Kolumne · brunos meckerkiste Gier zum Frühstück – knusprig, fettig, ungenießbar
Bruno sitzt am Küchentisch, rührt im Kaffee und merkt: Nicht der Zucker macht bitter, sondern die Gier. Eine sarkastische Morgenandacht über Habgier, Hamsterkäufe und das große „Mehr!“, das am Ende alle ärmer macht.
Gier ist wie altes Frittierfett: Sie macht alles, was man hineinwirft, ranzig. Wer nur „mehr“ will, verliert Maß, Menschen und manchmal den Verstand. Heilmittel: Genügsamkeit, Humor, klare Grenzen – und ein guter Kaffee.
Ich sitze also da, 07:42 Uhr, die Welt schläft noch, nur mein Magen knurrt und Helga raschelt jenseits des Türrahmens mit Zeitungsbeilagen, als wolle sie ein Orchester aus Prospekt-Geigen stimmen. Vor mir: ein Brötchen, eine Butter, Marmelade, die aussieht wie der Sonnenuntergang meiner Jugend – und schmeckt wie das Ende jeder Diät. Ich rühre im Kaffee, und jeder Kreis im Tassenrand sieht aus wie eine Grafikkarte der Menschheit: Spirale nach unten. Thema des Tages: Gier. Habgier. Das doppelte G, das so satt klingt und so leer macht.
Die Gier spricht gern durch den Hals – und der Hals sagt: „Mehr!“ Mehr Klicks, mehr Deckenlampen, mehr Kontostände, mehr Rabatt, der keiner ist. Helga ruft aus der Küche: „Bruno, 30 Prozent auf alles, sogar auf –“ „– Tiere,“ brumme ich, „und wahrscheinlich auf Moral.“ Sie lacht, aber ihre Hand greift schon nach der Schere, denn wer Coupons schneidet, glaubt an die Zukunft. Ich dagegen glaube an den Kaffee. Der lügt wenigstens nicht.
Der Nachbar parkt derweil seinen SUV so nahe an meinen Tulpen, dass die Zwiebeln Trennungsängste kriegen. „Ist Leasing“, sagt er stolz, als hätte er die Alpen persönlich auf Raten gekauft. Leasing ist die kleine Schwester der Gier: Sie trägt saubere Schuhe, hinterlässt aber dieselben Fußspuren. Gestern trug der Mann noch den ökologischen Poncho, heute trägt er 2,5 Tonnen Karosserie, um sechs Packungen Quark zu bewegen. Effizienz ist, wenn man bei Rot auf die Bremse tritt und bei Grün aufs Gewissen.
Gier hat einen Geruch. Nicht nur Geldscheingeruch, nein – eher wie dieser süßliche Ladenhauch zwischen Kerzenabteilung und Kassenband. Es riecht nach „Nimm zwei, zahl drei“, nach „Exklusiv nur heute“, nach „Letzte Chance, alle machen’s!“. Gier lebt von der Angst, zu wenig zu haben, und vom verdrehbaren Spiegel der Vergleiche. Die Gier ist die Tante, die immer flüstert: „Guck mal, was die haben.“ Und du, alter Esel, nickst, obwohl dein Keller seit 1999 eine komplette Notapotheke beherbergt, mit Verband, der so alt ist, dass er schon selber Hilfe braucht.
„Bruno,“ ruft Helga, „soll ich die neue Kaffeemaschine mal bestellen? 14 Programme, auch Latte-Schoko-Glück.“ Ich seufze. Ich kenne Geräte mit 14 Programmen. 13 davon heißen „Nie benutzt“, eins heißt „Kaputt“. Die Gier liebt Knöpfe. Die Vernunft liebt EINEN Schalter, der „Aus“ heißt und funktioniert.
Früher, sagt man, war die Gier nobel: Der Kaufmann sparte, die Hausfrau flickte, der Opa nagelte den Stuhl nach. Heute kaufen wir Stühle, die absichtlich wackeln, damit wir nächstes Jahr „Upgrade“ sagen können. Die Gier lässt Dinge nicht altern, sie lässt sie veralten. Das ist ein Unterschied wie zwischen Falten und faltenfreiem Filter – das eine erzählt Geschichten, das andere erzählt Werbung.
Ich streiche Butter, ich streiche Marmelade, ich streiche die Schlagzeile in der Zeitung mit dem Blick: „Rekordgewinne hier, Rekordpreise dort“. Alle scheinen sehr beschäftigt: die einen damit, Gewinne zu rechtfertigen, die anderen damit, Rechnungen zu stapeln. Dazwischen die Gier, die tanzt wie eine schlecht gestimmte Drehorgel: duddeldumm, duddeldumm, und keiner traut sich, den Stecker zu ziehen, weil wir gelernt haben, dass Stille unhöflich ist.
Die Enkel kommen später vorbei. Der Kleine fragt neuerdings beim Spazieren: „Opa, warum gibt’s Läden, in denen die Spielsachen lauter blinken als dein Blinker?“ – „Weil sie sonst nicht auffallen,“ sage ich, „und weil grelles Licht die Gier anlockt wie Mücken. Und wer geblendet ist, denkt nicht so viel.“ Er nickt wichtig und steckt sein Taschengeld zurück ins Schwein. Kluges Kind. Gier hat’s schwer bei Leuten, die noch zählen können und die wissen, dass haben nicht halten heißt.
„Man muss sich doch was gönnen,“ sagt Helga, und sie hat ja recht. Gönnen ist nicht Gier. Gönnen ist das Dessert nach einer Suppe. Gier ist Dessert mit Suppenkelle, morgens um acht. Gönnen kennt Pause, Gier kennt Pausenbrot. Gönnen kommt mit Lächeln, Gier mit Zollstock. Gönnen fragt: „Hast du Zeit, das zu genießen?“ Gier schreit: „Du verpasst was!“ – und wenn du hinterher atmest, merkst du: Verpasst hast du die Muße.
Ich schneide das Brötchen auf und denke an die Banken, die Gebühren wie Konfetti streuen; an Portale, die von „Premium-Mitgliedschaft“ träumen; an Energietarife, die so flexibel sind, dass nur die Preise beweglich bleiben. Habgier ist kein einzelner Schurke im schlechten Film. Sie ist der Flokati, der überall fusselt. Wenn man ihn einmal in der Bude hat, findet man die flauschigen Reste noch in der Zahnbürste.
„Kaufst du heute was, Bruno?“ fragt Helga und steckt den Kopf ins Zimmer, ein Prospekt wie ein Fächer in der Hand. Ich denke nach. Kaufen! – das Wort klingt plötzlich wie ein Husten. „Ja,“ sage ich schließlich, „ich kauf uns 20 Minuten Ruhe.“ Sie lacht. „Nicht lieferbar,“ sagt sie. „Aber vielleicht im Set mit Geduld – zwei Packungen zum Preis von dreien.“
Und so sitzen wir. Zwei Tassen, zwei Brötchen, zwei Menschen, die mal wenig hatten und heute genug haben, um zu sagen: „Es reicht.“ Es reicht, Gier. Du kriegst heute keinen Stuhl an unserem Tisch. Wir essen, wir erzählen, wir hören den Vögeln zu, die nichts besitzen außer Lunge und Lied – und trotzdem am reichsten klingen.
Ich lege das Messer hin wie eine Flagge und erkläre die Frühstückszone zur gierfreien Republik. Grenzen: von Marmelade bis Kaffeesatz. Zoll: Humor. Einfuhrbeschränkung: Alles, was blinkt, piept oder behauptet, mich in elf Schritten glücklich zu machen. Helga nickt, und in ihren Augen liegt dieses leise „Ja“, das mehr wert ist als jedes Treueprogramm.
Draußen knurrt der SUV, drinnen schnurrt die Kaffeemaschine (die alte, die nur einen Knopf hat). Und irgendwo zwischen Schluck zwei und drei denke ich: Vielleicht fängt das Genug nicht in der Geldbörse an, sondern im Takt des Löffels am Tassenrand. Kling, sagt der Löffel. Kling, sagt mein Herz. Kling, sagt die Vernunft. Dreimal „Kling“. Danach darf die Welt wieder reden. Aber ohne Gier. Heute hat sie Hausverbot.
Checkliste: Entgierung für Fortgeschrittene
☐ Heute etwas nicht kaufen und den Impuls bemerken ☐ Ein Ding reparieren, statt ersetzen (mit den Enkeln/Kids als Werkzeugmeister:innen) ☐ 20 Minuten Werbung frei: kein Prospekt, kein Shop-Scroll ☐ Eine Ausgabe bewusst gönnen – klein, ehrlich, genossen ☐ Eine „später“-Liste statt „sofort“-Kauf – in 7 Tagen nochmal prüfen ☐ Mit Kindern/Enkeln über Wünsche vs. Bedürfnisse sprechen (Familien-Dreieck!) ☐ Einen „Gier-Trigger“ entfernen: Newsletter abbestellen, App löschen ☐ Danke sagen für das, was schon da ist – laut, mit Kaffee in der Hand


