Kolumne · brunos meckerkiste Überall Werbung – ich hör nix mehr
Medien, Social, Radio, TV, Streaming – gefühlt 99 % Reklame. Alles brüllt, nichts sagt was. Bruno dreht den Pegel runter und die Wut hoch.
Es fängt harmlos an: ein kurzer Clip, „nur mal eben“ die Nachrichten, eine Doku über Seehunde. Bämm. Vor dem Seehund: Rasierer gegen Männlichkeitskrisen. Nach dem Seehund: Joghurt mit Persönlichkeitsspaltung. Dazwischen „gleich geht’s weiter – nach nur wenigen Hinweisen unserer Partner“. Partner! Wenn das Partner sind, will ich Single bleiben. Mein Tag klingt wie eine Pfanne voll Werbespeck: es zischt, spritzt, stinkt – und am Ende brauchst du einen Abzug, keinen Inhalt.
Radio: Der Moderator haucht, als würde er mir Geheimnisse anvertrauen, und dann kommt die Staubsaugerwerbung mit Presslufthammer-Stimme. „Nur heute!“ – Ach was. „Nur immer!“ trifft’s besser. Pro Stunde drei Lieder, fünf Gewinnspiele, sieben Spots, und jedes zweite Versprechen wird an der roten Ampel entbunden. Fernsehen? Läuft wie ein Kirmeswagen: Laut, blinkend, klebrig. Eine halbe Stunde Film, zersägt in Werbe-Tortenstücke, garniert mit dem Satz „Wir melden uns gleich wieder“. Gleich – das ist das neue „niemals pünktlich“.
Streaming war mal das Rettungsboot. Ohne Werbung, sagten sie. Heute heißt das Boot „Ad-Supported“ und hat mehr Löcher als mein Geduldsfaden. Vor dem Film zwei Spots, im Film ein Spot, nach dem Abspann noch einer, der mir erklärt, wie schön mein Leben wäre, wenn ich mich jetzt sofort verschulden würde. Skip-Button? Winzig wie Mückenfuß. Dafür eine Uhr, die zählt: „Werbung endet in 47… 46…“ – ich habe schon OPs gesehen, die entspannter abliefen. Und nein, liebes Universum, ich möchte nicht, dass mir ein Shampoo „meinen Moment“ schenkt. Mein Moment ist der, in dem endlich keiner mehr schreit.
Social Media ist die Königsdisziplin der Dauerbeschallung. Ein Scroll – ein Spot. Ein Like – drei „Gesponsert“-Attrappen, getarnt wie Buschkrieger. „In Partnerschaft mit…“, „präsentiert von…“, „könnte Werbung enthalten…“ – Spoiler: Es enthält. Der Algorithmus hat mich ausgemessen wie ein Maßschneider mit Heulboje und jagt mir Dinge hinterher, die ich einmal im Halbschlaf gegoogelt habe. Eine Pfanne verfolgt mich seit Wochen. Ich kenne ihre Beschichtung, ihren Durchmesser, ihre Gefühlswelt. Was ich nicht kenne: den Frieden.
Helga sitzt auf dem Sofa, lässt Reels durchrauschen wie Seegang im Sturzbach. „Guck mal, süßer Hund!“ – „Werbung.“ „Oh, Rezept!“ – „Werbung.“ „Ach, eine echte Geschichte!“ – „Werbung mit echter Geschichte.“ Alles hat jetzt Tränen, sogar die Möbelpolitur. Der Sessel hat Angst vor dem Altern, die Küchenrolle trägt Verantwortung, das Auto fühlt mit den Kleinfamilien und die Versicherung ist dein bester Freund – bis du was hast. Dann ist dein bester Freund „unser Chatbot“. Ich sage es ungern, aber wenn ein Chatbot mein bestes Pferd im Stall ist, gehör ich zu Fuß auf die Landstraße.
Ganz schlimm: die „nativen“ Dinger. Früher hieß das Schleichwerbung. Heute heißt es „Storytelling“. Ein Artikel erklärt mir auf 800 Worten, wie ich besser schlafe. Ich schlaf schon beim zweiten Absatz ein – vor Langeweile – und wache beim Affiliate-Link wieder auf. „Transparenzhinweis“ in Schriftgröße Eins, irgendwo unterm Teppich. Danke für die Ehrlichkeit, wirklich großartig. Der Trick ist immer gleich: Gib der Reklame eine Weste aus Inhalt, dann fällt der Bauch nicht so auf.
Und jetzt kommt das große „Aber“: „Ohne Werbung gäb’s das alles nicht!“ Falsch. Ohne diese Werbung gäb’s vielleicht weniger Schrott und mehr Sorgfalt. Weniger „Jetzt sofort“, mehr „macht Sinn“. Man kann Inhalte finanzieren, ohne die Menschheit per Megafon zu entmündigen. Aber dazu bräuchte es Respekt. Respekt vor Zeit, Ruhe, Hirn. Das Hirn ist kein Litfaßpfeiler. Es ist ein Wohnzimmer. Und ich schwöre, es schließt die Tür, wenn noch ein Trupp „Exklusiv nur heute“-Clowns mit Tröten reinwill.
Radio macht „die beste Musik“, unterbrochen von „nur kurzen Hinweisen“. TV macht „gute Unterhaltung“, zerlegt in Werbesägezähne. Social verspricht „deine Freunde“, liefert „unsere Kunden“. Und mittendrin die Kinder, denen man in 15 Sekunden beibringt, dass Glück kostet und die Raten lächeln. Dann sitzen sie am Frühstückstisch und fragen, warum unser Toast nicht auch „magisch knuspert“. Weil Magie teuer ist, Kleines, und meistens aus Zuckersirup besteht.
Das Schönste: Werbe-Radar überall, sogar dort, wo man früher sicher war. Apotheke: „Nehmen Sie zwei, dritte gratis.“ Bahn: „Diese Reise wird Ihnen präsentiert von… Lärm.“ Arztzimmer: Bildschirm an der Wand, der mich zu Nahrungsergänzung bekehrt, während ich versuche, nicht an Nahrungsergänzungsmittel zu glauben. Tankstelle: ein Display, das mir beim Bezahlen empfiehlt, noch schnell ein Leben dazuzukaufen. Ich möchte einfach Sprit und eine Quittung. Kein Freundschaftsantrag mit dem Konsum.
Und kommt mir nicht mit „zielgruppengerecht“. Zielgruppengerecht heißt in der Praxis: Man erklärt Senioren die Welt wie Haustieren und verkauft ihnen Klangschalen gegen Einsamkeit. Gleichzeitig übt man bei Teenagern das Gaspedal für den Kaufreflex. „Nur heute! Nur du! Nur für immer!“ – Ja, nur nervig.
Ich drehe den Ton runter. Stille. Unglaublich, wie laut Stille sein kann, wenn sie nirgends mehr vorkommt. Plötzlich höre ich die Tasse, wie der Löffel klingelt. Plötzlich hat der Raum wieder Ecken, und die Gedanken legen die Schwimmweste ab. Es ist nicht weltfremd, nach Ruhe zu verlangen. Es ist überlebensfreundlich. Wer ständig angefunkt wird, vergisst seine eigene Frequenz.
Und dann stelle ich mir die gewagteste Utopie vor: ehrliche Minuten. Ein Radioblock ohne Spots. Eine Serie, die einfach durchläuft. Ein Social-Feed, der nicht alles verkaufen will – nicht mal mich. Ein Vertrag, der sagt: „Deine Zeit gehört dir. Wenn wir sie nutzen, behandeln wir sie, als wäre sie unser eigenes Porzellan: vorsichtig, sparsam, mit Sinn.“ Man wird ja noch träumen dürfen, solange der Traum nicht auf YouTube mit fünf Werbeclips beginnt.
Bis dahin bleibt mir der Not-Aus-Knopf namens „Aus“. Ich schalte aus. Ich zahle lieber für weniger als umsonst für mehr Krach. Ich lese Dinge, die nicht im Takt der Sales-Abteilung atmen. Und wenn wieder einer brüllt, dass sein Produkt mein Leben verändert, sage ich: Danke, das macht schon die Stille. Sie verkauft nichts – und hält alles zusammen.


