Kolumne · Brunos Kolumne Drei Knoten – Zeit, Liebe, Humor
Ein alter Seemann schaut auf die Uhr, das Herz und den Witz – und merkt: Wenn’s schaukelt, halten drei Knoten besser als einer.
Zeit fließt, Liebe weht, Humor leuchtet. Wer alle drei im Blick behält – Seniorin oder Senior, Kinder, Enkel – kommt auch bei Gegenwind sauber in den Hafen.
Die Zeit ist ein Fluss mit eigenem Humor. Man merkt ihn nicht am Wasser, sondern an den Steinen, die plötzlich fehlen. Tassen mit Haarriss, Namen, die wir nur noch halb rufen, ein altes Hemd, das jemand „nochmal aufbügelt“ und dann doch nicht anzieht. Ich habe gelernt: Unbenutzte Dinge haben keine Seele. Das gilt für Tage genauso.
Zeit ist kein Feind, sie ist ein Takt. Mal marschiert sie, mal schaukelt sie. Auf See nennt man das „Gang der See“ – an Land heißt es Alltag. Wer die Zeit verflucht, verpasst ihren Taktwechsel. Wer sie hört, weiß, wann reffen, wann segeln, wann Motor aus. Ich habe zu oft „später“ gesagt und später auf offener See verloren. Heute weiß ich: Später hat Seegang. Jetzt hat eine Leiter.
Liebe – lange hielt ich sie für einen Hafen. Ein Ort, an dem man einläuft, Stille findet und die Planken trocknen. Aber Liebe ist Wind: zu stark – reffen; zu schwach – treiben; genau richtig – Bewegung, ohne Gewalt. Man kann den Wind nicht besitzen, nur lesen. Wer die Liebe einsperrt, baut eine Flaute. Wer sie liest, kommt an.
Und Humor? Kein Pflaster. Eine Lampe. Er deckt nichts zu, er macht sichtbar, ohne zu zerkratzen. Humor ist der kleine Scheinwerfer am Bug, der einem nicht die Wellen nimmt, aber zeigt, wo die böse Kante sitzt. Man lacht nicht, statt zu weinen – man lacht, damit man steuern kann.
Das Familien-Dreieck im Schwerwetter
Ich bin ein Fan von klaren Karten. Das Familien-Dreieck ist so eine: Seniorin oder Senior – Kinder – Enkel. Drei Blicke auf dieselbe Welle.
- Seniorin oder Senior (Ich): Ich erzähle, was war und was weh tut – und wo ich hinwill. Ich sage, wann mir die Finger kalt sind, wann die Geduld – und wann ich Lachen brauche.
- Kinder: Sie ordnen das, was kommt: Arzttermine, Vollmachten, Haushaltskram, Versicherungsknoten. Sie sind der Fender zwischen Schiff und Kai. Nicht romantisch, aber lebenswichtig.
- Enkel: Sie bringen Licht ins Armaturenbrett: Apps, Erinnerungen, Passwörter, kleine Automatik. Und manchmal nur ein Meme, das die Wolke aus dem Kopf schiebt.
Wichtig: Es braucht nicht immer alle drei – Dreieck heißt Perspektive, nicht Pflicht. Aber wenn’s schaukelt, halten drei Knoten besser als einer.
Zeit: Der leise Steuermann
Die Uhr am Handgelenk lügt nie – sie schweigt nur. Wer aus „jetzt“ zwei Minuten herausschneidet, gewinnt keinen Tag, aber oft eine Entscheidung. Zehn stille Atemzüge vor dem großen Wort sparen drei Wochen Funkstille. Ein Glas Wasser zur richtigen Zeit verhindert einen Donner im Kopf. Zeit ist nicht viel – nur genug, wenn man sie hört.
Liebe: Der Kurs, kein Ziel
Die größten Fehler auf See entstehen, wenn man den Kurs mit dem Ziel verwechselt. Liebe ist Richtung: Man peilt einander immer wieder neu, korrigiert, verzeiht, fragt. „Bist du noch da?“ ist die schönste Frage. „Ich bin hier“ die beste Antwort. Und wenn Schweigen nötig ist, dann nur als Decke, nicht als Wand.
Humor: Das Notlicht
Ich habe Helga mehr als einmal mit Witzen genervt, wenn mir mulmig war. „Du machst Scherze, wenn’s ernst ist“, sagt sie. Stimmt. Aber lieber ein Lachen, das Luft schafft, als ein Satz, der Türen knallt. Humor ist die Erlaubnis, nicht perfekt zu sein. Auch im Ernstfall.
Kleiner Kompass für große Tage
- Führe ein Mini-Logbuch: drei Zeilen am Abend – Zeit, Liebe, Humor: je ein Satz.
- Rede vor dem Termin: „Was will ich wirklich sagen?“; und nach dem Termin: „Was nehme ich mit?“
- Lache spätestens beim Abwasch. Sonst klebt was an der Seele.
Ich denke oft an das Deck bei Nacht: Schwarz wie Kaffee vor der Frühschicht. Irgendwer flucht, irgendwer singt, irgendwer weint – manchmal bin ich alles drei. Dann legt sich der Wind, die Lichter der Küste sind Punkte, die ein Bild versprechen. Und ich verstehe: Der Horizont ist kein Ende. Er ist eine Einladung.


