Kolumne · Erinnerungen

Der Bahnhof, der nach Eisen roch

Nach der Musterung trifft Bruno am Bahnhof auf Ignatz. Ein schnell gegebenes Versprechen verbindet ihn mit zwei Menschen, deren Leben wenig später eine schwere Wendung nimmt.

Inhalt

  1. Ein Versprechen auf Gleis 4
  2. Besuche bei Constanze
  3. Der Anruf aus Rüdesheim
  4. Zwei Menschen gehen weiter
  5. Was der Bahnhof zurückließ

Ein Versprechen auf Gleis 4

Der Nachmittag nach meiner Musterung roch nach Regen und Eisen. Am Bahnhof in Hanau stand ich mit den Händen in den Taschen, als ich Ignatz Meuchel traf. Er war zwei Jahre älter als ich und ein Junge aus der Nachbarschaft.

Ignatz wollte nach Rüdesheim. Sein Bruder konnte sich acht Monate lang nicht um seine Weinstube kümmern, also sollte Ignatz den Betrieb übernehmen. Es war eine schwierige Zeit. Ignatz kam selbst mit Drogen in Berührung, und auch seine Freundin Constanze hatte Probleme damit.

Bevor der Zug einfuhr, bat er mich: „Schau ab und zu nach Constanze. Nur, ob sie es schafft.“ Ich sagte sofort ja. Damals dachte ich, ein Versprechen müsse vor allem entschlossen klingen. Wie schwer es werden konnte, wusste ich noch nicht.

Besuche bei Constanze

Ein paar Tage später öffnete Constanze mir ihre Wohnungstür. Sie wirkte müde und angespannt. Wir redeten über ganz gewöhnliche Dinge: Einkaufen, Wäsche und die ungeöffnete Post. Solche Gespräche gaben dem Tag für eine Weile Halt.

Wenn Ignatz anrief, hörte man im Hintergrund die Weinstube. Gläser klirrten, Menschen redeten, und er versuchte geschäftig zu klingen. Trotzdem spürte ich, dass es ihm nicht gut ging.

Dann kam ein Abend, an dem Constanze mit den falschen Leuten und den falschen Drogen zusammenkam. Als ich sie sah, wusste ich, dass freundliches Zureden nicht mehr reichte. Ich rief Hilfe. Sie kam in eine psychiatrische Klinik. Auf ihrem Küchentisch ließ ich Brot und Telefonnummern zurück. Mehr konnte ich in diesem Augenblick nicht tun.

Der Anruf aus Rüdesheim

Wenige Wochen später kam die Nachricht von Ignatz. Im Hof der Weinstube hatte ihn ein rückwärtsfahrender Lieferwagen erfasst. Er verlor beide Beine.

Ich war nicht dabei. Ich hörte die Nachricht zu Hause im Flur, zwischen Schuhschrank und Garderobe. Trotzdem hat sich dieser Ort in meine Erinnerung eingebrannt. Manchmal bleibt nicht der Ort des Unglücks, sondern der Ort, an dem man davon erfährt.

Lange schlief ich schlecht. Ich fragte mich, ob ich mehr hätte tun müssen. Dabei hatte ich weder Constanzes Krankheit noch Ignatz’ Unfall in der Hand. Das zu verstehen dauerte.

Zwei Menschen gehen weiter

Von Constanze hörte ich später, dass sie weiter Hilfe bekam. Ihr Weg blieb schwer. Ignatz lernte, sich mit dem Rollstuhl selbstständig zu bewegen. Am Telefon machte er bald wieder Witze. Manchmal lachten wir, nicht weil alles gut war, sondern weil Lachen für einen Moment Luft schuf.

Die beiden wurden für mich nie zu einer Warnung oder einem Lehrstück. Sie blieben Menschen, die ich gekannt hatte. Menschen mit guten Tagen, schlechten Entscheidungen, Krankheit, Mut und einer Zukunft, die anders aussah als geplant.

Was der Bahnhof zurückließ

Noch heute denke ich an das Ticket in Ignatz’ Hand. Es war nur ein dünnes Stück Papier, und doch schien es an diesem Nachmittag sein ganzes Leben tragen zu müssen.

Ich hatte am Bahnsteig versprochen, nach Constanze zu sehen. Vielleicht war dieses Versprechen zu groß. Vielleicht war es auch einfach das Einzige, was ein junger Mann einem anderen in diesem Moment geben konnte.

Wenn heute ein Zug unter einer Brücke hindurchfährt, ist der Geruch des alten Bahnhofs manchmal wieder da. Dann sehe ich Ignatz einsteigen, ohne sich umzudrehen. Manche Geschichten erleben wir nicht am Ort des Geschehens. Trotzdem bleiben sie ein Teil von uns.