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Kolumne · erinnerungen

Der Tag, an dem die See still war

Eine kleine Erinnerung aus der Marinezeit – über Flaute, Funkstille und die Kunst, die eigenen Gedanken zu hören.

Flaute, leeres Deck, nichts als Atem und Herzschlag: An einem stillen Tag auf See lernte ich, dass Stille nicht Leere ist, sondern eine Einladung—zum Hinhören, Sortieren und freundlich zu sich sein.

„Es gibt Tage auf See, da ist selbst der Wind müde. Man lernt, in die Stille hineinzuhören.“

An so einem Tag stand ich an der Reling und tat—offizieller Dienstgrad hin oder her—genau gar nichts. Die Schraube drehte gemächlich, die Möwen hatten Dienstfrei, und selbst der Schiffs­lautsprecher, sonst ein eifriger Bellmann, schwieg wie ein Fisch, der als Spion angeheuert wurde. Flaute. Die See lag da wie gebügeltes Tuch, und jeder Wellenkräusel hatte Angst, die Ordnung zu stören.

Im Bordalltag gibt’s normalerweise Geräusche, die Ihnen das Denken vorkauen: Kommandos, Takte, das rhythmische Klacken der Schritte auf Stahl. Doch an diesem Vormittag war nur noch mein Atem übrig und das leise Summen der Welt. Man schaut dann automatisch in die Ferne, als läge dort die Antwort. Tut sie selten. Also schaute ich nach innen.

Ich dachte an Heimathäfen und an meinen Bruder Karl, der damals noch fluchte, wenn die Kaffeekanne schlapp machte. Ich dachte an meine ersten Tage an Bord, als jeder Handgriff noch nach Metall roch und ich vor lauter Eifer die Stoppuhr in der Brusttasche warmgehustet habe. Und ich dachte an die merkwürdige Art, wie Stille Platz macht—nicht für Angst, sondern für Ordnung. Stille ist wie ein Bootsmann, der Ihnen den Knoten noch mal langsam zeigt, bis er sitzt.

Einer der Kameraden, wir nannten ihn „Fisch“, lehnte neben mir. Ein Mann, der mehr schwiegen konnte als ein Schrank. Er deutete mit dem Kinn auf die glatte Fläche: „Hörste?“ fragte er. „Nichts“, sagte ich. „Eben“, sagte er. „Jetzt hörste dich.“

Später, als die Sonne die alten Schweißnähte am Geländer zum Glitzern brachte, nahm ich mir Notizen: drei Zeilen in die Taschenkladde, krakelige Buchstaben, der Bleistift stumpf. Was Stille lehrt: 1) Der Wind kommt wieder—keine Panik. 2) Du bist nicht dein Lärm. 3) Gute Entscheidungen brauchen Platz zwischen zwei Atemzügen. Mehr stand da nicht, aber es reichte, um sich daran festzumachen, wenn der Dienst wieder anrollte wie ein Containerzug.

Gegen Mittag bekam der Maat Miesmine (Spitzname Deluxe) Unruhe in den Schuhen. „So kann das nicht weitergehen“, sagte er, „ohne Wind wird der Mensch wunderlich.“ „Wird er eben menschlich“, sagte ich. „Nicht auf meinem Deck“, brummte er und ordnete einen Gerätecheck an, der uns mehr arbeiten ließ als die Nordsee im Herbst. Ich mochte ihn dafür: Manche Leute halten die Stille aus, andere geben ihr Struktur. Beides hat seine Zeit.

Nachmittags, immer noch Flaute. Einer strich die Messing­platten, ein anderer schärfte Messer, als würden wir gleich die Stille filetieren. Ich blieb an der Reling. In der Ferne die Linie, die Himmel und Welt zusammenheftet. Von dort kam nichts; das Nichts kam von innen zurück, aber warm—wie ein Ofen, in dem endlich Ruhe einkehrt, wenn das Holz zu Glut geworden ist.

Gegen Abend tat der Wind so, als hätte er nur kurz geschlafen. Erst ein Seufzer, dann ein Hauch, schließlich ein richtiger Atemzug. Die See bekam wieder Gesicht, Falten, Launen. „Da isser wieder“, sagte Fisch, als sei ein alter Freund von der Toilette zurück. Und mit ihm kamen die Geräusche: knarrende Leinen, klopfendes Blech, die kleine, vertraute Hetze, in der man seine Hände wieder findet. Ich steckte die Kladde ein und wusste: Der Tag würde bleiben. Nicht wegen der Flaute, sondern wegen der Lektion.

Jahre später sitze ich an der alten Schreibmaschine. Die Tasten klingen wie winzige Schotten, die schließen. Helga ruft aus der Küche: „Bruno, es ist so still, hast du wieder die Sicherung rausgedreht?“ „Nein, Helga“, rufe ich, „ich höre mir gerade beim Denken zu.“ „Dann dreh beim Denken wenigstens den Herd an!“ Ich lächle. Stille ist kein Luxusgut, sondern Werkzeug. Man kann damit die Schrauben im Kopf nachziehen oder den Rost wegkuscheln. Manchmal reicht es, den inneren Lautsprecher auf „Leise“ zu drehen und sich eine Tasse Tee einzuschenken—und schon ordnen sich die Meldungen von allein: wichtig nach oben, unnützes Geklingel über Bord.

Was hat die See mir also beigebracht? Dass Stille nicht bedeutet, dass nichts passiert. Im Gegenteil: Sie ist die Werft, in der das Nächste repariert wird. Wenn der Wind wiederkommt (und er kommt immer), sind die Nieten nachgezogen, die Leine neu belegt, und der Kurs klarer als vorher.

Für den Landbetrieb taugt das erstaunlich gut. Wenn das Leben lärmt—Arztschreiben hier, Rechnungen dort, Nachrichtengewitter überall—lege ich eine Flaute ein. Zwei Minuten, Augen zu, raus aus dem Strom. Ich stelle mir die Reling vor und den weiten, gebügelten Ozean. Dann höre ich zu: erst dem Atem, dann dem Herz, dann dem einen Gedanken, der übrig bleibt, wenn alle anderen sich selbst entlarvt haben. Meistens ist es der richtige.

Neulich fragte mich ein Enkel: „Opa Bruno, was machst du, wenn du nicht weiterweißt?“ „Ich warte, bis der Wind wiederkommt“, sagte ich. „Und wenn er nicht kommt?“ „Dann bau’ ich einen Wind aus Stille“, sagte ich und zeigte ihm, wie man drei tiefe Atemzüge lang so tut, als sei der Ozean im Bauch. Er lachte, probierte es, und plötzlich war der Hausaufgabensturm gar nicht mehr so wild. Die See im Menschen kann mehr, als man denkt.

Heute also ein leiser Toast auf die Flaute. Ohne sie wären wir nur Segel mit Muskelkater. Mit ihr aber sind wir Seeleute, die wissen, wann sie die Hände still halten—damit der Kopf arbeiten kann. Und wenn’s wieder lärmt, bitte sehr: Kurs halten, Leinen klar, aber das Notizbuch griffbereit. Denn die Stille, diese alte Kameradin, schreibt die besten Zeilen, und sie verlangt nur eines: dass man ihr zuhört.

— Bruno, ehemaliger Überwasseroperationsdienst, heute Stiller im Dienst der guten Gedanken