Kolumne · Erinnerungen Die rote Mütze – Brunos Jahrhundertwinter 1978/79
Im Jahrhundertwinter bleibt Brunos Zug zwischen Kiel und Hamburg im Schnee stecken. In einem kleinen Notquartier begegnet er einer jungen Frau, an die er sich bis heute erinnert.
Inhalt
Als die Landschaft verschwand
Im Winter 1978/79 war ich ein junger Marineleutnant in Kiel. Zwischen den Jahren wollte ich mit dem Zug nach Hause fahren. Ich freute mich auf Kartoffelsalat, Freunde und ein paar Tage ohne Dienst.
Schon am Bahnhof war die Luft voller Schnee. Der Zug kam verspätet und fuhr nur langsam. Hinter Kiel verschwand die Landschaft. Draußen war fast nur noch Weiß zu sehen.
Irgendwo zwischen Kiel und Neumünster blieb der Zug stehen. Wir steckten in einer Schneewehe fest. Zuerst warteten die Reisenden geduldig. Dann wurde es kalt, und die ersten begannen zu schimpfen.
Die Frau mit der roten Mütze
Schräg gegenüber saß eine junge Frau mit einer auffallend roten Strickmütze. Aus ihrer Tasche schaute der Ausweis eines Pflegedienstes. Als ein Mann sich laut über die Bahn beschwerte, sagte sie ruhig: „Immerhin sind wir zusammen stecken geblieben und nicht allein.“
Der Satz gefiel mir. Ich setzte mich zu ihr und stellte mich etwas zu förmlich vor. Sie hieß Helga und arbeitete als Krankenschwester in einem Altenheim. „Setzen Sie sich ruhig, Herr Flotte“, sagte sie und grinste.
Nach einigen Stunden wurden wir aus dem Zug geholt. Durch hohen Schnee liefen wir zu einem kleinen Bahnhof, der als Notquartier diente.
Gemeinsam durch die Nacht
Im Warteraum standen Holzbänke und ein alter Ofen. Kinder weinten, ältere Menschen froren, und draußen drückte der Wind gegen die Fenster. Ich half, Decken und Plätze zu verteilen. Helga kümmerte sich um die Menschen, denen es nicht gut ging.
Sie hatte Tee, Traubenzucker und sogar ein kleines Blutdruckmessgerät dabei. Ohne lange Absprache arbeiteten wir nebeneinander. Später saßen wir auf dem Boden, weil alle Bänke besetzt waren.
Wir erzählten uns von unserem Leben. Sie sprach von den Bewohnerinnen ihres Heims und einem geplanten Orangentee für die Nachtschicht. Ich erzählte vom Dienst auf See. Der Tee schmeckte nach Rauch, aber er war warm.
Ein kurzer Abschied
Am Morgen kamen Räumfahrzeuge. Die Reisenden wurden nach ihren Zielen aufgeteilt. Helga musste zurück Richtung Norden, ich sollte weiter nach Süden.
Am Ausgang schrieb sie die Adresse ihres Altenheims auf einen Kassenzettel. Es hieß „Sonnendeck“. Falls ich einmal in der Stadt sei, solle ich nach Schwester Helga fragen.
Ich steckte den Zettel in meine Brieftasche. Benutzt habe ich ihn nie. Der Dienst ging weiter, dann kamen Übungen, Reisen und das übrige Leben. Irgendwann war der Zettel verschwunden.
Was von dieser Nacht blieb
Viele Jahre später sah ich mit meiner Helga eine Sendung über den Jahrhundertwinter. Ich erzählte ihr von dem festgefahrenen Zug, dem Bahnhof und der jungen Frau mit der roten Mütze.
Meine Helga hörte zu und legte mir die Hand auf den Arm. „Dann war sie für eine Nacht dein Licht im Schnee“, sagte sie. „Und ich bin für die restlichen Winter zuständig.“
In einer Schublade liegt heute eine rote Mütze. Es ist nicht die von damals. Ich habe sie viel später gekauft, weil ich die Erinnerung nicht verlieren wollte.
Wenn draußen Schnee fällt, denke ich an den Satz im Zug: Wir waren zusammen stecken geblieben und nicht allein. Manchmal ist das schon genug, um eine kalte Nacht auszuhalten.


