Kolumne · Erinnerungen

Die paar Tage, die nach Zuhause rochen

Im Heimaturlaub lernt Bruno Bärbel und die kleine Laura kennen. Für wenige Tage entsteht ein Gefühl von Familie – warm, zerbrechlich und zu kurz, um daraus ein gemeinsames Leben zu machen.

Inhalt

  1. Eine Begegnung im Heimaturlaub
  2. Fahrradfahren hinter dem Supermarkt
  3. Wärme und plötzliche Unruhe
  4. Laura muss gehen
  5. Ehrlich gehen

Eine Begegnung im Heimaturlaub

Es war mein erster Heimaturlaub als frisch beförderter Offizier. Die Uniform hing über der Stuhllehne, und ich ging abends in die kleine Kneipe an der Ecke. Dort lernte ich Bärbel kennen.

Sie war geschieden und sagte, das Leben sei ihr manchmal zu laut. Wir redeten, bis der Wirt die Stühle auf die Tische stellte. Am nächsten Tag stellte sie mir Laura vor, ein kleines Mädchen mit ernsten Augen und einem viel zu großen Fahrradhelm.

Bärbel war zeitweise für Laura da. Die genauen Verhältnisse verstand ich damals nicht in allen Einzelheiten. Wichtig war nur: Laura vertraute ihr. Und sie fasste auch zu mir schnell Zutrauen.

Fahrradfahren hinter dem Supermarkt

„Kannst du mir Fahrradfahren beibringen?“, fragte Laura.

Wir übten auf einem leeren Parkplatz. Ich lief hinter ihr her und hielt den Sattel. Laura fiel hin, stand wieder auf und versuchte es noch einmal. Schließlich ließ ich los, ohne etwas zu sagen. Sie fuhr ein paar Meter allein.

„Bruno, guck mal!“, rief sie.

„Ich gucke die ganze Zeit“, antwortete ich.

In diesem Augenblick spürte ich, wie sich Familie anfühlen könnte. Nicht als großes Versprechen, sondern als eine Hand am Fahrradsattel und ein Kind, das sicher sein will, dass jemand hinsieht.

Wärme und plötzliche Unruhe

Am nächsten Tag kochten wir gemeinsam Nudeln. Bärbel summte, Laura malte, und in der Küche war es warm. Für eine Weile schienen unsere drei Leben mühelos zusammenzupassen.

Doch Bärbel war psychisch erkrankt. Ihre Stimmung und ihre Wahrnehmung konnten sich plötzlich verändern. An diesem Abend glaubte sie, ich würde sie belügen. Sie wurde abweisend und sagte Dinge, die mich verletzten. Später entschuldigte sie sich. Sie schämte sich und erklärte, in ihrem Kopf ziehe manchmal ein Gewitter auf.

Ich war hilflos. Ich wollte verstehen und merkte zugleich, dass Zuneigung allein eine Krankheit nicht auffangen kann.

Laura muss gehen

Wir versuchten, den nächsten Tag ruhig zu verbringen. Laura malte ein Haus mit drei Fenstern. „Da wohnen wir“, sagte sie. Ich hielt das Blatt vorsichtig fest, als ließe sich der Augenblick dadurch bewahren.

Dann kam der Anruf, dass Laura zurückmusste. Sie packte ihre kleine Tasche und legte den Fahrradhelm hinein. Auf der Treppe hielt sie meine Hand.

„Kommst du morgen wieder?“, fragte sie.

Ich musste bald zurück zum Schiff. Meine Antwort fühlte sich wie eine Ausrede an, obwohl sie wahr war. Unten stieg Laura in ein Auto und drückte den Helm an sich.

Ehrlich gehen

Bärbel und ich wussten, dass diese wenigen Tage kein tragfähiger Anfang waren. Ich konnte nicht versprechen, dauerhaft da zu sein. Sie brauchte Unterstützung, die ich ihr nicht geben konnte.

Wir verabschiedeten uns ohne Streit. Es war eine richtige Entscheidung, die sich trotzdem falsch anfühlte. Auf dem Schiff fragte niemand nach Bärbel oder Laura. Ich tat meinen Dienst. Doch in mir war nun ein Platz, den es vorher nicht gegeben hatte.

Wenn ich heute an Laura denke, höre ich ihre Fahrradkette. Wenn ich an Bärbel denke, wünsche ich ihr viele ruhige Tage. Was wir miteinander hatten, war kurz, aber wirklich.

Familie war für mich in diesen Tagen eine Hand, die ein Kind über einen Parkplatz begleitet. Irgendwann lässt sie los. Trotzdem schaut sie weiter hin.