Kolumne · Brunos Kolumne

Ein Termin – und zack : Der ganze Tag liegt auf dem Rücken

Ein Termin dauert vielleicht nur eine Stunde. Im Kopf beginnt er aber oft schon am frühen Morgen. Warum das so ist und wie der Tag trotzdem nicht verloren geht.

Inhalt

  1. Wenn elf Uhr schon den ganzen Vormittag besetzt
  2. Ein Termin beginnt lange vor der Uhrzeit
  3. Zwei Uhrzeiten helfen mehr als eine
  4. Nach dem Heimkommen nicht gleich weitermüssen
  5. Hilfe ist keine Niederlage

Wenn elf Uhr schon den ganzen Vormittag besetzt

In amerikanischen Serien läuft ein Termin ganz nebenbei. In der Küche brutzelt das Frühstück, zwei Kinder reden gleichzeitig und jemand repariert noch schnell den Wasserhahn. Dann schaut einer auf die Uhr, greift nach dem Schlüssel und sagt: „Ich muss los.“ Zehn Sekunden später ist er aus der Tür.

Ich sehe solche Szenen und denke: Wie macht der das?

Bei mir steht im Kalender: 11 Uhr, Rathaus. Mehr nicht. Trotzdem ist der Vormittag plötzlich vergeben. Um acht Uhr denke ich: Jetzt bloß nichts Großes mehr anfangen. Um neun Uhr frage ich mich, ob alle Unterlagen in der Tasche sind. Um zehn Uhr bin ich innerlich schon unterwegs, obwohl ich noch am Küchentisch sitze.

Nach dem Termin komme ich nach Hause, stelle die Tasche ab und habe das Gefühl, der Tag sei gelaufen. Dabei ist es vielleicht erst halb eins.

Helga nennt das meinen „Termin-Nebel“. Ich nenne es gute Vorbereitung. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Ein Termin beginnt lange vor der Uhrzeit

Das Merkwürdige ist: Der Termin selbst macht oft gar nicht den größten Stress. Es sind die vielen kleinen Fragen drum herum.

Wo habe ich das Schreiben hingelegt? Brauche ich die Versichertenkarte? Wie lange dauert die Fahrt? Finde ich einen Parkplatz? Ist der Eingang dort, wo er beim letzten Mal war? Und was ist, wenn vor mir wieder jemand fährt, der mit seinem Auto offenbar einen Spaziergang macht?

All das arbeitet im Kopf, auch wenn man gerade nur Kaffee trinkt. Deshalb fällt es schwer, sich vorher noch auf etwas anderes einzulassen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun. Man möchte einfach nicht zu spät kommen, nichts vergessen und nicht in Hektik geraten.

Mit den Jahren wird man außerdem ehrlicher zu sich selbst. Früher bin ich fünf Minuten vor knapp losgefahren und habe behauptet, das sei sportlich. Heute weiß ich: Hetzen macht mich nicht schneller. Es macht mich nur nervös.

Zwei Uhrzeiten helfen mehr als eine

Mir hilft inzwischen ein kleiner Unterschied. Ich schreibe nicht nur den Termin auf, sondern auch zwei andere Zeiten: Wann bereite ich mich vor? Wann fahre ich los?

Bei einem Termin um elf könnte das so aussehen: Um Viertel nach zehn kommen Unterlagen, Brille und Schlüssel in die Tasche. Um zwanzig vor elf gehe ich aus dem Haus. Damit ist die Sache geklärt. Der Kopf muss nicht alle fünf Minuten nachfragen.

Was ich brauche, lege ich möglichst am Abend vorher bereit. Nicht immer, aber immer öfter. Eine feste Mappe für Termine ist dabei erstaunlich hilfreich. Darin liegen ein Stift, ein kleiner Notizblock und die Unterlagen, die mitmüssen. Das ist keine große Erfindung. Es erspart aber dieses wilde Suchen, bei dem am Ende die Brille im Kühlschrank liegt und niemand wissen will, wie sie dort hingekommen ist.

Bis zur Vorbereitungszeit mache ich nur Dinge, die ein klares Ende haben. Die Spülmaschine ausräumen. Den Müll runterbringen. Eine kleine Runde um den Block gehen. Für einen Kellerputz oder die Steuererklärung ist so ein Vormittag eher nicht geschaffen.

So bleibt der Termin zwar im Kalender, aber er sitzt nicht mehr wie ein ungebetener Gast mitten im Wohnzimmer.

Nach dem Heimkommen nicht gleich weitermüssen

Früher wollte ich nach einem Termin sofort wieder vernünftig sein. Jacke aus, Tasche abstellen und weiter im Programm. Das klappte ungefähr so gut, wie ein Schiff ohne Anlegen neu zu beladen.

Heute gönne ich mir erst eine kurze Pause. Ich trinke etwas, setze mich für ein paar Minuten hin und lasse den Termin innerlich zu Ende gehen. Wenn etwas Wichtiges besprochen wurde, schreibe ich einen Satz dazu auf. Dann ist es aus dem Kopf und steht dort, wo ich es wiederfinde.

Danach mache ich eine kleine, einfache Sache. Ich öffne die Post, lüfte die Wohnung oder räume die Tasse weg. Das klingt unspektakulär. Aber genau dadurch bekommt der Tag wieder einen Anfang.

Manche Menschen legen gern mehrere Termine auf einen Tag. Dann haben sie alles auf einmal erledigt. Andere brauchen nach einem Termin Ruhe und planen lieber nur einen. Beides ist in Ordnung. Man muss seinen Kalender nicht so führen, wie andere es für besonders tüchtig halten.

Hilfe ist keine Niederlage

Manche Termine werden leichter, wenn jemand mithilft. Ein Kind kann die Adresse aufs Handy schicken. Ein Enkel kann an die Abfahrtszeit erinnern. Bei einem schwer erreichbaren Ort kann man gemeinsam fahren.

Das ist keine Bevormundung und auch kein Zeichen, dass man etwas nicht mehr kann. Früher hat man einen schweren Schrank ebenfalls nicht allein die Treppe hochgetragen. Man hat jemanden gerufen, gemeinsam angefasst und hinterher einen Kaffee getrunken.

Warum sollte das bei einem anstrengenden Termin anders sein?

In Serien ist die Uhr nur ein Gegenstand an der Wand. Im echten Leben kann sie ziemlich laut werden. Aber sie muss nicht den ganzen Tag bestimmen.

Ein Termin bleibt ein Termin. Er ist kein Urteil über unsere Leistungsfähigkeit und kein Grund, den ganzen Tag abzuschreiben. Ein wenig Vorbereitung, ein realistischer Zeitplan und eine ruhige Pause danach reichen oft schon.

Und falls der Vormittag trotzdem einmal komplett im Termin-Nebel verschwindet? Dann ist das eben so. Auch ein halber Tag kann noch ein guter Tag werden.