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Kolumne · bohnebein co die lesesitcom

Die große Streaming-Schlacht – Bohnebein, Folge 4

Ein Abend, vier Meinungen, sechs Fernbedienungen. Und Matze führt die einzig funktionierende Regierung.

Inhalt

  1. Die große Streaming-Schlacht
  2. Bruno (nickt langsam): „Das ist auch mein Lebensgefühl.“
  3. Bruno: „Wir streamen fremde Säuglinge. Wir sind jetzt offiziell ein Skandal.“
  4. Bruno: „Heinz, du kannst nicht mal Untertitel leben lassen.“
  5. Bruno (ohne die Augen zu öffnen): „Gewonnen hat die Katze.“

Die große Streaming-Schlacht

Cold Open, 19:59 Uhr. Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch liegen sechs Fernbedienungen. Nicht ordentlich, sondern so, als hätte jemand „Technik“ in einen Sack gesteckt, geschüttelt und dann „Viel Glück“ gesagt.

Bruno steht davor wie ein Kapitän vor einer Seekarte, auf der nur „Hier sterben Träume“ eingezeichnet ist.

Bruno: „Wir brauchen eine Entscheidung.“ Helga (mit Handy, Daumen warmgelaufen): „Wir brauchen ein Update.“ Rob (älter, im Türrahmen, die Aura eines Mannes, der schon alles scheitern sah): „Wir brauchen Ruhe.“ Heinz (tritt rein, natürlich mit Zollstock, als wäre das ein offizielles Dokument): „Wir brauchen Regeln.“

Matze liegt quer vor dem Fernseher. Nicht im Weg. Als Machtanspruch.

Helga: „Heute Tanzshow!“ Bruno: „Heute U-Boot-Doku.“ Rob: „Heute irgendwas, wo niemand schreit, singt oder Gefühle hat.“ Heinz: „Heute entscheidet die Ordnung.“

Bruno drückt auf Fernbedienung Nummer eins. Der Fernseher: „Kein Signal.“

Bruno (nickt langsam): „Das ist auch mein Lebensgefühl.“

Szene 1: Der Profilkrieg

Helga drückt auf Fernbedienung Nummer zwei. Der Fernseher geht an. Ein Menü erscheint, bunt wie ein Süßigkeitenregal – aber es wirkt, als würde es über sie lachen.

Helga: „Nicht in mein Profil, Bruno!“ Bruno: „Dein Profil ist ein Jahrmarkt.“ Helga: „Deins ist eine Schiffswerft mit Depression!“ Bruno: „Das heißt Sehnsucht.“ Rob: „Das heißt: niemand darf ran.“

Helga klickt auf ihr Profil. Der Fernseher: „Bitte PIN eingeben.“

Helga erstarrt. Bruno beugt sich vor, genüsslich: „Ah. Das ist der Moment, wo die Zukunft plötzlich sehr analog wird.“

Helga: „Ich hab den notiert.“ Rob: „Natürlich. Auf dem gleichen Zettel wie ‘Wo hab ich den Zettel?’“ Heinz (streng): „PINs gehören in ein System.“ Bruno: „Ich hab ein System. Es heißt: Ich merk mir alles, außer alles.“

Helga tippt 0000. Falsch. Sie tippt 1111. Falsch. Sie tippt 1234. Der Fernseher wirkt beleidigt.

Rob: „Versuch ‘HELG’. Wenn das stimmt, muss ich mich setzen.“ Helga tippt „HELG“. Richtig.

Stille.

Bruno (leise): „Du bist dein eigenes Passwort.“ Helga: „Effizient.“ Rob: „Narzisstisch, aber stabil.“ Heinz: „Unprofessionell.“

Szene 2: Fernbedienungsroulette

Heinz schiebt die Fernbedienungen in eine Linie, als würde er eine Parade abnehmen.

Heinz: „Einer bedient. Alle anderen Hände auf die Knie.“ Helga: „Wir sind doch keine Grundschule!“ Heinz: „Doch. Nur mit Internet.“

Bruno nimmt eine Fernbedienung hoch. „Wieso gibt es hier eine Taste, die ‘Source’ heißt? Das ist doch Englisch für Ärger.“

Helga drückt trotzdem. Der Fernseher wechselt auf HDMI 1. Bruno drückt. HDMI 2. Rob drückt. Irgendwas passiert, aber niemand weiß was. Heinz hält den Zollstock hoch: „STOP.“

Zu spät.

Der Fernseher zeigt plötzlich ein Foto: ein Baby. Groß. Fröhlich. Fremd. Alle starren das Baby an, als hätte es gerade die Nebenkostenabrechnung unterschrieben.

Bruno: „Wem gehört das?“ Helga: „Nicht mir!“ Rob: „Wenn das dein Baby ist, Bruno, sag’s jetzt. Dann geh ich.“ Heinz (misst den USB-Stick am Fernseher): „Illegale Nähe.“

Bruno: „Wir streamen fremde Säuglinge. Wir sind jetzt offiziell ein Skandal.“

Szene 3: Die große Abstimmung

Helga: „Okay. Abstimmung. Wer Tanzshow will, hebt die Hand.“ Bruno: „Ich stimme dagegen, weil meine Seele sonst aus dem Raum läuft.“ Rob: „Ich stimme für alles, was nach zehn Minuten endet.“ Heinz: „Ich stimme für Testbild.“

Helga: „Heinz, niemand stimmt für Testbild.“ Heinz: „Doch. Ich.“ Bruno: „Er ist das Testbild.“

Helga startet die Tanzshow. Musik knallt los, Glitzer, Jubel, Menschen springen synchron. Rob verzieht das Gesicht, als hätte ihn jemand persönlich beleidigt.

Rob: „Ich fühle mich akustisch angegriffen.“ Bruno: „Das ist kein Tanz. Das ist ein Fitnessprogramm für die Nerven.“ Heinz (sofort): „Zu laut.“

Helga: „Das ist Unterhaltung!“ Heinz: „Das ist Lärm mit Kostüm.“

Helga fummelt am Ton. Der Fernseher blendet Untertitel ein – plötzlich in einer Sprache, die klingt, als würde jemand Kieselsteine sortieren.

Bruno: „Warum ist das Dänisch?“ Helga: „Ist es nicht!“ Rob: „Wenn es nicht Dänisch ist, dann ist es Technik-Latein.“ Heinz: „Untertitel gehören ausgerichtet. Das hängt schief.“

Bruno: „Heinz, du kannst nicht mal Untertitel leben lassen.“

Szene 4: Das Passwort-Drama

Der Fernseher: „Bitte Passwort erneut eingeben.“

Helga: „Warum? Ich war doch gerade drin!“ Bruno: „Weil Technik Gefühle hat.“ Rob: „Und weil sie euch hasst.“ Heinz: „Nein. Weil ihr unsauber arbeitet.“

Helga tippt „HELG“ ein. Der Fernseher: „Passwort wurde geändert.“

Alle schauen sich an. Kurz, sehr still. Dann sagt Heinz, als wäre es selbstverständlich:

Heinz: „Ich.“ Helga: „WAS?!“ Bruno: „Du hast das Passwort geändert? Am Fernseher? In meinem Wohnzimmer?“ Heinz: „Euer Passwort war… weich.“ Rob: „Was ist ein weiches Passwort?“ Heinz: „Eins, das nachgibt. Wie ihr.“

Helga: „Warum tust du sowas?“ Heinz: „Damit hier endlich jemand Respekt hat. Vor Zugangsdaten.“

Bruno: „Ich hab Respekt!“ Heinz: „Du hast Angst.“ Bruno: „Auch Respekt.“

Szene 5: Die Koalition der Verzweifelten

Helga verschränkt die Arme. „Deal. Wir machen Frieden. Jeder kriegt 20 Minuten. Dann nächste Person. Wie eine Koalition.“

Bruno: „Ich will die Kapitänsmütze.“ Helga: „Du hast keine Kapitänsmütze.“ Bruno: „Dann will ich die moralische Kapitänsmütze.“ Rob: „Ich will, dass ihr alle leise seid.“ Heinz: „Ich will, dass niemand mehr anfasst.“

Matze steht auf, schreitet zum Couchtisch und legt eine Pfote auf die Fernbedienung, die gerade in Benutzung ist. Der Fernseher wird stumm. Perfekt. Endgültig.

Alle drehen sich zur Katze.

Helga: „Er hat… einfach stumm gemacht.“ Bruno (ehrfürchtig): „Er regiert.“ Rob: „Endlich Kompetenz.“ Heinz (ernst): „Das ist anarchisch.“ Rob: „Das ist effizient.“

Helga krault Matze. „Kleiner Diktator.“ Bruno: „Er hat mehr Führungsqualitäten als wir alle.“ Heinz: „Mehr Disziplin auch.“ Rob: „Und weniger Redebedarf.“

Sie setzen sich. Keiner sagt was. Es läuft irgendwas – man weiß nicht genau was, weil stumm. Aber es fühlt sich plötzlich… friedlich an. Wie ein Waffenstillstand mit Decke.

Tag / Cliffhanger

Nach 30 Minuten blendet der Fernseher ein: „Sind Sie noch da?“

Bruno döst, murmelt: „Maschinenraum… halbe Kraft voraus…“ Helga flüstert: „Nur noch… eine Folge…“ Heinz nuschelt: „Untertitel… bündig…“ Rob schnarcht in einer Tonlage, die klingt wie „Ich hab’s gesagt.“

Matze hebt den Kopf, schaut auf den Bildschirm, dann auf die Runde. Er drückt mit der Pfote auf „Nein“.

Der Fernseher geht aus.

Stille.

Bruno (ohne die Augen zu öffnen): „Gewonnen hat die Katze.“

Aus dem Flur ertönt in genau diesem Moment ein Ping von Helgas Handy. Sie blinzelt drauf, liest — und erstarrt.

Helga (flüstert): „Leute… ich hab grad eine Mail: ‘Neues Gerät wurde bei Ihrem Konto angemeldet.’“ Bruno öffnet ein Auge: „Was für ein Gerät?“ Helga schaut langsam zu Matze.

Matze blinzelt. Langsam. Triumphierend.

Schwarzblende.