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Kolumne · brunos meckerkiste

Brunos Meckerkiste : Heiligabend im Supermarkt – benehmt euch!

Morgen Heiligabend, die Läden bis mittags offen. Drinnen rotieren Angestellte, draußen toben Last-Minute-Generäle. Bruno hat eine Nachricht: Respekt statt Randale.

Heiligabend minus eins. Der Supermarkt atmet wie ein Akkordeon im Marathon, die Schiebetür öffnet und schließt im Takt der Panik, und die Einkaufswagen knirschen wie Panzerketten auf Linoleum. Vorne am Eingang der Weihnachtskriegsrat: „Nur noch bis mittags!“, „Nimm zwei Netze Orangen!“, „Warum ist die Gans aus?!“ – Weil sie geflogen ist, mein Schatz. Nicht heute. Schon gestern. Schon vorgestern. Du hast sie nur nicht mitgenommen, weil du erst noch „ganz entspannt“ in den dritten Glühwein investieren musstest.

Und da stehen sie nun, die wahren Heldinnen und Helden dieses Irrsins: Kassiererinnen mit Marathonhandgelenken, Regalauffüller mit Sprintqualifikation, Marktleiter, die seit sechs Uhr in der Früh verhandeln wie UNO-Diplomaten: „Wir haben Nachschub, aber nicht teleportierbar.“ Währenddessen stolziert der Last-Minute-Feldwebel in Badeschlappen und Adrenalin zum Personal und bell’t: „Warum ist das ausverkauft? Es ist doch Weihnachten!“ – Genau, deshalb ist es ausverkauft. Das ist die berühmte Heiligabend-Physik: Dinge, die alle gleichzeitig wollen, sind irgendwann weg. Überraschung aus dem naturwissenschaftlichen Formelsatz „Wenn fünf Millionen Zimtsterne wollen, gibt’s keinen sechsten Millionen Zimtstern.“

Ich sehe eine Szene an der Fleischtheke, die ins Lehrbuch gehört: „KEINE GANS MEHR? Das ist ja eine Unverschämtheit!“ – Unverschämt ist, am 24. um 11:48 Uhr zu erscheinen, drei Kinder, zwei Schwiegereltern, null Plan, und dann den Frust auf die Thekenkraft zu kippen, die seit Sonnenaufgang Hack formt, als ginge es um den Weltfrieden. Nebenan bei den Brötchen: „Frisch sind die aber nicht mehr!“ – Nein, die sind genauso müde wie die Person, die sie seit Stunden nachlegt, während du im Auto geparkt hast wie ein Uhrwerk quer.

„Ich will den Filialleiter sprechen!“ – Natürlich willst du das. Der Filialleiter will eigentlich nur einen Kaffee, den er seit sieben Uhr nicht geschafft hat. Stattdessen erklärt er dir höflich zum vierten Mal, dass die Lieferung im Stau stand, weil das Universum an Heiligabend keine Privatspur für deinen Vanillepudding zieht. Und während er das sagt, scannt an Kasse 3 jemand in Lichtgeschwindigkeit, kassiert ein Lächeln, fängt einen Spruch, weicht einem Schnauben aus. Wenn es heute irgendwo Bonus geben sollte, dann bitte nicht für die, die „Unverschämtheit!“ buchstabieren können, sondern für die, die trotz allem „Schönen Abend noch“ sagen, ohne ironisch zu klingen.

„Aber die haben doch bis mittags auf!“ – Ja. Und danach ist Feiertag. Für euch. Die Menschen hier drin arbeiten heute bis zur letzten Minute, räumen anschließend noch auf, fahren heim, knallen vielleicht eine Tablette gegen Rücken rein und versuchen, Familie zu sein, während du noch im Auto darüber meditierst, wie unfassbar beleidigend diese ausverkauften Marzipankartoffeln zu dir waren. Donnerstag, Freitag ist zu, hurra, zwei Tage Luft – und am Samstag zerreißt es ihnen die freie Reihe wieder, weil du dann einfallsreich bemerkst, dass du das wichtigste vergessen hast: Geduld. Und Benimm.

Das Großmaul-Bingo an der Kasse ist ein eigenes Hörspiel. Feldstudie Kasse 5: „Dann kaufen Sie halt mehr ein!“ – Ja, klar, die Belegschaft lagert heimlich unter dem Dach noch fünf Paletten „Weihnachtswunder“ für Leute, die am 24. der Realität die Zunge rausstrecken. „Das ist doch deren Job!“ – Richtig. Ihr Job ist, zu arbeiten. Deiner ist, dich zu benehmen. Jobs sind verschieden, beide sind wichtig. Heute hat deine Kinderstube Schichtdienst. Leider unbesetzt.

Ich weiß, jedes Jahr dasselbe Theater. Und trotzdem benehmen sich manche, als sei der 24. neu erfunden worden. Du weißt, dass am Heiligabend Butter, Sahne, Mehl, Hefe, Orangen und der blöde Zimt in den Beliebtheitscharts oben stehen. Du weißt, dass gefühlte 80 % „nur noch schnell“ über die Schwelle trampeln werden, mit dem Tritt eines Elches in Schlittschuhen. Und du weißt, dass Menschen vor dir an dem Regal waren. Überraschung: Die haben Hände. Und Einkaufszettel. Und dieselben Wünsche. Und sie sind früher aufgestanden.

Was mich am meisten wütend macht, ist nicht der leere Sahneplatz. Es ist die Arroganz, mit der manche ihren Mangel zur Schuld derer erklären, die hier im Neonlicht die Hölle freundlich halten. Diese Leute werden laut, beleidigend, persönlich. „Was machen Sie hier eigentlich?“ – Die Antwort ist einfach: Euch versorgen, während ihr vergesst, euch selbst zu zügeln. Wenn schon nicht mit Vorplanung, dann wenigstens mit Anstand. Wer im Dezember das erste Mal von Weihnachten hört, sollte nicht bei der Kasse missionieren, sondern beim Spiegel.

Und ja, ich sehe euch, ihr Ruhigen, die „Kein Problem, schönen Abend“ sagen, wenn die Sahne alle ist. Euch möchte ich drücken, aber ich lasse es, wegen Wahrung der Würde und so. Ihr seid der Grund, warum der Laden hier nicht implodiert. Ihr und die, die im Stillen dem Team eine Schokolade hinstellen. Ihr seid der Beweis, dass Zivilisation möglich bleibt, selbst wenn die Panikkäufe anrollen wie Sturmflut.

Also, ihr Last-Minute-Generäle: Morgen ist Heiligabend. Ihr wollt Wunder? Fangt mit eurem an. Einmal tief durchatmen, ein Ersatzprodukt nehmen (ja, geht), ein „Danke“ an die Kasse, ein „Kein Stress“ an die Theke. Es gibt kein Menschenrecht auf Sahne um 11:59 Uhr, aber es gibt eine Pflicht zur Höflichkeit. Und falls euch dieser Gedanke zu radikal ist, hier mein Alternativvorschlag: Kartoffeln, Butter, Salz. Schlicht, gut, funktioniert. Und vor allem: ohne Theater.

Ich gehe jetzt, stelle zu Hause meinen Einkaufszettel in den Papierkorb und den Respekt in die Küche. Helga deckt den Tisch, ich rühre Soße aus dem, was da ist. Und wenn irgendwas fehlt, dann nicht die Manieren. Frohes Fest – besonders den Menschen an den Kassen. Ihr seid heute die stillen Engel. Der Rest? Darf gern mal den Mund halten und die Dankbarkeit einschalten.