr besitzen und wir etwas verpassen könnten. Dabei haben viele von uns längst genug Dinge. Was fehlt, ist eher Zeit, sie zu benutzen.
Gönnen ist nicht dasselbe
Man soll sich etwas gönnen dürfen. Ein gutes Essen, ein Ausflug oder ein schöner Gegenstand können Freude machen. Der Unterschied liegt im Maß. Gönnen sagt: Das tut mir gut. Gier sagt: Noch eins, bevor jemand anderes es hat.
Helga zeigt auf eine Kaffeemaschine mit 14 Programmen. Unsere alte hat einen Knopf und kocht seit Jahren Kaffee. Dreizehn zusätzliche Programme würden vermutlich vor allem Staub sammeln. Wir lachen und blättern weiter.
Die Angst vor dem Zu-wenig
Viele Käufe entstehen nicht aus Freude, sondern aus Unruhe. Ein Angebot läuft ab, ein Modell wird ersetzt, ein Vorrat könnte knapp werden. Diese Botschaften setzen uns unter Druck. Wer müde oder besorgt ist, greift leichter zu.
Darum hilft eine Pause. Ich schreibe einen Wunsch auf und warte ein paar Tage. Ist er dann noch wichtig, denke ich weiter darüber nach. Oft hat sich der vermeintliche Notfall in Luft aufgelöst.
Genug kann sehr reich sein
Ein reparierter Stuhl, ein getragenes Kleidungsstück und ein einfaches Frühstück wirken neben Hochglanzwerbung bescheiden. Doch sie geben etwas zurück: Verlässlichkeit. Was lange bei uns bleibt, erzählt eine Geschichte und muss nicht ständig ersetzt werden.
Auch Teilen kann reicher machen. Nicht jedes Werkzeug muss in jedem Keller liegen. Manches kann man ausleihen, weitergeben oder gemeinsam benutzen. Besitz verliert dadurch nichts, aber der Schrank gewinnt Luft.
Hausverbot für die Gier
Helga legt den Prospekt weg. Wir trinken unseren Kaffee und hören für einen Moment nur den Löffel am Tassenrand. Nichts blinkt, nichts drängt, nichts verlangt ein Passwort.
Ich erkläre den Küchentisch zur gierfreien Zone. Hier darf man genießen, wünschen und sogar Geld ausgeben. Aber das Wort „genug“ bekommt einen festen Stuhl. Es ist kein Zeichen von Verzicht. Manchmal ist es das angenehmste Gefühl, das man sich leisten kann.


