Kolumne · Philosophischer Nachtisch

Was wir von unserer Familie mitbekommen

Augenfarbe und Haarwirbel sind nur ein Teil unseres Erbes. Auch Gesten, Sätze und der Umgang mit Nähe wandern durch Familien – und manches davon dürfen wir bewusst verändern.

Inhalt

  1. Ein vertrauter Blick
  2. Gewohnheiten werden zu Erbstücken
  3. Nicht alles, was weitergegeben wird, ist gut
  4. Gene sind kein fertiger Lebensplan
  5. Wir sind Erben und Anfänger

Ein vertrauter Blick

Manchmal schaut ein Kind in die Kamera, und plötzlich wird ein altes Familienfoto lebendig. Die Augen erinnern an die Großmutter. Das Lachen klingt wie das des Vaters. Auch die Art, den Kopf beim Zuhören schief zu legen, kann über Generationen wiederkehren.

Ein Teil davon liegt in unseren Genen. Augenfarbe, Körperbau oder Sommersprossen können vererbt werden. Doch eine Familie gibt noch viel mehr weiter.

Gewohnheiten werden zu Erbstücken

Wir übernehmen Sätze, Rezepte und kleine Rituale. Manche Menschen winken beim Abschied zweimal, weil es zu Hause immer so gemacht wurde. Andere decken sonntags den Tisch auf eine bestimmte Weise oder reparieren Dinge, bevor sie überhaupt jemand vermisst.

Solche Gewohnheiten sind nicht angeboren. Wir lernen sie so früh, dass sie sich später wie ein Teil unserer Natur anfühlen.

Auch die Art, Zuneigung zu zeigen, wird in Familien gelernt. Manche umarmen sich. Andere kochen, helfen oder fragen, ob das Auto genug Benzin hat. Liebe spricht nicht in jedem Haus dieselbe Sprache.

Nicht alles, was weitergegeben wird, ist gut

Neben Wärme können auch Angst, Schweigen und harte Sätze weiterwandern. In manchen Familien wird über bestimmte Ereignisse nie gesprochen. Kinder spüren trotzdem, dass dort etwas liegt.

Das bedeutet nicht, dass jede Last unverändert bei der nächsten Generation ankommen muss. Ein erwachsener Mensch kann einen alten Satz prüfen und entscheiden: Den gebe ich nicht weiter.

Vielleicht lernen die eigenen Kinder, offen über Gefühle zu sprechen, obwohl das früher nicht möglich war. Dann endet an dieser Stelle kein Familienzusammenhalt. Es beginnt eine freundlichere Form davon.

Gene sind kein fertiger Lebensplan

Biologische Anlagen beeinflussen uns, bestimmen aber nicht jede Entscheidung. Auch Erfahrungen, Beziehungen, Lebensbedingungen und Zufälle formen einen Menschen.

Wir sind deshalb weder bloße Kopien unserer Eltern noch völlig unabhängig von ihnen. Wir tragen etwas von vielen Menschen in uns und machen daraus ein eigenes Leben.

Ein Kind darf der Familie ähnlich sein und trotzdem einen anderen Weg wählen. Auch dieser Mut kann ein gutes Erbe sein.

Wir sind Erben und Anfänger

Jede Generation empfängt etwas und fügt etwas hinzu. Ein altes Rezept bleibt. Ein verletzender Satz verschwindet. Eine neue Gewohnheit entsteht, weil jemand zum ersten Mal regelmäßig sagt: „Ich bin stolz auf dich.“

Das ist ein tröstlicher Gedanke. Wir können unsere Herkunft nicht ändern, aber wir können mitentscheiden, was durch uns weiterlebt.

Vielleicht wird eine kleine gute Geste, die heute beginnt, später einmal Familientradition genannt. Dann haben wir nicht nur etwas geerbt. Wir haben selbst etwas Wertvolles hinterlassen.