Kolumne · erinnerungen Der Bahnhof, der nach Eisen roch
Hanau, Spätnachmittag nach der Musterung: Ignatz fährt nach Rüdesheim zur Weinstube des Bruders, Bruno verspricht, nach Constanze zu sehen – eine leise Tragödie nimmt ihren Lauf.
Der Bahnhof, der nach Eisen roch
Der Spätnachmittag nach der Musterung roch nach Eisen und Regen. Hanau, Gleis 4, die Lautsprecher nuschelten die Namen der Städte wie alte Bekannte. Ich stand mit den Händen in den Taschen, und da war Ignatz Meuchel – zwei Jahre älter, Nachbarsjunge, ein Lächeln, das sich anstrengte.
„Ich muss rüber nach Rüdesheim“, sagte er und hielt das Ticket, als sei es ein Verband. „Mein Bruder… acht Monate. Ich halte die Weinstube am Laufen.“ Wir wussten beide, was alle wussten: Der Bruder wegen Steuern, Unterschlagung; Ignatz selbst nicht frei von Stoff, und Constanze, seine Freundin hier in Hanau, auch nicht.
Der Zug verspätete sich, wie immer, wenn man rasch fort will. Ignatz bat mich: „Schau ab und zu nach Constanze. Nur, ob sie’s packt.“ Ich nickte. Ein Ja, das zu schnell kam und trotzdem richtig war. Wir tranken Automatenkaffee; der Regen hörte auf, aber die Pfützen blieben. Dann fuhr sein Zug ein, und er stieg ein, ohne sich umzudrehen. Vielleicht, weil Umdrehen manchmal schlimmer ist als Wegfahren.
Constanze öffnete mir ein paar Tage später – Wimperntusche ein bisschen verrutscht, Stimme leise. Ihre Wohnung roch nach Heizungsluft und einer Art Mut, der bis abends reicht, aber selten bis morgen. Wir redeten über kleine Dinge: Einkaufen, Wäsche, Post. Wenn Ignatz anrief, war seine Stimme fern und geschäftig, voll Kreidekarten und Gläserklirren, und doch hörte ich den Zugwind zwischen seinen Sätzen.
Dann kam der falsche Abend mit den falschen Leuten und dem falschen Pulver. Ich sah, wie ihre Augen leer wurden wie Treppenhäuser nachts. Hände zitterten, Worte stolperten. Ich rief Hilfe; ein Wagen kam; jemand sagte Psychiatrie, sachlich, als wäre es ein Stadtteil. Ich hinterließ eine Tüte mit frischem Brot und Telefonnummern auf dem Küchentisch, die mehr versprachen, als sie halten konnten.
Ein paar Wochen später, ein Anruf aus Rüdesheim: Ignatz, im Hof der Weinstube, ein Lieferwagen im Rückwärtsgang, ein kurzer Pfiff, dann Stille, die nicht enden wollte. Später die nüchternen Sätze, die Leben in zwei Teile schneiden: „Beide Beine verloren.“ Ich war nicht dort; ich hörte es hier, im Flur, zwischen Schuhschrank und Garderobe, und die Wohnung wurde plötzlich zu groß.
Ich schlief lange schlecht. Nachts fuhren Züge durch meinen Kopf, und an jedem Fenster saß jemand, den ich nicht festhalten konnte. Constanze verschwand in Plänen und Visitenkarten von Stationen; man sagte, sie bekäme Hilfe, man sagte, es sei schwer. Ignatz lernte irgendwann, mit Rädern unter sich schneller zu sein, als die meisten es je sein werden. Am Telefon machte er Witze, die Mut sein wollten. Manchmal haben wir gelacht, aus Trotz.
Ich denke noch heute fast täglich an die beiden. Nicht als Lehrstück, eher als Zweiklang, der geblieben ist: das Ruckeln der Abfahrt in Hanau, die Luft im Rüdesheimer Hof, die ich nur vom Erzählen kenne, und dazwischen eine Hanauer Küche, in der ich Brottüten falte, langsam, als könnte Sorgfalt etwas richten. Vielleicht war mein Versprechen am Bahnsteig zu groß. Vielleicht war es gerade groß genug, um nicht zu vergessen.
Wenn ich an der Überführung stehe und ein Zug unter mir vorbeizieht, blitzt manchmal das Ticket in meiner Erinnerung auf: dünnes Papier, das viel tragen musste. Es rauschte, wenn man es bewegte – wie eine ganz kleine Welle. Manche Geschichten sind so: Man war nahe dran und doch nie am Ort. Aber sie hängen an einem fest, wie der Geruch von Wein an Holz, lange nachdem das Fass leer ist.


