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Kolumne · erinnerungen

Die rote Mütze – Brunos Jahrhundertwinter 1978/79

Im Jahrhundertwinter 1978/79 bleibt Bruno irgendwo zwischen Kiel und Hamburg im Schnee stecken – und trifft eine junge Frau mit roter Mütze. Eine einzige Nacht, viel zu kurz und doch so warm, dass er sie nie vergessen hat.

Inhalt

  1. „Sehr geehrte Fahrgäste… äh… aufgrund der Wetterlage… wir müssen langsamer fahren…“
  2. „Na ja… immerhin sind wir zusammen stecken geblieben und nicht allein.“
  3. „Leutnant zur See Bohnebein, Marine, Nordflotte. Ist hier noch ein Platz frei, Fräulein…?“
  4. „Sie sehen aus, als hätten Sie gerade einen Stromschlag abbekommen.“
  5. Irgendwann sagte sie leise:
  6. „Hier. Falls Sie mal in der Stadt sind. Altenheim ‚Sonnendeck‘, fragen Sie nach Schwester Helga.“
  7. „Sonnendeck? Im Jahrhundertwinter? Sie wissen schon, dass das ein Witz ist?“
  8. Helga sah mich an. „Erzähl.“
  9. Ich setze sie auf, schaue aus dem Fenster in den Schnee und denke:

Als im Fernsehen neulich wieder von „Extremwetter“ geredet wurde, musste ich grinsen. Nichts gegen Sturm „Gudrun“ oder „Kevin“ oder wie sie alle heißen, aber in meinem Kopf gibt es nur einen richtigen Jahrhundertwinter: 1978/79. Der Winter, in dem Züge verschwanden, Straßen einfach aufhörten zu existieren – und in dem mir eine junge Frau mit roter Mütze das Herz auftauen musste, damit ich nicht selbst zur Schneeverwehung wurde.

Damals war ich Anfang zwanzig, junger Marineleutnant in Kiel. Verwendungsreihe Überwasseroperationsdienst – klingt groß, bedeutet in der Praxis: viel Wache, viel Wind, wenig Schlaf. Zwischen den Jahren hatte ich ein paar Tage Landgang ergattert. Plan: Mit dem Zug nach Hause in den Süden, einmal durchkuscheln bei Mutters Kartoffelsalat, Silvester mit Freunden, vielleicht ein bisschen angeben mit der Uniform. Der übliche Ego-Winterdienst.

Nur hat der Winter 78/79 sich nicht im Geringsten für meine Pläne interessiert.

Weiß. Nur noch weiß.

Schon in Kiel war die Luft so voll Schnee, dass die Laternen aussahen, als hätten sie Nebelschleier umgelegt. Auf dem Bahnsteig standen wir dicht gedrängt, Soldaten, Pendler, Familien mit Koffern, alle mit derselben Hoffnung: „Der Zug wird schon kommen.“

Er kam auch. Irgendwann. Ein Regionalzug Richtung Hamburg, voll, aber nicht voll genug, um mich abzuschütteln. Ich quetschte mich rein, Seesack über der Schulter, Mütze tief ins Gesicht. Kaum hatten wir Kiel hinter uns gelassen, merkte man: Das hier war kein normaler Winter. Die Welt draußen war keine Landschaft mehr, sondern eine unendliche, weiße Wand.

Zwischen Kiel und Neumünster kam die erste Durchsage, so leise, als hätte der Zugführer Angst, die Schneeflocken zu stören.

„Sehr geehrte Fahrgäste… äh… aufgrund der Wetterlage… wir müssen langsamer fahren…“

Langsamer war gut. Irgendwann war dann Schluss.

Ein Ruck, ein leises Stöhnen aus Metall, und der Zug blieb stehen. Kein Bahnhof weit und breit, nur Weiß. Wir warteten. Fünf Minuten, zehn Minuten, eine halbe Stunde. Draußen wirbelte der Schnee waagerecht am Fenster vorbei, als hätte jemand die Schwerkraft falsch herum eingebaut.

Irgendwann klackte wieder der Lautsprecher.

„Meine Damen und Herren, wir sind in einer Schneewehe stecken geblieben. Ein Weiterfahren ist vorerst nicht möglich…“

Es wurde still im Wagen. Dieses besondere Still, das nur entsteht, wenn viele Menschen gleichzeitig überlegen, ob sie jetzt schimpfen oder weinen sollen.

Die Frau mit der roten Mütze

Es war der Moment, in dem ich sie das erste Mal sah.

Sie saß schräg gegenüber, Fensterplatz, eine dicke Strickmütze in einem Rot, das gegen das Winterweiß protestierte. Die Nase war von der Kälte leicht rosa, aus der Jackentasche lugte ein Pflegedienst-Ausweis. Sie hatte eine Thermoskanne auf dem kleinen Klapptisch stehen und schrieb etwas in einen kleinen Notizblock.

Als ein älterer Herr im Gang laut schimpfte – „Das ist doch alles eine Unverschämtheit! Wo sind wir denn hier?!“ – hob sie den Kopf, sah zum Fenster hinaus und sagte leise, mehr zu sich als zu jemand anderem:

„Na ja… immerhin sind wir zusammen stecken geblieben und nicht allein.“

Ich weiß nicht, warum genau dieser Satz mich traf. Vielleicht, weil ich von der Marine her gewohnt war, dass im Notfall immer irgendein Obermaat rumschrie. Hier aber saß eine junge Frau mit roter Mütze und machte einfach einen Satz, der die Lage nicht besser, aber wärmer machte.

Ich stand auf, tappte zu ihr rüber und klopfte an ihren Tisch, als wäre das eine Kabinentür.

„Leutnant zur See Bohnebein, Marine, Nordflotte. Ist hier noch ein Platz frei, Fräulein…?“

Sie grinste, schob ihre Tasche von der Bank.

„Helga. Einfach Helga. Die Nordflotte kenne ich noch nicht, aber setzen Sie sich ruhig, Herr Flotte.“

So fing es an. Mit einem schlechten Witz und einem Lächeln, das besser war als jede Standheizung.

Notquartier im alten Bahnhof

Nach zwei Stunden im Schneegestöber wurde der Zug schließlich evakuiert. Irgendwo bei einem Dorf, dessen Namen ich bis heute nicht genau weiß, wurden wir ausgeladen und in Kolonnen zu Fuß durch kniehohen Schnee zu einem winzigen Bahnhof mit Güterschuppen gebracht. Die Bundeswehr war schon unterwegs in den Katastrophengebieten, hieß es, aber bis dahin müssten wir hier ausharren.

Der Warteraum war alt, mit Holzbänken und einem gusseisernen Ofen, der anfing zu leben, als jemand Kohlen organisierte. Kinder weinten, eine Frau versuchte, ein Baby zu wickeln, ohne dass es erfror, ein Mann telefonierte verzweifelt an einer gelben Telefonzelle, die erstaunlicherweise noch funktionieren wollte. Draußen pfiff der Wind um das Gemäuer, als würde er versuchen, sich auch noch reinzudrängeln.

Ich tat, was man als Marineoffizier eben tut, wenn das Meer plötzlich aus Schnee besteht: Ich organisierte. Freiwillig, versteht sich. Leute in Gruppen einteilen, Türen dicht machen, Decken verteilen. Helga war plötzlich neben mir, ohne dass wir groß darüber geredet hätten, wer hier mit wem arbeitet.

„Ich bin Krankenschwester im Altenheim“, erklärte sie. „Ich kann mich um die kümmern, die frieren, aber nicht jammern.“

Sie packte aus ihrer Tasche ein halbes Krankenhaus: Wärmflasche, Teebeutel, ein kleines Blutdruckmessgerät, Traubenzucker. Ich organisierte heißen Tee aus einer improvisierten Feldküche im Nebengebäude, sie die Leute, die ihn am dringendsten brauchten.

Wir arbeiteten Seite an Seite. Einmal hielt sie einer alten Dame die Hände, damit sie nicht zitterte, während ich versuchte, aus Mänteln und Koffern ein halbwegs dichtes Lager zu basteln. Unsere Blicke trafen sich kurz. In ihren Augen war Müdigkeit, aber auch so ein stiller Humor, als würde sie sagen: „Na toll, Silvester im Kühlschrank, aber wenigstens mit Publikum.“

Eine Nacht im Zwischenland

Als der Abend kam, hatten wir das kleine Bahnhofsgebäude in ein Notquartier verwandelt. Auf dem Ofen köchelte Tee, der nach Rauch schmeckte, aber warm war. An den Fenstern klebten Eiskristalle, draußen war nur noch Nacht und Weiß.

Die Bahn versprach, irgendwann am nächsten Tag würden Räumfahrzeuge kommen. „Irgendwann“ – ein unscheinbares Wort, das in dieser Nacht eine Ewigkeit lang war.

Die meisten schliefen Bald-mit-Klamotten, zusammengerollt in Mänteln. Helga und ich fanden keinen Platz mehr auf den Bänken und landeten auf dem Boden, Rücken an der Wand, zwischen einem Koffer und einer vergessenen Kiste mit alten Fahrplänen.

„Also, Herr Leutnant“, flüsterte sie irgendwann, „so habe ich mir den Jahreswechsel nicht vorgestellt.“

„Ich auch nicht“, murmelte ich. „Eigentlich wollte ich mich betrinken und ‚Auld Lang Syne‘ falsch mitsingen.“

Sie kicherte leise.

„Ich wollte Nachtschicht im Heim machen. Ich habe mit den Omis verabredet, dass wir Bleigießen verbieten und stattdessen Orangentee schmuggeln.“

Es war still genug, dass man das Knacken des Ofens hören konnte. Jemand schnarchte, irgendwo weinte ein Kind im Schlaf. Helga zog ihre rote Mütze ab, die Haare darunter waren elektrisch aufgeladen und standen ein wenig ab. Ich musste lachen.

„Sie sehen aus, als hätten Sie gerade einen Stromschlag abbekommen.“

„Wenn, dann von diesem Winter“, antwortete sie und rubbelte sich mit der Mütze durchs Haar. „Oder von Ihnen, Herr Leutnant, wer weiß.“

Sie sagte es im Scherz, aber mir wurde warm ums Herz, als hätte jemand heimlich die Heizung höher gedreht.

Wir erzählten uns Geschichten, wie man das nur in solchen Zwischenland-Nächten macht. Sie von ihrem Altenheim, von Frau Kröger, die mit 92 Jahren heimlich Schokolade unterm Kopfkissen versteckte. Ich von der See, den Wachen an Deck, vom Geräusch, das ein Schiff macht, wenn es durch schwere See geht. Ich malte ihr den Nachthimmel über der Ostsee in Worten, sie mir den Geruch von frischem Hefekuchen, den die Köchin im Heim manchmal backte.

Irgendwann sagte sie leise:

„Ich hatte mal jemandem versprochen, mit ihm nach Italien zu fahren. Sonne, Wärme, Vespas. Ist nie was draus geworden. Und jetzt sitze ich hier mit Ihnen in einem Bahnhof und wir teilen uns einen Tee, der nach Asche schmeckt. Das Leben hat Humor, finden Sie nicht?“

„Das Leben ist eine durchgeknallte Reederei“, antwortete ich. „Du buchst eine Kreuzfahrt in die Südsee und wachst auf einem Minensucher in der Nordsee auf.“

Sie lachte, und in diesem Lachen war so viel Leben, dass ich für einen Moment vergaß, wie kalt es draußen war.

Der Morgen danach

Irgendwann in den frühen Morgenstunden muss ich kurz eingeschlafen sein. Als ich die Augen wieder öffnete, war das Fenster nicht mehr pechschwarz, sondern milchiggrau. Das Licht eines neuen Tages kämpfte sich durch die Schneemassen.

Draußen röhrte ein Motor. Ein Schneepflug, ein Lkw der Bahn oder der Feuerwehr – irgendetwas Großes mit dem Willen, sich durchzubeißen. Die Nachricht machte die Runde: „Sie holen uns ab. Es geht weiter.“

Ein bisschen war ich enttäuscht. So seltsam es klingt: Diese Nacht in dem zugigen Bahnhof, mit der roten Mütze neben mir, war etwas, das ich gern noch ein wenig länger festgehalten hätte.

Wir wurden nach Zielrichtungen sortiert. Helga musste Richtung Norden zurück, zu „ihren alten Damen“, wie sie sagte. Ich sollte mit einem Transport Richtung Süden, zur nächsten größeren Stadt, von wo aus irgendwann Züge abgehen würden, wenn die Schienen wieder zu sehen waren.

Am Ausgang des kleinen Bahnhofs blieb sie stehen, die rote Mütze wieder auf dem Kopf, der Seesack über meiner Schulter.

„Also, Herr Leutnant“, sagte sie und sah mich ernst an, „falls Sie jemals wieder in so einem Winter stecken bleiben: Halten Sie Ausschau nach roten Mützen. Wir sind zäh.“

„Und Sie passen auf Ihre Omis auf“, antwortete ich. „Sonst komme ich mit einem Landungstrupp vorbei.“

Sie kramte einen Kugelschreiber und einen Kassenzettel aus der Tasche, schrieb hastig etwas darauf.

„Hier. Falls Sie mal in der Stadt sind. Altenheim ‚Sonnendeck‘, fragen Sie nach Schwester Helga.“

Der Name des Heims brachte mich zum Grinsen.

„Sonnendeck? Im Jahrhundertwinter? Sie wissen schon, dass das ein Witz ist?“

„Deshalb arbeite ich ja da“, sagte sie und drückte mir den Zettel in die Hand. „Wir machen aus jedem Wetter ein bisschen Sonnendeck.“

Dann hob sie die Hand zum Abschied, drehte sich um und stapfte zu ihrer Gruppe. Ein roter Punkt im weißen Chaos.

Was blieb

Den Zettel habe ich nie benutzt.

Nicht, weil ich nicht wollte. Ich habe ihn damals in meine Brieftasche gesteckt, zwischen Soldbuch und Kinokarten. Dann kam der Dienst, die See, die Übungen, das Leben. Irgendwann ist der Zettel verschwunden – vielleicht in der Waschmaschine ertrunken, vielleicht in irgendeinem Umzugskarton verloren gegangen. Ich weiß es nicht.

Was geblieben ist, ist die Erinnerung: der kleine Bahnhof im Nirgendwo, der Ofen, der nach Kohle und Hoffnung roch, die alte Dame, der wir die Hände wärmten – und eine junge Frau mit roter Mütze, die mitten in einer Schneekatastrophe gesagt hat: „Immerhin sind wir zusammen stecken geblieben.“

Jahre später, als ich längst ein anderes Leben hatte, saß ich mit Helga – meiner Helga – an einem Winterabend auf dem Sofa. Im Fernsehen lief eine Doku über den Jahrhundertwinter 78/79. Archivaufnahmen von eingeschneiten Zügen, von Soldaten mit Schneeschaufeln, von Menschen, die lachten, obwohl sie aussahen wie wandelnde Kleiderschränke.

„Da war ich auch irgendwo da oben“, murmelte ich.

Helga sah mich an. „Erzähl.“

Also erzählte ich. Von dem Zug, der stecken blieb. Vom Bahnhof. Vom Tee. Von der roten Mütze.

Sie schwieg, hörte zu, wie sie es immer tut, wenn sie merkt, dass jemand gerade ein altes Bild aus seinem inneren Album holt. Dann legte sie mir die Hand auf den Arm.

„Dann war sie wohl für diese eine Nacht deine Eisprinzessin“, sagte sie leise. „Und ich bin dein Frostschutzengel für die restlichen Winter. Klingt fair, oder?“

Ich lachte, aber in den Augen brannte es ein bisschen.

Manchmal, wenn draußen wieder so ein moderner „Extremwinter“ angekündigt wird und alle Hamsterkäufe machen, gehe ich an den Schrank im Flur. In einer Schublade liegt eine alte, verwaschene rote Mütze. Nicht ihre – die hat der Winter gefressen –, sondern eine, die ich Jahre später irgendwo gekauft habe. Einfach so. Aus Trotz gegen die Kälte.

Ich setze sie auf, schaue aus dem Fenster in den Schnee und denke:

Wenn die Welt draußen zufriert, kommt es am Ende nicht darauf an, wie viel Grad minus es hat. Es kommt darauf an, wer neben dir sitzt, wenn der Zug stecken bleibt.