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Kolumne · brunos meckerkiste

Drei Putenstreifen und ein Hochzeitskleid – Supermarkt, bist du noch zu retten?

Ich besuche einen Single-Kumpel, denke an Kaffee und Klönschnack – und lande in der Gourmet-Abteilung für Menschen mit zu viel Vertrauen in Plastik. Was mir da in die Hände fiel, war teuer, traurig und in Folie so stramm wie eine frisch gebügelte Beamtensocke. Zeit für eine ordentliche Meckerei.

Inhalt

  1. Landgang beim Single – und ich krieg Schnappatmung
  2. Das Dessert: die entblößte Banane
  3. Die große Show des Nichts
  4. Sind wir jetzt alle deppert?
  5. Helga funkt dazwischen
  6. Lagebild aus der Kombüse
  7. Warum das alles so gut klappt (für die anderen)
  8. Gegenmanöver (aus der alten Schule, aber goldrichtig)
  9. Familien-Dreieck an den Herd!
  10. Der Fall „geschälte Banane“, abschließend
  11. Fazit mit Tusch
  12. Checkliste: Brunos Anti-Plastikschalen-Protokoll (zum Abhaken)
  • Fertigfraß im Plastik: winzige Portion, großer Preis – Bequemlichkeitssteuer inklusive.
  • Exotische Namen kaschieren winzige Inhalte. „Fusion“, „Bowl“, „Superfood“ = Luft im Anzug.
  • Geschälte Bananen? Ökologischer Offenbarungseid mit Goldrand.
  • Lösung: Preis pro Kilo checken, Basics kochen, Verpackungszirkus meiden, Reste feiern, Familie/Enkel ins „Küchenkommando“ einbinden.

Landgang beim Single – und ich krieg Schnappatmung

Ich komme rein, mein Bekannter kommt gerade vom Supermarkt. In der Hand: eine Plastikschale, unheilvoll glänzend, darin drei Putenstreifen (ich hab sie gezählt, denn Vertrauen ist gut, Zorn ist besser), dazu etwas grün, das so undefinierbar aussah, als hätte ein Basilikum einen Burnout. Obendrauf ein Name, den sich ein Marketing-Praktikant in der Mittagshitze ausgedacht hat: „Oriental Summer Power Bowl – Turkey Fusion Delight“. Preis: 8,95 €. Ich wiederhole: Acht Euro fünfundneunzig für das kulinarische Gegenstück zu einem Kalenderblatt. Für das Geld hab ich mal einen Gebrauchtwagen gekauft – gut, es war eher eine Fahrbereitschaft mit Sitz, aber der Wagen konnte mehr als diese Schale: Er hat satt gemacht.

Das Dessert: die entblößte Banane

Neben der Schale: eine geschälte, vorgeschnittene Banane in Plastik. Preis nach Gewicht (also Überraschungsei für Erwachsene), gefühlt in der Preisklasse „Brautkleid zur Hauptsaison“. Seit wann braucht eine Banane Bodyguard-Folie? Die Natur hat ihr doch Schale mitgegeben! Wir pellen Obst, schicken’s auf Kreuzfahrt durch die Verpackungsmaschine und wundern uns dann, warum die Fische im Meer an Cellophan lutschen.

Die große Show des Nichts

  • Shrinkflation im Abendkleid. Die Portion so klein, dass selbst meine Katze Matze fragt: „Ist das Deko?“
  • Buzzword-Buffet. „Superfood“, „Power“, „Fusion“ – funktioniert wie Nebelmaschine im Tanzlokal: macht Stimmung, aber niemand sieht mehr, dass der Teller leer ist.
  • Bequemlichkeitssteuer. Du zahlst nicht fürs Essen, du zahlst fürs Nicht-Schnibbeln. Jedes gesparte Messergeräusch: +1 €.
  • Öko-Schizophrenie. Grünzeug im Namen, Plastik drumrum, und als moralische Fußnote noch ein Kleber: „Klimaneutral hergestellt.“ Ach so – dann ist ja gut. Ironie-Sirene heult.

Sind wir jetzt alle deppert?

Nein. Wir sind müde. Müde vom Tag, vom Zettelkrieg, vom dauernden „Noch eben schnell“. Und müde Menschen kaufen Lösungen im Plastik – weil keiner mehr Kraft hat, mit Möhrchen und Pfanne den Endgegner zu besiegen. Der Handel weiß das und verkauft uns dann „Zeit“ zum Preis von Trüffelraspeln. Aber: Müde ist nicht dumm. Müde heißt, wir brauchen bessere Rituale, nicht teurere Schalen.

Helga funkt dazwischen

Helga (TikTok-Jüngerin mit Heiligenschein) ruft aus der Küche: „Bruno, es gibt ’nen 7-Minuten-Pasta-Trick, kostet unter drei Euro!“ – und ich so: „Sieben Minuten? So lange braucht deine App, um die Werbung wegzudrücken.“ Trotzdem: Sie hat Recht. Eine Handvoll Nudeln, ein Stück Paprika, Olivenöl, Knoblauch – fertig. Schmeckt mehr als jede „Oriental Power Wasauchimmer“-Schale. Und hinterlässt weniger Plastik als ein einzelner Großbuchstabe auf diesem Etikett.

Lagebild aus der Kombüse

Ich hocke mit dem Bekannten am Tisch, studiere die Inhaltsliste, die aussieht wie ein Funkprotokoll für Chemieunterricht. „Pute (3%), Blattmix (irgendwas%), Dressing (Wasser, Zucker, Worte, die in der Kantine keiner kennt)…“ Drei Prozent Pute? Also wenn das Schiff nur drei Prozent Diesel im Tank hat, nennt man das Treibstoffmangel, nicht „Power“.

Warum das alles so gut klappt (für die anderen)

  1. Portionen für die Puppenstube. Kleine Schale, hoher Preis – wirkt harmlos.
  2. Exotische Wörter. Wenn du’s nicht aussprechen kannst, denkst du: Muss wertvoll sein.
  3. Farbpsychologie. Grün + Braun + Kraftwort = „gesund“ im Kopf.
  4. Unsichtbare Vergleichswerte. Keiner rechnet auf Kilo. 8,95 € für 280 g? Auf Kilo sind das… ach lassen wir, ich möchte nicht vor Wut den Tisch tackern.

Gegenmanöver (aus der alten Schule, aber goldrichtig)

  • Kommando „Preis pro Kilo“. Einmal Taschenrechner-Jutsu und du siehst: Die Schale ist teurer als ein Kurzurlaub.
  • Basics bunkern. Reis, Nudeln, Eier, Linsen, Tomatenstückchen. Damit kriegst du in 15 Minuten ein Essen hin, das wirklich beißt.
  • Reste sind Rangabzeichen. Wer Reste würdig aufwärmt, führt.
  • Schälen ist kein Leistungssport. Die Banane kriegst du schneller aus der Schale als der Kassierer „Payback?“ sagen kann.
  • Kochen wie Lego. Ein Grundrezept, endlos variierbar: Pfanne heiß, Zwiebel rein, was Grünes, was Eiweißiges, würzen, fertig. Nennt sich „Sattmacherpfanne“ und kostet keine 8,95 €.

Familien-Dreieck an den Herd!

Seniorin oder Senior – Kinder – Enkel: gemeinsamer Küchendienst als Wochenritual.

  • Enkel rechnen den Kilopreis (Mathe mit Tomatensoße).
  • Kinder bauen einen 10-Minuten-Rezeptezettel fürs Handy des Seniors.
  • Seniorinnen und Senioren geben die Würzgeheimnisse weiter (Pfeffer erst nach dem Abschmecken, nicht vorher wie im Fernsehen). Ergebnis: weniger Plastik, mehr Gespräch, und am Ende hat jeder was im Bauch und im Kopf.

Der Fall „geschälte Banane“, abschließend

Wer Bananen schält und einpackt, verkauft nicht Obst, sondern Alibi. „Ich tu was für mich! Ich gönn mir was!“ – Ja, gönn dir: einen ganzen Bund Bananen, ungeschält, und leg die zwei Euro Ersparnis in die Kaffeekasse. Dann schmeckt der Kaffee plötzlich nach Freiheit.

Fazit mit Tusch

Supermarkt, wir müssen reden. Ich esse gern gut – aber ich verweigere Eintritt fürs Theater, wenn auf der Bühne nur drei Putenstreifen tanzen und das Orchester aus Plastik raschelt. Und an alle, die jetzt leise fragen: „Wo führt das noch hin?“ – Na dahin, wohin wir’s steuern. Mit Pfanne statt Folie. Mit Hirn statt Hypnose. Mit Humor statt Heiligenschein.

Checkliste: Brunos Anti-Plastikschalen-Protokoll (zum Abhaken)

Kilopreis checken: Handy raus, kurz rechnen. Alles über 15 €/kg für „Salat mit Luft“: liegen lassen. ☐ Banane selber schälen: In 2 Sekunden, ohne Plastik. Heldentat des Alltags. ☐ Basisvorrat anlegen: Nudeln, Reis, Eier, Linsen, Tomaten, Zwiebeln, Öl, Gewürz. ☐ 15-Minuten-Standardgericht üben: Ein Rezept, das du im Halbschlaf kochen kannst. ☐ Resteplanung: Immer eine Portion extra kochen – morgen ist sie Gold wert. ☐ Marketing entlarven: „Power“, „Fusion“, „Superfood“ = Übersetzung: „zu teuer für zu wenig“. ☐ Familien-Dreieck nutzen: Kinder/Enkel bitten, 3 günstige Rezepte zu kuratieren und als Spickzettel zu schicken. ☐ Eigene Box mitnehmen: Wer seine Dose liebt, spart Folie. ☐ Saison kaufen: Erdbeeren im Januar sind keine Früchte, das sind Finanzprodukte. ☐ Einmal pro Woche Kochabend: Radio an, Pfanne an, Welt aus. Danach Meckern eingestellt – vorübergehend.

Brunos Meckerecke. Getippt auf der alten Klappermaschine. Helga nickt, Matze putzt sich – ungeschält.