Kolumne · erinnerungen Dietmar, der Nachbarsjunge – Ein Wiedersehen nach 55 Jahren
Beim Glühweinfest steht plötzlich ein Gesicht zwischen Lichterketten und Dampf, das eigentlich nur in die Kindheit gehört. Und mit einem Mal ist alles wieder da: Fußball, Streiche, Familie – schön und bitter zugleich.
Inhalt
Man glaubt ja immer, die Vergangenheit sei wie ein Dachboden: oben, staubig, abgeschlossen, und wenn man mal raufgeht, dann freiwillig, mit Taschenlampe und genug Zeit. Aber die Wahrheit ist: Die Vergangenheit steht gern unten im Hof, hängt sich eine Lichterkette um den Hals und wartet mit einem Pappbecher Glühwein auf dich – bis du ihr aus Versehen in die Augen guckst.
Das Glühweinfest hinter Biggis Büdche war schon eine eigene kleine Welt. Warmes Licht in kalter Luft, Stimmen wie weiche Decken, ein ständiges Kommen und Gehen, als würde das Viertel einmal tief durchatmen. Ich schlenderte da so durch die Reihen, nicht auf der Suche nach irgendwas Besonderem – höchstens nach einem Platz, wo man stehen kann, ohne dass einem jemand versehentlich in die Seele rempelt.
Und dann hörte ich ein Lachen.
Nicht laut, nicht auffällig. Nur dieses ganz bestimmte Lachen, das man nicht erklären kann, weil es nicht aus dem Mund kommt, sondern aus einem bestimmten Winkel der Kindheit. Ein Lachen, bei dem man unbewusst die Schultern ein klein wenig anders hält, weil man plötzlich wieder an Treppenhäuser denkt, an Kellerflure, an die Art, wie ein Fußball klingt, wenn er gegen eine Garagentür knallt.
Ich drehte mich um – und da stand er.
Am Rand, halb im Licht, halb im Dampf, als wäre er gerade erst aus einem alten Foto herausgetreten. Ein Mann natürlich, älter geworden wie wir alle, aber mit Augen, die nicht altern. Augen, die schon damals eher zu viel gesehen haben, um je ganz sorglos zu wirken. Er schaute mich an, als müsste er erst prüfen, ob ich echt bin oder nur eine Erinnerung, die der Glühwein ihm in die Luft gemalt hat.
„Bruno?“, sagte er dann.
Und in diesem einen Wort lag plötzlich alles: unser Haus von damals, die Nachbarschaft, die Stimmen der Eltern hinter Türen, der Geruch von Treppenhaus und Waschpulver, das ewige „Leise jetzt!“, und trotzdem dieses große Gefühl, dass die Welt im Hof beginnt und im Hof auch wieder endet.
„Dietmar“, sagte ich, und es klang bei mir erst wie eine Frage und dann wie eine Feststellung.
Dietmar, der Nachbarsjunge. Der Mittlere. Mit einem älteren Bruder, der immer einen Tick zu groß und zu schnell war, und einer jüngeren Schwester, die uns mit einem Blick in Schach halten konnte, als wäre sie schon damals die Chefin von allem. Dietmar war der, der zwischen den Welten stand: alt genug, um bei den Großen mitzumachen, jung genug, um bei den Kleinen nicht ganz rauszufallen. Diese Sorte Junge, die in jeder Gruppe einen Platz findet – und vielleicht genau deshalb in vielen Erinnerungen gleich mehrere Rollen spielt.
Wir standen erst einfach so da und guckten uns an, als müssten wir die Jahrzehnte einmal kurz sortieren. Man will ja nicht unhöflich sein, wenn einem das eigene Leben plötzlich entgegenkommt. Und dann, ohne große Vorwarnung, war es, als würde ein Schalter umgelegt: Hände wurden geschüttelt, Schultern berührt, irgendwer klopfte dem anderen auf den Arm, so wie Männer das machen, wenn sie eigentlich umarmen wollen, aber nicht wissen, wohin mit der Rührung.
„Ich hab dich das letzte Mal gesehen…“, begann Dietmar, und wir sagten es fast gleichzeitig: „…als du weg bist.“
Bundeswehr. Koffer. Aufbruch. Diese eine Szene, die man tausendmal im Kopf hat, ohne sie je zu brauchen – und die trotzdem irgendwo bereitliegt, wie ein alter Brief, den man nie wegwerfen konnte. Damals hatte ich gedacht, ich gehe nur ein Stück weiter raus in die Welt. Aber die Wahrheit ist: In dem Moment bin ich auch von vielem weggegangen, ohne es zu merken. Kindheit ist so. Die endet nicht mit einer Ansage. Die endet, wenn man einmal zu lange nicht zurückkommt.
Wir setzten uns an einen der Tische, irgendwo unter einem Baum, wo die Lichterkette in den Zweigen hing wie ein stilles Versprechen. Biggis Glühwein dampfte, und der Dampf machte die Luft weich, als könnte er auch die Jahre weich machen. Dietmar nahm den Becher, roch kurz dran und nickte, als würde er etwas prüfen, das ihm wichtig ist. „Der ist gut“, sagte er. Und so schlicht dieser Satz war – er passte. Gute Dinge erkennt man oft ohne Theater.
Dann fing er an zu erzählen. Nicht geschniegelt, nicht geschniegelt im Sinne von „und dann kam das und dann kam das“, sondern so, wie Erinnerungen eben kommen: in Wellen, in Sprüngen, mit plötzlichen Bildern. Einmal waren wir wieder Kinder und spielten Fußball, irgendwo zwischen Bordstein und Hauswand, die Jacken als Torpfosten, die Knie aufgeschürft, die Hände rot vor Kälte und trotzdem voller Energie. Ein anderes Mal waren wir wieder bei irgendeinem Streich, bei dem wir uns damals für genial hielten und heute eher für… sagen wir: mutig im falschen Sinne. Und jedes Mal, wenn Dietmar lachte, lachte ich mit – und merkte, dass ich Sachen wiederfand, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie verloren hatte.
Das Verrückte war: Er hatte Details. Nicht nur „ja, wir haben gespielt“, sondern die kleinen Dinger, die man sonst unterschlägt. Wer immer den Ball geholt hat, wenn er in den Keller rollte. Wer beim Rennen die Kurven nicht bekam. Welche Nachbarin uns immer verpfiffen hat. Welche Abende im Hof so lang waren, dass die Eltern irgendwann aus den Fenstern riefen und man so tat, als hätte man sie nicht gehört.
Und dann kam Karl zur Sprache – mein Bruder – weil Dietmar, wie früher, immer wieder meinte: „Weißt du noch, Karl hat damals…“ Dietmar und Karl waren ja altersmäßig dicht beieinander, und ich wusste, dass die beiden viel miteinander hatten, ihren eigenen Kosmos, ihren eigenen Ton.
Aber dann sagte Dietmar, ganz beiläufig, als sei das die normalste Welt: „Karl war mein Trauzeuge.“
Ich lachte erst – aus Überraschung, nicht aus Witz – und sagte: „Was?“
Dietmar nickte nur, fast entschuldigend, als hätte er nicht gewusst, dass mir diese Information fehlt. Mir wurde in dem Moment klar, wie dünn manche Verbindungen irgendwann werden, obwohl man sie für fest hält. Man denkt, man weiß über die eigenen Leute Bescheid – und dann sitzt da ein Mann, den man seit einem halben Jahrhundert nicht gesehen hat, und erzählt einem Dinge, die zur Familie gehören, als wären sie selbstverständlich.
„Ich war nach dem Studium in Prag“, sagte Dietmar dann, und plötzlich war da nicht mehr nur Kindheit, sondern Leben. Ein Angebot von einer Ingenieursgesellschaft, eine Chance, die man nicht ausschlägt. Und so wurde aus dem Nachbarsjungen ein Mann, der in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, ein ganzes Leben gebaut hat – mit Arbeit, Verantwortung, neuen Wegen und den kleinen Anpassungen, die man macht, wenn man weit weg ist und trotzdem nicht ganz weg sein will.
Er erzählte von Prag, aber nicht wie aus einem Reiseführer. Eher wie jemand, der dort wirklich war: von langen Wintern, von Arbeitskollegen, die zu Freunden wurden, von Sprache, die man am Anfang nur errät und irgendwann im Schlaf versteht. Von dem Gefühl, gleichzeitig angekommen und doch immer auf Durchreise zu sein. Und während er das sagte, merkte ich, wie in mir etwas knirschte: diese seltsame Mischung aus Bewunderung und Wehmut. Bewunderung, weil er sein Leben so konsequent gegangen ist. Wehmut, weil ich so wenig davon mitbekommen habe.
„Jetzt ziehen wir zurück“, sagte er. Seine Frau habe in der Nähe ein Haus geerbt, und plötzlich sei da wieder dieser Sog: Heimat. Nicht als romantische Postkarte, sondern als ernstes Ziehen im Bauch. Als Wunsch, näher dran zu sein, solange es noch geht. Und da war er wieder, dieser leise Ton, den man bei Männern unseres Jahrgangs selten direkt ausspricht: Dass Zeit nicht unendlich ist. Dass man Dinge nicht ewig aufschieben kann.
Und dann sagte Dietmar etwas, das mich wirklich still gemacht hat: Er habe vieles mitbekommen, wie es mir ergangen ist. Nicht, weil wir Kontakt hatten – den hatten wir ja nicht – sondern weil unsere Eltern so eng befreundet waren. Weil Geschichten ihren Weg finden. Weil Familien miteinander reden. Weil man, selbst wenn man weg ist, in manchen Kreisen noch im Gespräch bleibt.
Er erzählte Dinge, die ich längst weggeschoben hatte. Nicht als Klatsch, nicht als „weißt du noch, wie schlimm“, sondern behutsam. Manches schön, manches bitter. Kleine Bruchstellen, an die man sich nicht gern setzt, weil sie kalt sind. Und während er sprach, kamen Bilder zurück, die ich lange nicht mehr aufgerufen hatte. Wie Gerüche, die plötzlich da sind. Wie ein Lied, bei dem man den Text auf einmal wieder kann.
Ich saß da und hörte zu, und ich merkte, wie sich in mir etwas sortierte. So, als hätte jemand eine Schublade aufgezogen, in der die Jahre durcheinanderlagen, und jetzt legt einer die Sachen vorsichtig nebeneinander: das Kind, der junge Mann, der Aufbruch, das Wegsein, die Familie, die ganz eigenen Kämpfe, die man nicht immer laut sagt, und die Rolle, die man dabei gespielt hat, ohne sie je zu wählen.
Dietmar schaute mich irgendwann an und sagte: „Ich hab oft gedacht, wir sehen uns nochmal.“
Und ich sagte den Satz, den man in solchen Momenten sagt, weil man sonst nichts Gescheites findet: „Das Leben, Dietmar.“
Aber innerlich dachte ich: Ja. Das Leben. Dieses große, unordentliche Ding, das dich mitnimmt, ohne dich zu fragen – und dich dann nach 55 Jahren an einen Tisch setzt, unter eine Lichterkette, mit einem Becher warmem Wein in der Hand, und sagt: So. Jetzt guck mal, was du draus machst.
Als wir uns später verabschiedeten, war da keine große Szene. Nur dieser feste Händedruck, der länger dauert als sonst. Und ein Blick, der sagt: Wir lassen das jetzt nicht wieder einfach auslaufen.
Ich ging nach Hause und hatte das Gefühl, ich trage etwas Unsichtbares mit mir, etwas Schweres und gleichzeitig Gutes. Erinnerungen sind so: Sie können drücken, aber sie wärmen auch. Wie Glühwein – nur ohne Zucker. Und irgendwo zwischen Biggis Lichtern und Dietmars Stimme merkte ich, dass es Dinge gibt, die man nicht „verarbeiten“ kann wie Papierkram. Die muss man erst einmal einfach in sich stehen lassen, wie einen stillen Hafen nach langer Fahrt.
Und genau so war dieser Abend: ein Wiedersehen, das nicht nur schön war, sondern wahr.


