Kolumne · Erinnerungen Dietmar, der Nachbarsjunge – Ein Wiedersehen nach 55 Jahren
Beim Glühweinfest steht plötzlich ein vertrautes Gesicht zwischen Lichterketten und Dampf. Und mit einem Mal sind Kindheit, Familie und 55 vergangene Jahre wieder ganz nah.
Inhalt
Ein bekanntes Lachen im Hof
Man glaubt, die Vergangenheit liege ordentlich verstaut auf dem Dachboden. Doch manchmal steht sie plötzlich im Hof und hält einen Becher Glühwein in der Hand.
Beim Fest hinter Biggis Büdche hingen Lichterketten über den Tischen. Warmer Dampf zog durch die kalte Luft. Ich suchte gerade einen freien Platz, als ich ein Lachen hörte. Es war nicht besonders laut, aber ich kannte es.
Ich drehte mich um. Vor mir stand ein älterer Mann. Sein Gesicht hatte sich verändert, seine Augen nicht. „Bruno?“, fragte er. „Dietmar“, sagte ich erst zögernd und dann ganz sicher.
55 Jahre hatten wir uns nicht gesehen.
Der Hof war plötzlich wieder da
Wir wussten nicht, ob wir uns die Hand geben oder umarmen sollten. Also machten wir beides halb und klopften uns zusätzlich auf die Schulter. Männer unseres Jahrgangs hoffen bei solchen Begrüßungen, dass der andere auch ohne viele Worte versteht.
Unter einer Lichterkette begannen wir mit den kleinen Erinnerungen: Fußball zwischen Bordstein und Hauswand, Jacken als Torpfosten, aufgeschürfte Knie und Eltern, die aus den Fenstern riefen. Dietmar wusste noch, wer den Ball aus dem Keller holen musste und welche Nachbarin jeden Streich meldete.
Es waren keine großen Ereignisse. Gerade deshalb holten sie die Kindheit zurück. Während Dietmar erzählte, fand ich Bilder wieder, von denen ich gar nicht gewusst hatte, dass sie mir fehlten.
Eine Nachricht über Karl
Irgendwann kamen wir auf meinen Bruder Karl. Dietmar und Karl waren fast gleich alt gewesen und hatten viel miteinander unternommen.
„Karl war mein Trauzeuge“, sagte Dietmar plötzlich.
Ich sah ihn erstaunt an. Für ihn war es eine alte Tatsache. Für mich war es neu. Da merkte ich, wie leise Menschen sich voneinander entfernen können. Man glaubt, die wichtigen Geschichten der eigenen Familie zu kennen. Dann erfährt man nach Jahrzehnten etwas, das ganz nah zu einem gehört.
Die Nachricht tat nicht weh. Sie machte Karl für einen Moment wieder jünger. Ich sah ihn nicht als meinen Bruder von heute, sondern als jungen Mann neben Dietmar bei einer Hochzeit.
Zwei verschiedene Lebenswege
Nach dem Studium war Dietmar aus beruflichen Gründen nach Prag gezogen. Aus den ersten fremden Jahren war dort ein Zuhause geworden. Nun wollten er und seine Frau zurückkehren. In der Nähe hatte sie ein Haus geerbt.
„Solange es noch geht“, sagte er.
Mit zunehmendem Alter bekommt dieser Satz Gewicht. Man kann ein Wiedersehen nicht endlos auf später verschieben. Unsere Eltern hatten über die Jahre noch Nachrichten ausgetauscht. So wusste Dietmar manches über mein Leben, obwohl wir selbst keinen Kontakt hatten.
Er fragte nicht neugierig. Er hörte vorsichtig zu, wie jemand, der ein altes Foto in der Hand hält und es nicht beschädigen möchte.
Diesmal nicht wieder verlieren
Ein ganzes Leben passt nicht an einen kleinen Tisch. Aber an diesem Abend saßen viele Teile davon nebeneinander: der Hof, unsere Familien, mein Weggang und Dietmars Jahre in Prag.
„Ich habe oft gedacht, wir sehen uns noch einmal“, sagte er.
„Das Leben“, antwortete ich. Mehr fiel mir nicht ein. Vielleicht genügte es. Das Leben hatte uns lange in verschiedene Richtungen getragen und nun unter einer Lichterkette wieder zusammengesetzt.
Beim Abschied hielten wir den Händedruck etwas länger als üblich. Diesmal sollte der Kontakt nicht wieder einfach verschwinden.
Auf dem Heimweg war ich froh und ein wenig traurig. Erinnerungen zeigen uns, wie viel Zeit vergangen ist. Sie zeigen aber auch, was diese Zeit überstanden hat. Nach 55 Jahren reichte ein Lachen, und der Nachbarsjunge war wieder da.


